Guten Morgen,
Zitat
auch Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Schlag
Da ist sehr viel dran. Auch daran, dass offensichtlich in solchen Situationen das Gespür für das, was "normal" oder "richtig" sein sollte, verloren geht.
Und genau das ist Teil des Problems - die Verzerrung der Wahrnehmung, der Verlust des Vertrauens in die eigene Wahrnehmung von richtig und falsch.
Ich denke, Kaleu, das ist mit einer der Gründe, warum dein Post, der jetzt bei Renate am Kühlschrank hängt, so positiv von den COs aufgenommen wurde - weil dort genau die Mechanismen beschrieben werden, die dazu führen, dass jemand der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut und das Gespür für Verhältnismäßigkeit im Gewirr von Manipulation, Lügen, Beschwichtigungsversuchen, Liebesbeteuerung, Hilferuf, Verleugnung, Drohung ... etc. verliert.
Ich meine das nicht wertend oder im Sinne einer Schuldzuweisung.
Ich mag allerdings auch das Etikett "krank" nicht.
Der "gesündeste" Mensch ist nicht sicher vor solch einem irrationalen Verhalten in Extremsituationen, und Gewalt - psychisch wie physisch - gehört dazu, siehe Stockholm-Syndrom. Bei vielen Geiselnahmen gibt es keine direkten körperlichen Übergriffe, die Bedrohung allein reicht, um diese nicht nachvollziehbaren Mechanismen der Psyche in Gang zu setzen.
Es muss beruhigend sein für dich, Kaleu, dass du die Gewissheit hast, dich auch damals unter Alkoholeinfluss so unter Kontrolle gehabt zu haben, dass körperliche Übergriffe ausgeschlossen waren.
Wenn ich mag, werde ich später noch einmal genauer beschreiben, wie es bei mir abgelaufen ist. - Mein Ex XY hat das gleiche von sich behauptet ...
Was deine Sicherheit angeht, dich nach einem solchen Übergriff sofort zu trennen - die ist rein hypothetisch und ist bisher im realen Fall nicht bestätigt. - Auch ich hätte das früher jederzeit von mir behauptet.
Ich kann dein Unverständnis allerdings durchaus nachvollziehen, denn wie gesagt - von außen ist alles sonnenklar.
Etwa ein Jahr nach der endgültigen Trennung von meinem Ex-XY hat eine meiner Freundinnen eine Beziehung zu einem Mann begonnen, bei dem die Übergriffigkeit schon sehr früh sichtbar und der weitere Verlauf absehbar war.
Ich musste den Kontakt zu dieser Freundin abbrechen, weil es mich sehr belastet hat, vor allem die Erkenntnis und die Bestätigung, dass nichts, was ich ihr sage oder von meiner Erfahrung berichte, sie zur Beendigung der Beziehung bringen kann. Völlig unverständlich ...
Sie hat sie schließlich dann - an ihrem eigenen Tiefpunkt - beenden können.
Noch einmal - mit dem gesunden Menschenverstand ist es nicht nachzuvollziehen.
Umso wichtiger finde ich die Antwort auf die Frage, welche Lösungen es geben kann.
Tabuisieren und Pathologisieren (Stichwort "krank") hilft da meiner Ansicht nach wenig.
Lieber Gruß
Lea