Geraldjin hat absolut Recht- das ist wohl die bittere Wahrheit.
Ich glaube, der Unterschied zwischen einer persönlichen Beratung und hier ist, dass wir uns gegenseitig nicht sehen. Würde ich vor dir sitzen, würde es mir wahrscheinlich auch schwer fallen, Tacheles zu reden- auch weil die Aussagen, die ja dann schon scharf sind, noch einiges an Schärfe durch nonverbale Kommunikation erhalten- das wäre vllt too much.
Und beim Lesen ists ja auch so, dass du bestimmst, wieviel du lesen möchtest. In einer persönl. Beratung wäre das noch schwieriger.
Und ich weiß auch nicht, inwiefern die Berater das selbst alles durchhaben? Vielleicht haben wir traurigerweise einfach mehr Erfahrung.
Ich würde am Freitag nach dem Termin einfach mal fragen, wie der Termin war und wie es nun weitergeht. Habe ich damals bei Mutter auch. Zumindest schwingen da ja keine (direkten) Erwartungen mit drin, sondern du fragst einfach nach seiner Meinung. Sonst ist die Gefahr wieder zu groß, dass du den Kopf in den Sand steckst, wenn du vor der Wahrheit flüchtest und alles, was die Sucht betrifft, ausblendest. Ich überlege immer, was ich auch einen gesunden Menschen fragen würde-und nach einem Arztbesuch würd ich schon fragen, was los ist. Also, ist das meiner Meinung nach legitim. Es soll ja auch dir Klarheit bringen, wie er nun vorgehen möchte. Ihm vorher eintrichtern, was er zu sagen hat, würd ich auch nicht. Ich meine, er weiß schon, wo der Hase läuft- ob er nun beim Arzt ehrlich ist, wird dir zeigen, was wirklich bei ihm hintersteckt. Wenn er dann wieder kommt und erzählt, dass alles ok ist und der Arzt zufrieden war.. Weißt du bescheid. Dann hast du da wohl nicht mehr allzuviel zu erwarten. Dann würde ich auch das Feld räumen.
Du sagst, dass deine Kindheit nicht soo vom Alkoholmissbrauch deines Vaters geprägt war- aber dennoch scheint sich nun das gleiche bei dir abzuspielen wie bei deinen Eltern. Du suchst dir einen Typen, der die Person deines Vaters mit all seinen Suchtproblemen und Suchteinstellungen wiederspiegelt und begibst dich in die Rolle deiner Mutter. Ich bin der Meinung, dass uns vieles prägt, was wir gar nicht wahrnehmen- und das ist weitaus gefährlicher als das, was wir beschreiben können. Weil das, was uns bewusst ist, können wir umgehen. Aber das, was unbewusst vorhanden ist, können wir nicht erkennen und bekämpfen. Vieles von den Problemen meiner Eltern ist mir offensichtlich, weil sie ihre Kämpfe immer offen ausgetragen haben. Aber dennoch gibt es da auch noch Baustellen, die zum Beispiel meine frühe Kindheit betreffen. Schon damals hat sie mich entwertet und niedergemacht, hat ihre Überforderung an mir ausgelassen- und das steckt tief, damals hab ich nicht gemerkt, dass sie "nicht richtig tickt", sondern ich dachte, dass eine Mutter schon Recht hat, wenn sie sowas über ihr Kind sagt.
Das spüre ich jetzt noch, wenn ich vor Prüfungen bin, wenn ich mich in Gruppen integrieren will. Ich bin dauernervös und wirke auf sämtliche Menschen gestresst- egal, ob es meine Chefs sind oder Professoren an der Uni. Man braucht mich nicht sonderlich zu kennen, um das zu bemerken. Ich habe sogar eine Überproduktion von Stresshormonen entwickelt
Ich habe neulich mit meinem Coach erarbeitet, warum ich tagsüber nicht lernen kann, sondern erst, wenn es dunkel wird. Ganz einfach: Tagsüber war Mutter meist betrunken oder angeschickert, rannte hinter mir her, wenn ich veruchte mich zu entspannen oder es gab riesige Streits (Schreien, Gewalt) meiner Eltern, die durch Mark und Bein gingen. Schon das war psychische Misshandlung. Wenns ganz schlimm war, war ich dann noch der Blitzableiter. Zu Hause habe ich den Tag nur vergammelt, irgendwie rumkriegen, nicht nachdenken müssen. Zur Ruhe kam ich erst, wenn es dunkel wurde, Mutter ab 21, 22Uhr den Rausch auf dem Sofa ausschlief und später beide ins Bett gingen.
