Ich kenne es in der Familie mit meinen Eltern nicht. So etwas wie, dass morgens alle noch zusammen im Bett liegen, in Ruhe und Harmonie zusammen frühstücken- gabs nicht. Es lag immer Stress, Streit und das Wissen um die schlimme Situation in der Luft, was alles überschattet hat. Sogar im Restaurant oder im Urlaub drehte sich alles nur um Alkohol- dass man den "Verdauungsschnapps" abbestellt, oder, wenn wir in Urlaub fuhren, dass alles durchwühlt wurde, ob sie irgendwo was versteckt hat. Hatte sie immer und selten wurde was gefunden. Dafür hat sie sich dann immer abgeschossen, wenn Papa mit Wühlen beschäftigt war.
Durch meine Oma habe ich etwas Normalität erfahren, ja. Vaters Seite ist von Alkohol nicht betroffen. Das war immer schön, sie freuten sich, wenn wir bei ihnen waren. Vor ihnen wurde immer alles versteckt- einmal wollten wir mit ihnen grillen, da war Mutter betrunken. Sie ist immer betrunken, wenn wir grillen. Oma hats gemerkt und sie gefragt- Mama wurde wütend und hats 10Minuten lang abgestritten. Oma kam nicht an sie ran. Vaters Eltern sind beide sehr alt (und krank) gewesen; Opa wäre heute 115 und Oma 105.
Und mein Vater- ja, ihm mache ich Vorwürfe. Kennst du das Bild mit drei Affen, die sich selbst Ohren, Augen und Mund zuhalten? So ist er- er hört nichts, sieht nichts und sagt nichts. Weil er von nichts weiß, kann man ihm nichts vorwerfen, Alkoholabhängigkeit kannte er nicht. Das ist seine Begründung. Aber wieso er von Anfang an nach Flaschen suchte, wenn er doch nichts wusste, konnte er bisher nicht erklären. Kindererziehung war aufgeteilt- Vater arbeitet, Mutter blieb zu Hause und alles war in ihrer Verantwortung. Wenn er nach Hause kam, hatte er seine Aufgabe erledigt und war für uns nicht zuständig. Mutter wusste, wie sie ihn manipulieren kann. Wenn wir anstrengend und nicht lieb waren, gabs hinterher noch eine Abreibung, wenn Vater nach Hause kam. In der Zwischenzeit ist er zum Choleriker geworden. Sehr unangenehm, er kann nicht diskutieren oder argumentieren, sondern schreit sofort, dass es einem durch Mark und Bein geht.
Von Vater gibts mitlerweile Anerkennung für meine Leistungen. Aber nun brauche ich das auch nicht mehr. Ich werfe ihm vor, dass er uns nicht beschützt hat- er sieht das nicht so- er wusste von nichts, nichtmal, dass es sowas wie Alkoholabhängigkeit überhaupt gibt. Und er meint, dass er Mutter oft genug gesagt hat, sie solle uns zu Liebe aufhören- aber das tat sie ja nicht, Schuldigkeit getan. Wenn ich ihm dann sage, dass er sie hätte rauswerfen müssen, werde ich entweder mit großen Augen ungläubig angeguckt, oder er heult selbst rum und badet in Selbstmitleid und will getröstet werden.
Einmal ist Mutter ausgetickt und war wie von Sinnen- total realitätsfern und hysterisch, sie wäre keine Alkoholikerin, ich sollte das Papa sagen. Ich dachte, sie wäre ein Fall für die Männer in weiß mit Zwangsjacke. Ich hab in der Küche einen Heulkrampf bekommen, Papa drückte dann auch auf die Tränendrüse, nahm mich in den Arm. Irgendwann kam Mutter in die Küche, Papa hats zuerst gemerkt, heulte dann nicht mehr, trat einen Schritt zurück, zeigte auf mich und sagte ihr, sie solle sich anschauen, was sie anrichte. Das war das erste Mal, dass er mich tröstete. Aber wohl nur, um mich vor Mutter vorzuführen.
Körperliche Gewalt gabs "nur" bis zu einem bestimmten Alter. Wir wurden mit dem Kochlöffel erzogen. "Bis er kaputt bricht" war ihre Androhung. Danach gabs psychische Gewalt; Herabwürdigungen, Beleidigungen.. Oder sie rannte fluchend durchs Haus und beklagte sich laut über uns in Selbstgesprächen. Aber da dachten wir ohnehin schon, dass wir wirklich schlechte Kinder wären und es verdient haben, wenn die Mutter uns nicht aufrichtig lieb haben kann.
Tja, mitlerweise weiß ich, was richtig gewesen wäre und wir natürlich nicht Schuld sind.
Ich habe einen festen Partner, der mich liebt, aufmerksam ist, mir zuhört, der mir Geborgenheit gibt. Ihm kann ich vertrauen. Dadurch verliert die Vergangenheit immer mehr ihre Bedeutung; ich kann es nun besser machen und Mutter ist eben krank und wird durch ihre "innere Hölle" genug bestraft. Das Verhältnis ist schlecht, ich habe keine innere Beziehung zu ihr. Wie auch? Sie hat alles kaputt gemacht. Wenn sie nun rumjammert, sie habe Oberbauchschmerzen, gehe ich nicht wirklich drauf ein, sondern verweise sie an den Arzt. Gespräch beendet.
Ich habe nur Angst, dass ich irgendwann genauso werde. Wenn ich mal Kinder habe und durch Schlafentzug und Stress anders reagiere, als ichs mir nun vornehme. Daher würde ich später eine Therapie machen, um zu meinen Kindern eine andere Beziehung aufbauen zu können und in Belastungssituationen anders als mit dem Kochlöffel zu reagieren. Zudem ist die Familie meines Vaters noch sehr vom Krieg geprägt. Das zieht sich bis zu meinem Vater, der für gewöhnlich keine Emotionen zeigt und auch kaum Nähe aufbauen kann. Bei mir soll das nicht weitergehen. Wenn ich die Beziehung zu meinem Partner betrachte, merke ich, dass ich zumindest in diesem Bereich schon anders geworden bin, als meine Eltern.
Danke für deinen Beitrag, Schnuffig! Er hat mir beim Nachdenken geholfen!