Hallo Lena,
Deine Bemerkung „… das kommt ja auch irgendwo her…“ bezügl. „Macherin“ hat mich wieder mal stutzen lassen und es setzte ein komplizierter Denkvorgang ein :-).
Natürlich habe ich mich mit dem Thema schon öfter auseinandergesetzt, vor allem, weil das, was ich Dir zuletzt geschrieben habe, nur gerade mal einen Abschnitt von wenigen Monaten in meinem Leben umfasst und die restliche Zeit auch überwiegend eher Schadensbegrenzung erforderte.
Nun eimert man aber oft um ein Thema herum und nähert sich an, aber diese glasklare Erkenntnis stellt sich nicht ein, so dass man es anfassen kann. So fluffig, wie ich oft unterwegs bin, war in meinem Kopf als Teilzeitpragmatikerin wohl auch der Gedanke, dass diese Erkenntnis mir in der Praxis nicht weiter geholfen hätte, denn es hätte nichts an den Ereignissen und Umständen geändert, mit denen ich mich ständig aufs Neue wieder auseinandersetzen musste.
Nach den Überlegungen der letzten Tage bin ich jetzt davon überzeugt, dass ich dieses Verantwortungsgefühl für Andere in meinen Rucksack gepackt habe/packen musste, als ich als Jugendliche ständig für meine kleine Schwester in die Bresche springen musste. Mein großer Bruder beschränkte seine Bedürfnisse - zumindest nach außen hin - auf Null, war seine eigene kleine Insel und damit keine große Hilfe. Ich wünschte nur, sie hätten ihm das Sprechen beigebracht, dann hätte er sich vielleicht nicht heute vor zwei Jahren einfach verabschiedet.
Meine Mutter hatte viele tolle Eigenschaften und Fähigkeiten und war Justitia in Person. Genau wie bei Justitia fehlte allerdings (fast) jegliches menschliche Gefühl, weil sie die Schotten längst dichtgemacht hatte. Wie jeder Mensch hatte sie gute und schlechte Seiten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was sie im Krieg durchmachen musste und deshalb steht mir ein Urteil auch nicht zu. Das habe ich im letzten Jahr endlich begreifen können und seitdem ist Ruhe im Bauch.
Was aber von ihr abstrahlte, war absolute Härte. Sie konnte mein Leben in Sekundenbruchteilen in einen Eiskeller verwandeln, wurde nur sehr langsam richtig sauer, konservierte dieses Gefühl dann aber über Wochen, bei manchen meiner Ein- und Ausfälle sogar über Jahrzehnte. Ich habe sie geliebt. Jedenfalls sehr lange. Der Klassiker ist natürlich unter diesen Umständen, dass man unglaublich viel Zeit damit verbringt, immer hinterher zu rennen und um Liebe zu betteln. Ich hadere längst nicht mehr mit Kindheit und Vergangenheit oder betreibe irgendwelche Schuldzuweisung, denn es ist wie es ist, aber ich arbeite an mir.
Ich habe bei meinen Kindern ganz sicher nicht dieselben Fehler gemacht, aber dafür massenweise andere, die meine Eltern bei uns ausgelassen hatten :-).
Seit einigen Tagen scheue ich mich wieder, hier allzu Persönliches zu lassen, aber nun bin ich bereits auf dem Weg und das alles ist lange her, von den Menschen kaum Jemand übrig und es ist der Tag dafür… also weg damit.
Meine Mutter hatte nebenbei auch ein völlig gestörtes Verhältnis zum normalen Körpergefühl und zwischenmenschlichen Beziehungen und alles war schmutzig und eklig.
So habe ich für meine Schwester den Blitzableiter gespielt, z.B. Entschuldigungen für ihre Schule gefälscht wegen dringender Arztbesuche und meiner Mutter Krankenscheine gemopst und auch die gefälscht, weil sie meine Schwester gevierteilt hätte, wenn diese offen (und völlig vernünftig) nach der Pille gefragt hätte. Da mein Vater Monatelang immer abwesend war und ich ihn nicht um Hilfe bitten konnte, rangelte ich mit meinem Gewissen herum und startete dann aus Überzeugung meine Karriere als „schwarzes Schaf der Familie“, um Schlimmeres zu verhindern. Irgendwie so fing´s an, zum besseren Verständnis (auch für mich selbst).
