Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, dass ich sehr nach Sicherheit suche. Aber wenn ich mein Leben überdenke, dann hatte ich nie Sicherheit oder Beständigkeit.
Meine Mutter hatte sich schon zur Bewusstlosigkeit getrunken, da war ich ein Kleinkind und alleine zu Hause. Wenn ich von der Schule heim kam, wusste ich nie, was mich erwartet- entweder, gutes Essen steht auf dem Tisch, oder Mutter ist eingeschlafen und hat das Kochen vergessen, oder irgendwas brennt grad auf dem Ofen an und sie ist eingeschlafen.
Finanziell war alles okay, solange, bis ich mein Studium begann. Die erste Zeit hatte ich keinen Job und bekam Geld von den Eltern- Bafög wurde mir nicht erlaubt, damit ich brav abhängig bin. So bekam ich dann immer Geld, womit ich knapp 2 Wochen auskam und wurde dann groß angeguckt, weil es nicht länger reichte. Manchmal musste ich sogar überlegen, ob ich nun zum Arzt gehe und 10 Euro dafür bezahle- oder ob ich dann für den Rest der Woche noch genug Geld zum Essen kaufen habe. Das war echt nicht schön und hat mich sehr geprägt. Es ist mehr als einmal vorgekommen, dass ich dann zu Hause anrief und sagte, dass ich kein Geld mehr habe und Mutter meinte, ich solle sie erst mal wieder am WE besuchen kommen, bis ich neues kriege. Ich mag gar nicht mehr dran denken
Überhaupt kam ich mir immer wie ein Versager vor- das wurde mir zu Hause eingetrichtert. Mein Vater glaubt nicht, dass ich ein Fliegengitter anbringen oder eine Glühbirne auswechseln kann.
In der Schule damals hab ich diese Rolle auch eingenommen.. Die Mitschüler hielten nicht viel von mir, die Lehrer auch nicht. Dann ist man irgendwann davon überzeugt und traut sich selbst nichts zu.
Ich glaube, dieser Umzug und der komplette Neuanfang haben mir total gut getan. Wie gesagt, ich habe einen Job bekommen, durch den ich endlich unabhängig bin und bekomme dort endlich gute Rückmeldung.. Ich bin bald mit der Uni durch, habe auch sehr an mir gearbeitet und Dinge geschafft, die ich nie für möglich gehalten habe. Das gibt einem ungemein Selbstvertrauen- Vertrauen in sich selbst. Ich bin ein komplett anderer Mensch geworden, die Leute starren mich mit offenem Mund an, zumindest die, die mich in den 3 Jahren nicht gesehen haben.
Ich finde es auch krass, wie sehr das alles Einfluss nimmt. Ich meine, mit meinem Partner habe ich nun die große Liebe gefunden, verstehe endlich, was es bedeutet... Und merke auch, wie toll es ist, als Partner auch ein Team zu sein, auf einer Augenhöhe zu stehen. Ich wäre fast vorher wieder auf das alte Muster reingefallen. Puh! Vorher hatte ich immer die Typen, die mich zu Beginn für stark und unabhängig hielten, um von mir mitgezogen zu werden und ansonsten fies wurden, mich anlogen.
Das kann ich nicht mehr nachvollziehen. Ich meine, wenn ich in einer Boutique bin und dort eine XXL-Tunika sehe, die grün-pink-lila gemustert ist, aber dafür nur 10Euro kostet, nehme ich die doch auch nicht mit? Ebenso wenig sollte man sich auch nicht mit dem ersten Typen abgeben, der nicht zu einem passt. Bei mir war es vorher schon so, dass ich eine Ahnung hatte, dass es mit diesen Typen nicht klappt- trotzdem habe ich mich drauf eingelassen. Und dabei ist die Tunika-Entscheidung von wesentlich geringerer Tragweite, als sich einen Typen anzulachen, der einen runterzieht.