Lieber Nayouk
Was war passiert ?
Ich war eh schon neben der Spur. Es kam etwas unerwartetes, etwas ingesamt stressiges. Es löste Anspannung aus. Ich habe sie nicht wahrgenommen oder sogar ignoriert, bis sich das soweit in die unangenehme innere Unruhe gesteigert hat. Von Begin bis dahin war es ein Zeitraum von ca. 2,5 Stunden.
Es ist vielleicht ein profanes Beispiel, aber es hat mir gezeigt, wie sich sowas aufbauen kann und wie die Stimme des Teufels sich im richtigen Moment meldet.
Da ist im Gehirn schon ganz schön was verdrahtet worden (Synapsen), was da nicht hingehört.
Aber damit muss ich leben und deshalb bin ich hier.
Ich finde es sehr, sehr wichtig, solche Momente/Situationen hier anzusprechen. Respekt!
Dafür sind wir in einer Selbsthilfegruppe, nicht wahr?! Hier wirst du verstanden mit dem, wie es dir ergangen ist, das zeigen die freundlichen, klugen und empathischen Rückmeldungen, die du bekommen hast. Und es hilft dir, dich - und deine Veränderung in dir - besser zu verstehen.
Das Leben ist einfach auch so, dass es Dinge gibt, die schwierig sind und wo man manchmal erst nicht weiß, wie gehe ich damit um. Das passiert allen anderen Menschen (will sagen, Menschen, die nicht trinken) auch. Bei mir war es so, dass ich mit meinen Gefühlen, der wechselhaften Stimmung in mir, eigentlich mit meinem ganzen Innenleben, überhaupt nicht klargekommen bin. Und diese Gefühle wegtrinken wollte und musste, ja, am liebsten mich wegtrinken wollte.
Diese Gefühle sind aber halt noch da, wenn man nicht mehr trinkt. Und so, wie wir in der nassen Zeit reagiert haben, wollen wir ja nicht mehr reagieren, kein Wunder, dass da Saufdruck/Suchtdruck entstehen kann. Meine Erfahrung ist, dass dieser Suchtdruck mehr oder weniger stark sein kann - und oft nur von kurzer Dauer ist. Früher hielt dieser so unangenehme Druck gefühlt ewig an und wirkte unabänderlich und ich dem ausgeliefert. Hört sich jetzt dramatisch an, ich weiß, aber ehrlich, so empfand ich das, was daraus wurde, ist ja klar...saufen...saufen...
Rückblickend kann ich den Weg da raus so beschreiben: es ist wie ein neuer Pfad, den ich gegangen bin, ein zugewachsener, verwilderter Pfad, den ich vorsichtig und langsam betreten habe, den ich immer wieder unsicher, aber wachsam begangen bin. Immer wieder und wieder. Inzwischen gehe ich diesen Pfad, der immer wieder für Überraschungen gut ist und auf dem es immer wieder neues zu entdecken gibt, sehr gern und mit dem Bewusstsein dafür, dass es mein Pfad ist, mein Weg, der zwar schon ausgetreten ist aber keinesfalls langweilig, und von dem ich weiß, dass ich aufpassen will, dass er nicht wieder zuwuchert.
Für mich persönlich ist es hilfreich, in solchen Momenten, wie du oben beschrieben hast, jemanden anzurufen und mich mitzuteilen, es auszusprechen (was für mich lange Zeit extrem schwierig war). Hier zu schreiben, ist eine der besten Möglichkeiten, weil immer jemand da ist und darauf eingehen kann. Das ist meine Erfahrung.
Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr zugetextet, lieber Nayouk
Viele Grüße, Wacholderfrau