HalloTina,
ich habe etwa 4 Wochen nachdem ich zum letzten Mal Alkohol getrunken habe, hier im Forum - im geschützten Bereich - meinen "Rückfallbericht" geschrieben und eingestellt. Warum ich zunächst gezögert habe, ihn hier in diesem Thread zu wiederholen, weiß ich nicht, ich sehe keinen relevanten Grund dafür, diesen Teil meiner Geschichte zurückzuhalten. Ich übernehme den Text vom 6.8.2012 bis auf die ersten paar Zeilen, die mir zu personlich sind (und korrigiere auch keine Schreibfehler
)
Vor etwa 20 Jahren hörte ich nach einem Suizidversuch für 12 Jahre auf zu trinken...
--- Mein Leben begann angenehm zu werden, ich begann mich wohlzufühlen, auch in meiner Haut wohlzufühlen, hatte ein sehr schönes soziales Umfeld, die alle von meiner Alkoholabhängigkeit und einige von der schlimmen Zeit wussten.
Ich erlebte in diesen 12 Jahren viel Lebensglück und Lebensfreude, Leidenschaft und Lebendigkeit. Dass das mal für mich möglich sein würde, hätte ich nie für möglich gehalten.
Wann begann der Rückfall?
Mit Sicherheit nicht beim ersten Glas.
Es war klar, dass ich nicht mehr trinken wollte. Ich bin auch einige Jahre zu den AA gegangen, bis ich gemerkt habe, dass ich an einem Punkt war, an dem ich mich nicht mehr weiter entwickeln würde, bliebe ich weiter da. Auf mich wirkte das Leben der meisten AA-Freunde fad, farblos, leblos.
Meine Therapeutin sagte dann mal dazu, das wäre auch nicht die Form der Selbsthilfe, die ich brauchen würde, und sie ist auch der Meinung, dass wir beide irgendwann mal ein Gläschen Sekt zusammen trinken würden, weil sie glaubt, dass ich, so wie ich mich entwickelt habe, durchaus dann mal kontrolliert trinken könnte. Ich wusste genau, wie falsch diese Aussagen waren und dass sie nicht wirklich viel Ahnung über Alkoholismus hatte, ließ mich von ihr auch nicht irritieren, doch gehört habe ich das gerne, was sie sagte.
Ich erwähne dies hier nicht, um Verantwortung abzugeben, nein, ganz und gar nicht, ich erwähne es, weil es in die Sammlung der Dinge, der Gegebenheiten gehört, was meinen Rückfall betrifft. Das Wichtigste im letzten Abschnitt ist der Satz: doch gehört habe ich das gerne.
Ich denke mal, hier hat meine Überheblichkeit ihren Anfang genommen, denn ich dachte nämlich auch noch – gut, dass sie das nicht zu jemandem Anderen gesagt hat – denn ich weiß ja damit umzugehen.
Ich habe viel für mich getan, ich habe gelernt, für mich zu sorgen und meine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Auch nach der Trennung von den AA habe ich Trockenarbeit geleistet.
Aber es gab eben auch die Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Die Kinder waren relativ regelmäßig alle zwei Wochen für einen Tag bei ihrem Papa, der zwar Unterhalt (normalerweise) bezahlte, sich jedoch sonst um nichts, was die Kinder betraf, gekümmert hat.
Nachdem ich mich stabil genug fühlte, bewarb ich mich und bekam auch sofort den gewünschten Arbeitsplatz. Ich glaube, es gab kaum jemand, der diese Entscheidung verstanden hat, denn ich hätte es mir noch einige „gutgehen lassen“ können, ohne zu arbeiten, das wollte ich aber nicht auf seine Kosten.
Etwa nach etwa einem halben Jahr nach der Klinik habe ich wieder gearbeitet.
Ich kann zwar gut verstehen, dass ich meine Unabhängigkeit wollte, aber in meinen Augen war das falscher Stolz.
Es ging mir gut, ich hatte meine Werkzeuge gefunden, wie ich so leben konnte, dass es mir und meinen Kindern gut gehen konnte.
Wenn es mir gut geht, habe ich eine Fülle an Kraft und Energie, so fühlt sich das an und ich beschrieb das oft so: ich sitze an einer Quelle, aus der Energie fließt und fließt und ich kann schöpfen und schöpfen. Manchmal empfand ich diesen Segen schon als Fluch, weil ich kein gesundes Maß hatte.
