Hey Buschblume!
Ja, Angst, Mutter dort alleine zu lassen, hatte ich auch immer. Ich hatte auch immer Angst davor, dass er sie "aus Versehen" oder in der Wut umbringt.
Auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass die beiden so sehr aneinander kleben, dass man nicht dazwischen kommt. Wenn Mutter irgendwas an meinem Verhalten missfällt, steht Vater sofort hinter ihr und unterstützt sie. Umgekehrt genauso. Als er sie mal misshandelte und wir ihn aus dem Zimmer zogen, habe ich ihm gesagt, dass wir die Polizei rufen, sollte das nochmal passieren. Mutter hat mir den Anruf verboten- ab dem Moment war es auch mir egal. Was soll ich noch ausrichten, wenn sie zu ihm hält?
Ich war vor ein paar Wochen bei der Caritas und habe mich beraten lassen. Wie du sicher gelesen hast, erklärte mir die Beraterin, dass sich Partner arrangieren können. Sprich, unsere Väter akzeptieren, dass die Frauen trinken. Sie sind wiederum sehr abhängig von ihnen, weil sie sich alleine nicht versorgen können, dass sie die Sucht akzeptieren, so lange sie noch "anständig" versorgt werden.
Ich vermute, dass das auch der Grund ist, wieso Mutter so lange durchhält und weiterhin funktioniert.
Die Beraterin bei der Caritas hat auch 5 Mal nachgefragt, ob Mutter tatsächlich noch arbeite. Sie sagte, dass es ungewöhnlich sei, dass jemand nach über 20 Jahren Sucht überhaupt den Haushalt noch alleine schmeißen könne, geschweige denn arbeiten gehen könne.
Ich weiß nicht, ob dir der Sozialpsychiatrische Dienst weiterhelfen kann. Aber die Beratung bei der Caritas fand ich ganz gut. Die gibt es in allen größeren Städten. Wichtig ist erstmal, dass du an deiner Zukunft arbeitest. Die deiner Mutter kannst du nicht beeinflussen.
Ich habe in den letzten Jahren die Meinung gefunden, dass man so ziemlich alles erreichen kann, was man will. Außer vielleicht einen nassen Alkoholiker gegen seinen Willen trocken zu legen 
Wenn ich zum Beispiel einen Partner haben möchte, der nett zu mir ist und nicht so ein Idiot wie all die anderen, dann muss ich mehr Zeit in die Suche nach meinen Gründen, so jemanden toll zu finden, investieren, das Ganze überwinden und dann irgendwo "Mr Right" finden. Wenn ich allerdings so sehnsüchtig nach jemandem - irgendjemand- suche, der mich auch möchte und den erstbesten Hallodri nehme, die Zeit für Mr. Right nicht investieren will; dann stehe ich mir selbst im Weg, mein Ziel zu erreichen.
So ists auch mit den Eltern. Wenn ich den einfachsten Weg gehe, ihnen nie widerspreche, meine Bedürfnisse immer unterordne und bei ihnen bleibe- dann habe ich zwar keine größeren Schwierigkeiten, aber komme nie von ihnen los. Wenn ich allerdings auf meine Wünsche achte, widerspreche, mich distanziere, zwischendurch Nein sage.. Dann ist es anstrengender und kostet erstmal mehr Kraft. Aber irgendwann stellt man fest, dass es gar nicht sooo schlimm ist, wie erwartet- dass die Erde rund ist und man nicht so einfach vom Tellerrand runterfallen kann, wie es die Eltern immer vorausgesagt/gedroht haben, wenn man sich zu weit von ihnen entfernen will. Und dass man in ruhigen Momenten die Akkus auch mal aufladen kann, was zu Hause nie möglich war.
Am Anfang haben meine Eltern viel geklammert und mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Das ist mit der Zeit weniger geworden, etwas Akzeptanz ist da. Wobei sie immer noch versuchen, mir mit ihrem Gejammer in den Ohren zu liegen. Das zieht aber nicht soo sehr.
Hat dein Vater Sozialkontakte oder Hobbies? Also, hätte er ein eigenes Leben, falls deine Mutter sterben sollte?
Ich bin davon überzeugt, dass es für dich einen Ausweg gibt. Hier im Forum gibt es einen Spruch, in dem viel Wahres steckt: Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege.
Soll heißen: Wenn du wirklich willst, kommst du da auch raus.
Wobei ich häufig merke, dass man nie ganz davon los kommt. Traurig bin ich immer, wenn ich über die Zukunft oder auch große Teile meiner Vergangenheit nachdenke. Andere Kinder/Jugendliche schienen es immer soo leicht zu haben. Denen fiel vieles zu- gute Noten, Hobbies, viele Unternehmungen mit den Eltern. Ich war froh, mich irgendwie über Wasser zu halten, war nicht so unbeschwert wie andere und wurde daher von ihnen gemieden bzw. herablässig angeguckt, weil ich es in manchen Jahren nur so geradeeben über die (Schul-)Runden schaffte.. Während andere eine Glanznote nach der anderen schafften, wusste ich nicht, wie ich den Stress zu Hause aushalten sollte.
Mir hat es geholfen, meine Situation zu akzeptieren. An den Karten, die ich habe, kann ich eh nix mehr ändern.. Nur das Spiel, was ich mit diesen Karten bestreite.
Es ist in der Vergangenheit vieles falsch gelaufen, aber das ist nun Geschichte, ich lebe nun befreiter und kann vieles anders machen. Ich führe mir vor Augen, was ich geschafft habe. Dass es ein riesiger Kraftakt war, das Abi durchzuhalten und dass ich nun ein gutes Studium hingelegt habe. Dass ich eben das werten sollte, was ich aus meiner Situation gemacht habe und nicht was andere mit einem perfekten Familienhintergrund geschafft haben.
Manchmal muss man ein wenig gnädig zu sich sein.
Beginnst du ein Studium, oder zieht es dich einfach so von zu Hause weg?
Ich fands auch immer wichtig, mich mit meinem Geschwister gut zu verstehen. Einfach, weil man im selben Boot sitzt.