„Macherin“, auch das höre ich öfter, aber es bedeutet doch lediglich, dass ich das Notwendige tue und alles zu erledigen versuche, weil es oft nur einen Weg gibt, auch wenn ich am Boden bin. Es bedeutet nicht, dass ich eine Maschine bin, die keine Gefühle hat, nie weint, nie verletzt wird oder ist, nie traurig, depressiv, ängstlich oder ohne Hoffnung ist, nie schwächelt, nie Hilfe benötigt, nie ungerecht wird oder unsachlich, zornig. Ich bin doch Menschin und ziemlich sensibel. Nur wenn ich bemerke, dass mich Jemand bewusst verletzten oder für dumm verkaufen will, klappt das Visier runter und da ist nichts als Gleichgültigkeit oder ein Hauch von Verachtung und letztendlich gibt es eine höfliche Antwort von mir.
Ich denke, es ist letztendlich einfach die Hoffnung, die mich immer und immer wieder aufstehen lässt. Meistens habe ich das Glück, auch noch ein Auge zu haben für die kleinen Dinge im Alltag, die mir Freude machen und die mich daran erinnern, dass es Sinn macht, weiter zu stiefeln. Manchmal hilft allerdings auch das nicht mehr.
Ich sehe es durchaus nicht als Schwäche an, Andere um Hilfe zu bitten. Ganz im Gegenteil. Nur bitte ich im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die ich persönlich kenne, erst um Hilfe, wenn ich es zumindest mal selbst bereits versucht habe. Ich will Andere nicht unnötig (über-)strapazieren. Schwere Lasten nehme ich aber zukünftig aus diesem Programm, da ich schon öfter unter irgendwelchen Brettern begraben wurde :D.
Ich schreibe ja immer sehr *hüstel* „ausführlich“ ;-), aber dies ist mir ein Anliegen, weil es Vielen so geht wie mir: Alle Anderen packen gnadenlos rauf, weil wir „so stark“ erscheinen. Schwächeln wir, heißt es oft nur: „Ach was, Du machst das schon!“
Seltsam, dass Viele von uns in Beziehungen dasselbe erleben: Statt loszulassen und zu gehen, schießen wir uns erst einmal ins eigene Knie und vergiften uns selbst mit Alk und anderen Drogen, Gedanken und Gefühlen. Filmrisse hatte ich auch, habe die aber oft bedenklich locker genommen.
Es klingt gut, was Du schreibst über Deinen Weg und ich freue mich gerade, dass Du Unterstützung hattest, als Du aus Deinem Hamsterrad gekrabbelt bist.
Ich verstehe gut, dass Dein Vater jetzt Thema ist. Solche Beziehungen sind schwer auszuhalten, wenn etwas im Raum schwebt, worüber nicht gesprochen wird. Bei meinem Bedürfnis nach Klarheit drängt es mich dann immer, einen solchen Zustand zu beenden, so oder so, denn vorher finde auch ich keine Ruhe.
Du hast ja aber Deinen Weg gefunden und lässt Dich nicht unter Druck setzen, das gefällt mir gut.
Fußball, da sagste was. Ich war gestern wieder mega traurig. Verdient gewonnen oder verloren ist eine Sache und Sport ist Wettkampf, aber eine Mannschaft vor Millionen Zuschauern zum zweiten Mal so dermaßen versagen zu sehen, ging mir irgendwie an die Nieren, so generell.
Dir wünsche ich einen entspannten Sonntag und weiterhin soviel Konsequenz und Stetigkeit. Ich gugg nachher mal, was von meinem Wald noch steht, nachdem hier auch die Autos kürzlich bis zu den Hüften im Wasser versanken.
Liebe Grüße
Katha