Guten Abend!
Ich lese hier schon ein paar Tage mit, aber fühle mich jetzt gerade erst einigermaßen in der Lage, hier schreiben zu können. Vorher hatte ich ein Entspannungsbad.
Meine Therapie ist gestartet und ich möchte nun versuchen, über meine Gefühle zu schreiben. Bisher ging es nicht.
Also, wie fühlte ich mich damals?
In erster Linie schuldig und schlecht. Solche Sätze, wie Karl sie zu seinen Kindern sagte, habe ich auch von meinem Vater gehört. Es hat mich fertig gemacht- obwohl ich wusste, dass das Quatsch ist und mein Vater, im Grunde genommen, was die Situation mit Mutter betrifft, ein Versager.
Dennoch war da manchmal doch so ein kleines Stimmchen, welches mich fragte, ob ich nicht doch etwas dazu beitrage. Auch wenn ich prinzipiell wusste, dass das nicht stimmt.
Aber dennoch- wenn das der eigene Vater sagt, dann hat das eine andere Qualität.
Als ich kleiner war, schloss ich meine Schuld auch aus der Situation- Mutter gehts schlecht- ich bin Schuld:
- weil ich nicht gut genug bin
- nicht lieb genug bin
- nicht aufmerksam genug bin
- schlecht bin
- nicht aufräume
- nicht so toll wie andere bin
Ich fühlte mich ständig hilflos, verzweifelt. Mir fehlten Halt, Aufmerksamkeit, Bestätigung und Sicherheit. Es drehte sich nichts um mich- immer um Mutter. Wir Kinder liefen nebenbei mit.
Was macht sie, in welchem Zustand ist sie? Wie wirkt sich das auf die Stimmung zu Hause auf? Wenn Vater nach Hause kam, fragte er nie, wie der Tag in der Schule war, sondern nur "Hat sie getrunken?".
Ich wurde auch sozial isoliert. Wenn ich früher auch Freundinnen hatte- es waren keine guten Freundinnen. "Nur" diese psychogesprächsfähigen, wie Linde es beschrieb. Die mir aber wohl das gaben, was ich damals brauchte. Besuch hatte ich ohnehin nie- ich konnte und durfte ja mit niemandem drüber reden und einfach so, auf gut Glück, jemanden mitbringen, ging gar nicht. Man wusste nie, welchen Anblick der Besuch ertragen musste, welches Essen oder welche Stimmung. Ging nicht.
Als Kindergartenkind hab ich auch mal gesagt, dass Mama so komisch sei und ich nicht wüsste, was los wäre- oha, das gab Ärger und ich war noch eingeschüchterter, als ich ohnehin schon war.
Ich glaube, ich habe es auch nur dadurch überstanden, weil ich mich total zurückgezogen habe, die Nachmittage verschlief und mich gedanklich in meine Welt verkrümelte. Dissoziation passt wohl auch. Zwar ging vieles den Bach runter, ich konnte nicht die Leistung bringen, zu der ich im Stande war- auch mein IQ ist wohl nicht der niedrigste.. Aber letztlich langte es "nur" zu einem schlechten Abi und einem Studiengang ohne NC- der zu meinem Traumjob führte und mich durch selbstgewählte Schwerpunktsetzung im Bereich Psychologie auch ein Stück weit selbst therapierte.
Ich sprach mit meiner Therapeutin drüber und sie meinte nur, dass normalerweise Kinder aus "solchen" Familien nie an der Uni landen, weil sie vor lauter psychischer Belastung nicht mehr so leistungsfähig seien. Ja, Ressourcen hatte ich, die mir halfen. Meine Großeltern, die nun schon Jahre tot sind. Meine Therapeutin sagte mir auch auf den Kopf zu, dass ich in katastrophalen Verhältnissen groß geworden bin, auch wenn meine Eltern natürlich den ekelhaften Schein einer sorgenlosen Familie des Mittelstandes mit großem Auto und Eigenheim aufrecht erhalten.
Nur was nützt das, wenn sich hinter der Fassade die Mutter zu Tode säuft?
Mir tat es so gut, endlich jemanden zu haben, der einem im Gespräch hilft, das Häßliche anzugucken und "die Hand hält", damit man nicht wegschaut.
Vor allem war es ja schwierig, dass eben diese Verhältnisse da waren- aber mein Vater alles schön redete, das vermeintlich Gute hervorholte und alles miese unter den Teppich kehrte bzw mir als Einbildung ausredete. Man wird verdreht.
Seit diesem Gespräch kann ich sogar etwas weinen. Gerade habe ich Tränen in den Augen- vorher hätte ich mich kalt gegeben und alles an mir abprallen lassen.
Nunja. So sieht es aus. Manchen Themen kann ich mich immer noch nicht annähern; ich hoffe, dass es sich gibt.
Letztlich hat alles dazu geführt, wie andere es schon beschrieben. Eine Familie, in der es so viel Gewalt, Belastung und Streit gibt, bringt keine gesunden Eltern-Kind-Beziehungen hervor. Ich hasse meine Eltern zum Teil für das, was sie mir antaten. Sowohl durch aktives Handeln, als auch durch passives Nichtsunternehmen. Ich hasse sie für diese erbärmlichen Versuche, mir eine Schuld anzudrehen. Früher habe ich mich für diese Gedanken auch geschämt- aber seit der Sitzung weiß ich, dass diese Gedanken mich vor weiterem Schaden schützten, da ich mich besser distanzieren konnte.
Schönen Abend zusammen,
Zimttee