Hi Nys,
ich misch jetzt mal Deinen Eintrag hier bei mir und bei Dir selbst etwas durch.
Ich find es gut, daß Du versuchst, hinter die Fassade zu blicken, tiefer zu gehen, zu ergründen, warum und wieso.
Und ich freu mich sehr drüber, daß Du Dir die Mühe machst und Dir auch zu mir ein paar Gedanken machst. Das ist lieb von Dir.
Es ist aber auch nicht so, daß ich mir gar keine Gedanken gemacht habe, nachdem ich mit dem Saufen aufgehört habe. Ich habe viele Dinge hinterfragt, einige Dinge geändert, allerdings nicht alles in Frage gestellt und nicht alles umgeworfen. Auf den Prüfstand kam so ziemlich alles, aber nicht alles hab ich bis ins letzte Detail aufgedröselt.
Es gibt Verhaltensweisen an mir, die für mich schon typisch waren, als ich noch nicht gesoffen habe...und einige davon hab ich mir erhalten. Wenn ich jemanden etwas zugesagt habe, dann war es für mich eine Selbstverständlichkeit, dies auch einzuhalten. Das hat sich nicht geändert. Geändert hat sich dagegen, daß ich nicht mehr jedem und allen etwas zusage. Ich bin da wählerischer geworden, meine Zusagen haben sich stark reduziert. Ich lösche nicht mehr jeden Brand, ich suche mir die Brände gezielt aus...Brände, von denen ich denke, daß zu löschen sie wert sind. Und die lösche ich dann intensiver.
Was sich auch nie ändern wird, sind Spontanaktionen von mir, die man von mir manchmal nicht erwartet. Die Tatsache, daß ich auch nüchtern noch gerne mal gewisse Normen überschreite, Dinge tue, über die andere Menschen vielleicht den Kopf schütteln, seh ich für mich sehr positiv...sie geben mir das Gefühl, am Leben zu sein. Der große Unterschied zum Saufen: Ich achte inzwischen darauf, bei meinen Aktionen niemanden zu verletzen. Meine Aktionen werden nicht auf dem Rücken von anderen Menschen ausgetragen. Als ich noch gesoffen habe, war mir das egal - Hauptsache, ich hatte meinen Spaß. Ob dabei andere Menschen (v.a. Frauen) gefühlstechnisch zu Schaden kommen, hat mich damals nur ansatzweise tangiert. Solange ich auf der Überholspur blieb, war es egal. Wer mit mir nicht mithalten konnte, blieb eben zurück.
Und genau das bin ich nicht mehr. Ich bin zwar teilweise immer noch unbequem, immer noch rebellisch, immer noch kindisch, immer noch träumerisch. Aber ich bin kein rücksichtsloser Mensch mehr. Und ich war nie ein Mensch, der sich alles bis ins letzte Detail überlegt, der genau plant, der alles haargenau wissen will. Und das hat sich nicht geändert, weil ich jetzt abstinent bin.
Das bedeutet jedoch nicht, daß ich nur einfach so trocken geworden bin.
Das nur als kurze Erklärung, weil ich das Gefühl habe, Du hast hier vielleicht etwas in den falschen Hals bekommen. Dein Input ist mir wichtig und nur weil ich nicht im Einzelnen darauf eingehe heißt das nicht, daß ich mir darüber keine Gedanken mache.
Lieben Gruß und schöne Zeit
Andreas