Hallo Renate
eigentlich hab ich grad Forum-Pause. Dein Thema hat mich aber soooooo beschäftigt!
Ist ein Alkoholiker in der Lage zu lieben?
Ich habe im Beruf viele Alkoholiker kennengelernt und viel von Ihnen über Ihre Gefühle erfahren.
Das Gefühl einen Menschen zu lieben haben auch Alkoholiker. Oft empfinden sie sehr
starke Gefühle und können sich auf dieses Gefühl, jemanden zu lieben auch sehr fixieren.
Das heißt aber leider nicht zeitgleich, daß sie in der Lage sind dem geliebten Menschen
- und sei es dem eigenen Kind - eine Liebe zu geben, die der "geliebte Mensch" auch
als solche empfindet. Wenn ich nachfrage, stelle ich oft fest, daß dieser großen Liebe
entweder keine oder sogar widersprüchliche Taten entgegenstehen.
Beim Alkoholmißbrauch verändert sich mit den Jahren die Eigenwahrnehmung. Auch
die Wahrnehmung der anderen verzerrt sich. Oft verwahrlost der Alkoholiker auch innerlich.
Ich erlebe Menschen, die sich über die Jahre in scheinbar gleichgültige leere Hüllen verwandeln.
Etwas nachgebohrt, befindet sich darunter aber immer noch ein sehr ratloser hilfloser Mensch, der immer
unfähiger wird, logisch zu denken. Einfache Gedankenfolgen aneinander zu reihen und daraus Schlüsse zu
ziehen ist einfach nicht mehr möglich. Aktion und Reaktion miteinander in Verbindung zu bringen? Geht nicht.
Ich erlebe aber auch Alkoholiker, die sich bis zuletzt mit der allerletzten Kraft, bis zu ihrem Tod
im Rahmen ihrer Möglichkeiten um das geliebte Kind, Tier oder den Partner kümmern.
Ich glaube einem Alkoholiker das Gefühl von Liebe abzusprechen wäre unmenschlich.
Bei meinem XY hatte ich das Gefühl: Er braucht mich - ich brauche ihn. Wir können nicht ohne einander.
Das war berauschend für mich. Ich bin co und daher süchtig nach diesem Rausch. Das habe ich erkannt.
Bei meinem Ehemann habe ich das Gefühl: Er braucht mich, käme aber auch ohne mich klar bzw. ich brauche ihn
- käme aber auch ohne ihn klar. Das "brauchen" fühlt sich irgendwie anders an. Viel unspektakulärer.
Auch die Liebe ist irgendwie einfacher. Beinahe selbstverständlich. Keine Langeweile aber auch kein Rausch.
Ich bin ja grad noch am erlernen von Selbstliebe.
Komischerweise unterscheidet sich das zarte bißchen Selbstliebe, das sich bei mir gerade entwickelt - nicht
so sehr von der Liebe zu meinem Ehemann. Es ist eine ganz bewußte Wahrnehmung, ein Beobachten und
ständiges "Ja"- Sagen. Ja zu mir - Ja zu ihm. Überhaupt erlebe ich die Wahrnehmung des anderen und die
Wahrnehmung von mir selbst gerade sehr intensiv. Ich habe das Gefühl zum ersten Mal mir selbst
vorgestellt zu werden. Ich beobachte mich und bin manchmal verunsichert - sage dann aber schnell JA
zu mir. "Du bist ok!"
Partnerschaftliche Liebe:
Einander wahrnehmen und nicht in Frage stellen. Sich gelegentlich selbst hinterfragen und beim Partner Antworten zu bekommen, die aus
dem Blickwinkel des Gegenübers kommen. - Auch abgleichen, was stört unsere Zweisamkeit? - Sind wir
noch beieinander oder ist gerade jeder zu sehr nur bei sich selbst? Ein ständiger Dialog ist notwendig. Dazu
gehört Aufmerksamkeit, Zuneigung und Respekt. Verantwortung trägt jeder für sich, jeder kann sich aber
auch darauf verlassen, daß er notfalls mal ein Stück "getragen" oder "ertragen" wird.
Wenn ich liebe, dann sollte es zunächst mal eine Liebe sein, die den Partner um seiner selbst willen liebt.
Ich bin mal so krass und sage: Bedingungslos. In diesem Sinne liebe ich XY noch immer. (Auch als Säufer).
Wenn ich aber eine partnerschaftliche Liebe möchte, dann sollte auch meine Selbstliebe ein Wörtchen mitzureden haben.
Ich liebe in einer intakten Partnerschaft nämlich auch, weil es zu mir paßt diesen Menschen zu lieben.
Es paßt nicht zu mir (meiner Selbstliebe) XY (eine Säufer) zu lieben - weil ich dabei vor die Hunde gehe.
Bei meinem Ehemann, der mir ein guter Partner ist, würde es zu auch zu mir passen -noch für ihn
da zu sein und ihn zu lieben, wenn er mal ein Pflegefall ist. Um meiner Selbst willen, und um seiner selbst
willen würde die Beziehung und die Liebe nicht aufhören. Weil ich diese gute Liebe nicht wieder wegen einer
Sucht-Liebe / Rausch-Liebe verlieren will, habe ich mich auf die Suche begeben - was der Grund für die massiven
Gefühle zwischen XY und mir war. Rausgekommen ist: Zwei, die Abhängigkeit mit Liebe verwechseln. Gefühlte
Symbiose, wie sie nur bei Säugling und Mutter oder bei frisch Verliebten vorkommt. Eine Täuschung. Keine Wahrnehmung
Auf beiden Seiten keine reale Wahrnehmung. Vllt. heißt es nicht umsonst in der Bibel "....und er erkannte seine Frau"... wenn eine Vereinigung von Mann und Frau im positiven Sinne stattfand. In anderen Fällen hieß es "er wohnte ihr bei" - also fraglich ob er sie wahrgenommen hat. Bei meinem Mann habe ich immer das Gefühl wahrgenommen zu werden. Bei XY hatte ich mehr das Gefühl, er nimmt sich selbst stark - und mich immer nur ganz kurz wahr.
Liebe Grüße an alle, ganz besonders an Sarawen (Deine Umarmung aus der Ferne hat mir seeeeeeeeehr gut getan!)
LG Nys
(ich verschwinde dann mal wieder in den Zuschauer-Raum
)