Moin Mädels,
vor kurzem habe ich mich auch gefragt, wann ich eigentlich zuletzt in einer warmen Sommernacht mit Glockenblumenblüten im Haar und Grasflecken auf nasser Kleidung barfuss nach Hause gekommen bin, bis mir einfiel: Ich bin abstinent und vergesse deshalb jetzt einfach die Schuhe nicht mehr in der Botanik ;-).
Würde ich trinken, hätte ich weder Interesse an Jahreszeiten, Temperaturen, Menschen, Flüssen, Glockenblumen, Grillfeuern oder an dem schönen Gefühl, nachts barfuss durch nasses Gras zu laufen.
Ich habe mal erwähnt, dass es immer gut ist, einen Plan zu haben. Was mich oft gerettet hat, war allerdings ein Plan B: Ich plane öfter mal im Voraus Unternehmungen, auf die ich mich richtig freuen kann oder auch einfach einen kurzen Spaziergang abends um den See hier mit einem Freund, damit bei mir keine Unruhe oder Leere aufkommt.
Gleichzeitig überlege ich mir aber ebenfalls im Voraus etwas, was ich allein stattdessen tun könnte, falls diese Verabredungen aus irgendwelchen Gründen nicht zustande kommen, etwas, was mir auch Freude macht. So bin ich nicht in Löcher gefallen, die mich gefährdet hätten.
Da die Kerbe bereits geschlagen wurde: Solche Unternehmungen, wie Ihr sie beschreibt, würde ich ganz rasant aus dem Programm streichen. Es ist ein Höllenstress, den ich mir nicht mehr antun würde, denn ich bin keine Masochistin und muss auch nix beweisen.
Eniba, Du klingst für mich überwiegend eher einsam und antriebslos trotz der erwähnten Mädels, bist den ganzen Tag zu Hause und sitzt quasi die Zeit ab bis zu Deiner LZT (wenn ich mich recht erinnere). Das ist in der Phase der Entwöhnung, die Dir niemand abnehmen kann, besonders schwer. Als Erstes würde ich mir eine feste Struktur für den Tag basteln und mich auch daran halten. Feste Zeiten fürs Essen, den Haushalt und die Freizeit. Dann würde ich mir überlegen, welche Menschen ich kenne, die auch ohne Alkohol einen Abend überstehen und mich mit ihnen verabreden. Vielleicht kannst Du deine Mädels ja auch einzeln treffen und etwas mit ihnen unternehmen, dann ist es am Anfang leichter ohne den gewohnten Alkohol.
Für die Freizeit würde ich mir Dinge überlegen, die mir Spaß und Freude machen, wobei Bewegung vor allem in der Natur den meisten Menschen in dieser Situation noch geholfen hat. Falls es Dir schwerfällt, allein loszuziehen, nimmst Du dir vielleicht ein wenn auch noch so beklopptes Ziel vor wie an einen See zu fahren und dort die Enten zu füttern. Dann hast Du einen Punkt, an dem Du dich orientieren kannst und eimerst nicht so planlos durch die Gegend. Schwimmen gehen, Rad fahren oder auch allein ins Kino zu gehen sind z.B. Dinge, die man allein durchziehen kann, ohne allzu seltsam auszusehen :-). Ich würde mir einen Planer packen und meine selbstgesetzten Termine dort eintragen, die dann aber auch durchziehen. Auf diese Weise kann man auch einen Tag oder Abend zu Hause genießen (oder zumindest besser ertragen). Bewegen musst Du dich selbst, wenn Du deine Situation verändern willst, nur einfach die Zeit totzuschlagen und auszuhalten ist die schlechteste Variante. Carpe diem ;-).
Du, Step, stehst jetzt offensichtlich vor der schwierigen Aufgabe, Tacheless zu reden mit Deinen Leuten, um Dich selbst nicht zu gefährden. Du wirst Menschen verlieren, aber andere werden bleiben und auf manches wirst Du verzichten müssen. Vielleicht hilft es Dir, dich daran zu erinnern, wie Dein Leben in der nassen Zeit ausgesehen hat. Abhängig trinken zu müssen ist ja nun wirklich kein Spaß mehr.
Es wird sich alles einpendeln, wenn man dran bleibt und achtsam mit sich selbst umgeht, nur muss man die Schaltzellen im Hirni wieder neu besetzen. Das dauert seine Zeit und da gibt es keine Abkürzung.
Ich bin mir nicht sicher, ob nun alle Menschen in Eurer Umgebung mühelos auf den Alkohol verzichten wollen und werden, wenn sie mit Euch zusammen sind. Da ich weiß, dass meine Schaltzellen besetzt sind mit einem bestimmten Programm, gestehe ich genau dasselbe auch Menschen ohne Alkoholkrankheit zu. Wenn die mal feiern, trinken sie halt mehr oder weniger, für sie gehört der Alkohol dazu. Es hat bei mir irre lange gedauert, zu erkennen, dass ich Alkoholikerin bin und was Alkoholismus bedeutet. Wie könnte ich diese Erkenntnis von Menschen verlangen, die sich nie damit auseinandergesetzt haben, weil sie es nie mussten. In meinem Fall hat kaum jemals ein Mensch verstanden, wie gefährlich der Alkohol für mich ist, immer hörte ich nur: „Aber DU doch nicht!“ Niemals würde ich also auf die Idee kommen, diese Menschen mit Beginn meines abstinenten Lebens als „falsche Freunde“ zu bezeichnen oder ihnen ebenfalls ein Suchtverhalten zu unterstellen.
Im Endeffekt ist für mich aber nur eines wichtig: Ich muss mich selbst schützen und würde mich dann in aller Freundschaft trennen (müssen).
Euch ein schönes Wochenende.
Viele Grüße
Katha
PS: Ich sehe gerade, dass Joschi das Thema Struktur bereits behandelt hat, nur denke ich, dass wir aktiv bleiben sollten, auch wenn keine knifflige Situation ins Haus steht. Leben ist immer so verdammt schwer vorhersehbar 