Was ich damit sagen will ist, dass ich bereits nach einem halben Jahr wieder gearbeitet habe, war zu früh, auch wenn es mir gut ging und es noch über 11 Jahre gedauert hat, bis ich wieder getrunken habe.
Auch wenn ich für mich gesorgt habe, umsichtig war, achtsam war, auf meine Bedürfnisse geachtet habe, habe ich mir durch die permanente Ausbeutung meiner Kraft sehr geschadet.
Ich habe eine unmenschliche Stärke entwickelt, die nichts aber auch gar nichts mit Demut zu tun hatte, eine Stärke, mit der ich mir unweigerlich damals den Weg zum Rückfall geebnet hatte.
Warum ich nicht viel früher getrunken habe, mag vielleicht jemand fragen? Ich habe mein Leben genossen, war erfolgreich in meinem Beruf, habe noch eine weiter Ausbildung gemacht, habe für meine Kinder gesorgt, Haushalt, Hund, Katzen. Ich habe viel Bestätigung bekommen, die meiner Seele guttat. Bestätigung für diese weitere (tolle) Ausbildung, die ich nebenbei machte, Bestätigung auch, weil ich es geschafft habe, einen katastrophalen Tiefpunkt so gut zu überstehen und mir so ein gutes Leben aufzubauen. Ich war die Vorzeigeklientin meiner Therapeutin.
Ich habe wieder begonnen, Anderen zeigen zu müssen, wie toll ich bin, was ich alles kann, was ich alles auf die Reihe bekomme, welche Fähigkeiten ich habe…
Allerdings habe ich das auch irgendwann bemerkt, aber da war der vollbeladene Karren schon nicht mehr aufzuhalten.
Nun kommt noch der absolut klassische Fehler dazu. Ich hatte wieder eine Beziehung, in der ich mich wohlfühlte… ich habe diesem Mann gesagt, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich habe den neuen Freunden und Bekannten gesagt, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich habe nicht gesagt, dass ich trockene Alkoholikerin bin.
Ich weiß, es ist krass. Krass? Nein, ich habe mich längst vorher nicht mehr ernst genommen.
Irgendwann kam es eben dann zu dem einen Gläschen Sekt. Jeder oder die meisten von uns wissen, dass es keine Kunst ist, nach diesem ersten Gläschen wochenlang kein weiteres zu trinken. Es gab dann irgendwann in meinem Haushalt wieder Alkohol für Gäste – weil ich darüber stehe, der Alkohol kann mir ja nichts anhaben. Das ging auch eine ganze Weile gut. Sehr gut sogar. Es ging gut, bis der Tag kam, an dem mir etwas sehr nahe ging, eigentlich völlig egal, wenn es nicht dieser Grund gewesen wäre, wäre es jener gewesen. Ich trank alleine an meinem Geburtstag eine Flasche Sekt. Ich hatte allen Freunden gesagt, ich möchte mit meinem Freund alleine feiern, und der war dann so müde, dass er nicht feiern konnte… Was natürlich ein „sehr verständlicher und gut nachvollziehbarer Anlass“ war…
Am nächsten Tag war ich komplett geschockt und ich hatte wochenlang regelrecht Albträume, dass ich wieder trinken könnte.
Es hat langsam begonnen, es hat langsam zugenommen, es gab immer wieder Pausen, auch eine von einem Jahr, es wurde immer schlimmer, aber das muss ich ja hier niemandem erzählen.
Ich habe viel zu schnell den Respekt vor dieser Krankheit verloren,
Überheblichkeit, auch Oberflächlichkeit (auch wenn ich das in Bezug auf mich nicht hören mag), Selbstüberschätzung, Unehrlichkeit (vor allem mir selbst gegenüber) falscher Stolz und Leistungsorientiertheit haben ihren Teil dazu beigetragen.
Und dass meine Trockenheit zum Selbstläufer wurde.
Es war für mich selbstverständlich, keinen Alkohol zu trinken.
Was auch noch eine Rolle spielt ist, dass ich mir nie von jemandem gewünscht habe, dass er auf mich Rücksicht nimmt.
Interessant ist in meinen Augen auch, dass ich erst in der Therapie gelernt habe, dass auch ich wichtig bin, was mich sehr glücklich gemacht hat und ich später dann alles dafür getan, wieder unwichtig zu werden. Unwichtig für mich versteht sich.
Wacholderfrau