Es ist echt erschreckend, wie sehr Menschen anderen mit ihrer Alkoholsucht das Leben schwer machen können. Und es macht mich umso wütender, wenn ich mitbekomme, wie egal es ihnen ist und mit welchen Mitteln sie ihre Sucht weiterleben wollen. Ich glaube, kaum ein Co weiß, worauf er/sie sich einlässt, wenn er/sie sich auf einen Abhängigen einlässt. Das dicke Ende kommt erst Jahre später, bis dahin verändert sich die Beziehung schleichend, dass man es kaum merkt oder merken will. Und irgendwann sitzt man zu sehr drin, um einfach so gehen zu können und hat schon den ersten Knacks weg.
Anfangs haben Alkoliker ja durchaus noch lichte und liebe Momente und sind vorzeigbar, manchmal.. Aber ich bin mir sicher, dass sich kein halbwegs gesunder Mensch auf einen Alkoholiker einlassen würde, wenn er zu Beginn der Beziehung in die Glaskugel gucken dürfte und dann sieht, wie die Beziehung in 10 Jahren ausschaut.
Zu seinem Zitat: Du hast kein Problem mit Alkohol, sondern mit einem beratungsresistenten Alkoholiker.
Ich würde mich auf solche Diskussionen gar nicht mehr einlassen- denn du merkst ja, wie verquer seine Wahrnehmung ist. Bei ihm gehts anscheinend um Suchterhaltung und da setzt sein Hirn aus. Lass dir sowas nicht einreden. Auch wenn dir, mit etwas Abstand, klar wird, dass das Bullsh*t ist, was er von sich gibt.. Aber in dem Moment, wenn er es sagt, grübelt man ja schon erstmal. Man nimmt ihn immer noch als gesunden Menschen wahr, schätzt ihn und seine Aussagen so ein. Das ist aber der Fehler- er ist krank, sein Realitätssinn bestenfalls einfach nicht aktiv, im worst case nicht mehr vorhanden und die Argumentation eben auf Suchterhaltung getrimmt. Das ist seine Intention und nicht das, was du in dem Moment aus gesunder Perspektive erwarten würdest.
Zum Zitat deiner Mutter: Wichtig ist es ja, aus der Co-Abhängigkeit zu kommen- dabei ist es egal, in welcher Beziehung du seine Co bist- ob nun Partnerin oder platonische Freundin. Ich denke, es ist Augenwischerei zu sagen, dass eine Konstellation besser wäre als die andere. Dein Suchtmittel ist dein XY, egal ob er nun dein Partner ist oder ein Bekannter. Es geht nicht um den Perspektivenwechsel, sondern darum, Abstand zu der Person zu bekommen. Oder würdest du ihm einräumen, dass er statt Wodka oder Likör nur noch Bier trinkt?
Zu den Trennungsgedanken: Wenn du dich jetzt nicht trennen willst, weil du nicht weißt, ob du es durchziehst- dann nimmst du dir damit die Chance, eine Trennung zu vollziehen, an der du wider Erwarten festhälst. Vielleicht zeigt er in der Trennung sein wahres Gesicht, oder handelt so, dass es bei dir Klick macht- und macht dir die Trennung so leicht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Was machen eigentlich deine Urlaubspläne? Was hast du für Interessen, für Hobbies, die du im Alltag verfolgst? Was willst du erreichen? Was macht dich im Alltag glücklich? Was machst du für dich?