Liebe Lindi
Danke für Deine Worte. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben wegen der Frage. Es ist ganz im Gegenteil gerade die Baustelle um die ich noch rumschleiche wie die Katze um den heißen Brei.
Fragen die man selbst immer bequem umschifft sind die Fragen die eine gewisse Arbeit - ein Hinschauen erfordern. Manchmal auch ein schmerzliches Hinschauen. Klar habe ich geweint als ich die Antworten schrieb und überraschend verklärt kam auch der Gedanke an das Geborgenheitsgefühl bei XY auf. Ist jetzt aber kein Kampf dagegen notwendig - weil ich es ganz bewußt zulasse und objektiv (daran arbeitend) bewußt vergleiche - wie ich dieses Gefühl neu in mein Leben integrieren kann. Unabhängig von XY. Es kommt ja aus mir. Auch die Sehnsucht und die Leidenschaft. Ist ja alles in mir und ich habe es doch in der Hand mit wem ich das lebe. Natürlich war das Spiel von Dominanz und Unterwerfung einfacher mit einem Menschen der mit den gleichen Defiziten und mit den gleichen Gedanken-Mustern unterwegs war. Da lief der Rauschzustand sozusagen automatisch an und ich konnte mir jederzeit sicher sein, daß ich genauso in der Lage war ihn in den 7ten Himmel zu befördern. Der 7te Himmel war also leicht zu erklimmen, - ein reales Leben hätte so ausgesehen, daß ich alle wichtigen Aufgaben und Arbeiten, alle lästigen Entscheidungen und überhaupt alles übernommen hätte - damit dieses Gefühl nie abhanden kommt. Damit wäre ich erpreßbar gewesen. Ich hätte alle Energie in seine Zufriedenheit und die Arbeit auf dem Hof gesteckt. Selber zurückgesteckt und nur für die paar schönen Stunden gelebt. Schrecklich die Vorstellung, was für eine Enttäuschung das geworden wäre - wenn das alles eines Tages selbstverständlich und immer noch ein Grund zum Saufen gewesen wäre.
Von dem was in einem Alkoholiker-Alltag sonst noch dazukommt mal ganz zu schweigen.
Also wichtige Erkenntnis: Das Glücks-Gefühl gehört mir. Und zwar mir allein. Es kommt aus mir, aus meiner Art zu leben und zu lieben. Ich kann es geben und nehmen. Ich brauche dazu nicht den richtigen Parameter.
Bzw. ich muß lediglich die Parameter ändern um es auch unabhängig von XY leben zu können.
In den Parametern die XY mitbrachte liegt der Schlüssel für meine Selbsterkenntnis. Ich muß dort anfangen zu bleuchten. Es hängt mit meiner Kindheit zusammen und auch mit den in mir vorhandenen Mustern. Das ist komplex und natürlich nicht fürs Offene geeignet.
Ausweglosigkeit ist mir aus meinem Kinderzimmer vertraut und deshalb haben auch meine Alarmglocken versagt, als die Liebe zu XY immer auswegloser wurde.
Die Traurigkeit die aus dieser Ausweglosigkeit kommt ist ein tief eingegrabenes Gefühl in mir. Trügerisch ist, daß es mir sozusagen
"heimatlich" vorkommt.
Was aber auch ein wichtiges Thema ist und mE nach auch bei vielen Co's gleich ausgeprägt: Der Wunsch nach Kontrolle und Abhängigkeit.
Das mit der Kontrolle paßt ja auch zu Deiner Auto-Fahr-Geschichte.
Ich wußte, daß mir XY die Kontrolle überläßt, die Führung. Damit verspürte ich "vermeintliche" Sicherheit. Gleichzeitig war er was das
Männer-Frauen-Bild angeht so traditionell geprägt, daß er damit genau meinen Wunsch nach beschützt und dominiert werden in den Bereichen erfüllte - in denen es mir angenehm war.
So wie ich von meiner Mutter Trost erwartete, als
ich die Kellertreppe runter fiel - so habe ich von ihm erwartet, daß ich bei ihm Trost für die "untröstlichen" Kinderjahre finde. Er hat da gut dazu gepaßt, weil er Männern die mich damals trösteten sehr ähnlich war.
Traditionell geprägte Männer an denen ich aufschaute und bei denen ich gerne gelebt hätte. Ein Nachbar und Nenn-Opa war zB so ein Zufluchtsort.
Er und sein riesig großer Garten mit dem Fischteich, aus dem er mir die tollsten FischGeschichten von einem Fisch seines Vornamens erzählte.
Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis. Er war aber ebenfalls Alkoholiker.
Und ich war immer seine "Verbündete"..... wie das Alkoholiker halt so brauchen. Als ich 11 Jahre alt war, hat er sich das Leben genommen.
So und jetzt werde ich die Parameter ändern.
Mein Mann hat mich schon so oft getröstet und ist wirklich für mich da. Wir sind gleichberechtigt auf einer Ebene. Keiner führt, keiner dominiert. Jeder trägt und übernimmt Verantwortung für sich und sein Handeln. Und es ist Verlaß da. Und wenn ich mal die Augen aufmache, dann gibt es noch viele andere Welten zu entdecken. Es muß nicht die Schablone sein, die mir meine Kindheit zurechtgeschnitten hat.
Ich bin ein mutiges fröhliches und ein bißchen wildes Kind gewesen.
Ich werde mir selbst versuchen die Mutter zu sein, die ich gerne wäre.
Kennst Du Ronja Räubertochter? Die Mutter von Ronja ist mein Ideal.
Ein Kind das mit so viel Freiheit und Liebe aufwächst, braucht später keinen der es beschützt und wärmt, keinen der nur in gegenseitiger Abhängigkeit leben kann. Die erwachsene Ronja würde sich einen gleichwertigen Partner suchen. Keinen der zuhaus dominiert und im Alltag alle Verantwortung abgibt. Also habe ich mit meinem Mann die richtige Wahl getroffen und werde die erwachsene Ronja mal beobachten. Die Frage ist noch offen: Wieviel Rausch ist ohne Abhängigkeit möglich?
Was die Jahrestage angeht, so war gerade auch der Jahrestag vom Tod meines Vaters. oh ja. Ich habe ihn sehr sehr geliebt und er mich auch. Und es hat nie einen Gedanken oder einen Wunsch gegeben ihn für sein Verhalten zu bestrafen. Jonas hatte das mal vermutet. Ich habe es gründlich hinterfragt. Ein klares Nein. Ich habe nur gelernt, daß Liebe mit sehr viel Unselbständigkeit und Unfähigkeit in Kombination daher kommen kann. Das hat mich großzügig gemacht. Zu großzügig, wenn es um meinen Selbstschutz geht.
Und noch was zu Jahrestagen: Ich habe die Geburtstage in den Kalender 2013 übertragen.... und danach gedacht:.....irgendeinen hast du vergessen? Ach ja........den von XY...........habe ich natürlich dann auch weggelassen. Aber witzig war, daß ich erst überlegen mußte.
Meine Güte ist das jetzt ein Roman geworden. Wer will daaas lesen?
LG
Nys
P.S.: Hey Lindi, ich finde Du hast auch ohne XY-Gefühle genug Stoff zu schreiben. Magst Du nicht doch einen Thread aufmachen? Ich kann ja jetzt auch nichts mehr zur CoAbhängigkeit schreiben - aber eine persönliche Weiterentwicklung ist auf jeden Fall noch drin. Und wie oben gesagt: Es sind manchmal gerade die Fragen von anderen, die einen ein Stück weiterbringen. 