Moin Stern 13,
Du hast in einem anderen Thread folgendes Geschrieben:
"ich bin Co-Abhängige und habe mir diesen Beitrag durchgelesen. Mein Vater ist alkoholiker und hat nicht mehr viel Zeit. Ich habe versucht ihm zu helfen aber warum auch immer er sieht es nicht ein.
Mann will es immer nicht wahrhaben, du schreibst mir ich will mal sagen direkt aus der Seele. Genau das erlebe ich nämlich bei meinem Vater auch. Er verspricht aufzuhören aber nichts ist.(ich glaub es eh nicht mehr) er versteckt alles etc. Du hasst mir damit nochmal ein bisschen die Augen geöffnet und gezeigt, das ich nicht daran schuld habe es nicht gleich mitbekommen zu haben. ich bin jetzt schon soweit, das ich ihn nciht mehr auf das Thema alkohol anspreche es sei den ich sehe das er etwas trinkt. Da es dann immer in einen großen streit ausartete und er keinen mehr an sich rangelassen hat. Dann sage ich nur "du braucst es nicht verstecken, ich bin nicht blöd und sehe das da ein bier standt". Vielleicht ist es auch falsch zu resignieren, eventuell bestärke ich ihn darin das er weiter trinkt. Aber meine Kraft reich einfach nicht aus, um immer wieder dieselbe leier anzufangen. Aber ich gebe die hoffnung nicht auf das er es vielleicht doch schafft, denn in diesem Forum gibt es so viele die Trocken geworden sind. Danke für eure Beiträge und eure Ehrlichkeit. Auch als Co-Abhängiger helfen eure Beiträge sehr."
So blöd das klingt, aber ein Alkoholiker denkt tatsächlich, daß er seine Umwelt täuschen kann...viele kommen damit sogar durch. Ich hab nach fünf, sechs Bier zuhause steif und fest behauptet, daß ich nix getrunken hätte, obwohl wirklich jeder sehen konnte, was Sache ist. Im Nachhinein erkläre ich mir das mit ner immensen Verdrängung. Nichts kann mir im Nachhinein erklären, wie ein halbwegs intelligenter Mensch annehmen kann, seine Umwelt würde nichts mitbekommen. Zum Teil kamen Aussagen wie "Soo viel hab ich ja nicht getrunken" auch daher, daß man es selbst schon als normal betrachtet hat, auf diesem Level zu sein.
In Deinem, wie ich finde, schlimmen Fall will ich Dir mal etwas erzählen:
Alkoholismus hat in meiner Familie eine lange Tradition. Meine Oma soff, meine beiden Onkel (Söhne der saufenden Oma) soffen ebenfalls. Der Ältere der Beiden war ganz offensichtlich Alkoholiker, sein erster Akt, wenn er mal aus seinem knapp 300 km entfernten Wohnort zu Besuch kam, war die Schnapsbar zu öffnen und sich ungeniert zu bedienen. Als mein Vater (der einzige der Brüder, der keine Zeichen von Alkoholabhänigkeit zeigt) dieses Verhalten ansprach, ging mein Onkel eben plötzlich immer sein Auto tanken...das dauerte 15 Minuten, danach hatte er ne ordentliche Fahne. Der jüngere Onkel (mein Lieblingsonkel) hatte Probleme im Beruf...immer wieder wurde er von einer Referendarstelle zur anderen geschoben, ohne fest übernommen zu werden. Im Nachhinein betrachtet hat dies sein Selbstvertrauen offenbar ziemlich kaputtgemacht. Er hatte gewaltig zugenommen, war aber nach wie vor immer nett zu mir, so, wie man sich nen lieben Onkel eben wünscht. Als ich 14 war, kam ich gerade aus einem Auslandsurlaub mit meinen Fußballverein wieder, als man mir sagte, daß man meinen Onkel mit Gelbsucht ins Krankenhaus eingeliefert hatte. Als ich ihn besuchte, sollte ich auf Wunsch meiner Eltern von meinem Urlaub erzählen...ich fand es unheimlich unpassend, weil ich ihm ansah, daß er genau wußte, daß es nicht nur ne einfache Gelbsucht war. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, daß er Todesangst hatte. Die Hoffnung, meine Reiseerzählungen würden ihn aufmuntern, waren natürlich von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Er war danach noch trauriger, denn er wußte, er würde sein geliebtes Frankreich nie wiedersehen, nie mehr eines der Loire-Schlößer besuchen können.
Zwei Wochen später hat die Dialyse nicht mehr angeschlagen und mein Onkel starb im Alter von 30 Jahren. Nie wieder hat mich der Tod eines Menschen so bewegt wie seiner...ich fand es unfair, daß so ein lieber Mensch so früh gehen mußte und ich hasste Gott dafür.
Einer seiner letzten Einträge in sein Tagebuch kurz vor seinem Tod lautete:
Bin ins Krankenhaus eingeliefert worden mit Gelbsucht..........Alkohol ?
Ich weiß, daß er es in den letzten Tagen realisiert hat, daß es der Alkohol war, der ihm das Leben genommen hat. Aber noch wenige Wochen, Tage vorher war er nicht bereit, seine Krankheit anzuerkennen, sich selbst klarzumachen, daß er Alkoholiker ist.
Als meine Eltern seine Wohnung ausgeräumt hatten, wurden hinter der Wohnzimmercouch ungefähr 20 Flaschen Wein gefunden. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Flaschen zu verräumen.
Ich weiß, daß mein Vater meinen Onkel immer und immer wieder auf seinen Alkoholmißbrauch angesprochen hat...ich habe erst sehr viel später realisiert, warum mein Vater sich mit unserem lieben Onkel so oft gestritten hat (was ich damals als Kind unfair fand und meinem Vater übel anlastete)...er wollte ihn von seiner Sucht losbringen und hat es nicht geschafft.
Was ich Dir damit eigentlich sagen will:
Man hat wirklich keine Chance, den Alkoholiker zu bekehren, zu ändern, ihm zu helfen. Mein Vater konnte seinen Bruder nicht retten, Du kannst Deinen Vater nicht retten, obwohl ihr Beide alles versucht habt.
Du darfst auf keinen Fall den Fehler machen und Dich jetzt schuldig fühlen. Akzeptiere seine Krankheit und versuche, die Zeit, die Euch noch bleibt, sinnvoll und liebevoll zu nutzen. Das ist das Einzige, was Dir bleibt.
Ich wünsch Dir ganz viel Kraft
LG Andreas