Hallo Jonas,
es ist Zeit mich bei dir zu bedanken und es ist Zeit dir eine kleine Rückmeldung zu geben. Worum geht es?
Du hast mir vor einigen Wochen einen Musiktip gegeben – es ging um ein Stück aus der Matthäuspassion von Bach. Erinnerst du dich? Und aus diesem Tip ist einiges entstanden für mich. Ich hatte mir – ich hatt dir das geschrieben – eine Einführung in diese Passion bestellt. Das ging daneben, aus mir nicht bekannten Gründen wurde das nie bearbeitet oder geliefert. Dann habe ich mir eben die Passion zugelegt (Gardiner war mir zu teuer, es lief auf Rilling raus) und habe mich mit dem von dir empfohlenen Stück beschäftigt: mit großem Gewinn. Mit einem Gewinn den ich vielleicht erst in Jahren wirklich ermessen und ausdrücken kann.
Die ganze Matthäuspassion hat mich nun aber (als inkompetenten, wenig erfahrenen Klassikhörer) recht ratlos zurückgelassen. Das ist mir (noch) einfach zuviel. Drei Stunden – ich möchte mir bei einem Werk, das als Ganzes komponiert wurde ja nicht immer nur die Rosinen herauspicken ohne das Große und Ganze im Blick zu haben, und diese drei CDs haben mich einfach überfordert.
Aber dein Tipp „so ist mein Jesus nun gefangen“, das war wunderbar. Ich hatte jetzt sozusagen Blut geleckt. Bloß ist die Matthäuspassion ein für mich zu schwerere Brocken. Also bin ich folgendermaßen vorgegangen:
Wenn ich mich in diese Art der Musik hineinhören möchte (so dachte und denke ich), dann muß ich klein anfangen. Wie beim Sportmachen: die Matthäuspassion kommt einem Marathomlauf nahe, also kann ich da nur entmutigt herausgehen. Ich habe mir eine CD mit Kantaten von Bach besorgt (diesmal wirklich Gardiner, English Baroque Solists, Monteverdi Choir von 2000). Mit den Kantaten BWV 43, 128, 37 und 11 (in dieser Reihenfolge auf der CD).
Und nun befasse ich mich eine Woche lang nur mit der ersten Kantate (BWV 43). Dann eine Woche mit der folgenden --- und so weiter. Ich hör sie einmal am Tag, Teile die mich mitreißen höre ich auch öfter, ich befrage meinen Reclams Chormusikführer, ich lese die entsprechenden zugrundeliegenden Bibelstellen, hab eine Bachbiographie aus der Bücherhalle hier – kurz: ich hole mir alles was dem Verständnis dieser Musik dienen könnte und lasse sie immer wieder emotional auf mich wirken.
Und ich bin begeistert. Ich mag ja ein Dummkopf sein (kann nichtmal Noten lesen), aber ich dringe immer tiefer ein in diese Musik. Der abschließende Choral hat mich zu Tränen gerührtr, diese zwei Minuten waren ein Hörerlebnis wie ich es zuletzt in der Pubertät hatte. Unglaublich. Kopf UND Rückenmark... Ich hab sowas bei Rockmusik so nie erlebt. Die Tiefe (die ich erkennen kann als Laie, auch die schon) scheint bodenlos. Sogar die Rezitative (früher ein Inbegriff dessen was ich musikalisch überhaupt nicht nachvollziehen konnte) stören nicht nur nicht sondern machen das Ganze nachvollziehbar, erklären eine Terra Incognita, verleihen Tiefe und ich kann sie genießen (!). Ich lese immer den Text mit.
Diese Woche also steht BWV 43 auf meinem Programm, kommende Woche dann BWV 128. Eine Woche, eine Kantate, jeden Tag ne halbe Stunde und ein bißchen Lesen. So sind die ja auch gedacht. Wenn ich als werde sachaff ich sie alle und habe ein Universum entdeckt Wenn mich auch die Matthäuspassion überfordern mag – schon aufgrund ihrer schieren Masse -, das „So ist mein Jesus nun gefangen“, als Splitter aus dem Gesamtzusammenhang, das hat in mir ein tiefes Interesse geweckt mich dieser ganzen musikalischen Kultur anzunähern. Und da scheint mir eine Beschäftigung mit den Kantaten sinnvoller zu sein als gleich den Mount Everest besteigen zu wollen – zumal ich als Laie ja keine „Sauerstoffmaske“ dabeihab (in Form von Notenkenntnissen und Hörerfahrungen)...
Und das hab ich Deiner Anregung zu verdanken, Jonas. Schreib bitte nie nie wieder davon du würdest „existieren“. Du lebst. Und davon hast du eine Menge abzugeben. Mir hast du viel geschenkt. Manchmal beneide ich deine Enkelin – aber mit meinen 9 Jahren ists für einiges eben zu spät, ich sag das ohne Bedauern.
Vielen lieben Dank Jonas, und einen ganz lieben Gruß von Frank