Hallo Matthias,
während ich mir in aller Ruhe seit gestern immer mal wieder durch den Kopf gehen lasse, wie ich Lena´s Frage an mich beantworten kann und auch Eure Meinungen zu Gedanken wälze, die Jeder für sich behalten sollte oder eben auch nicht, denke ich nebenbei auch über den neuesten und vermutlich letzten Thread von Manfred nach.
Ich hasse es, quasi über Menschen zu reden/schreiben, die sich nicht (mehr) äußern können, zu dem, was ich sage, aber in diesem Fall beschäftigt mich die ganze Sache schon. Da Du das Thema bereits angeschnitten hast, lasse ich gern auch was dazu in Deinem Thread.
Im Gegensatz zu Dir verstehe ich sehr gut, warum Manfred so heftig geworden ist, denn sachlich kann man viele Beiträge zu seinem Post ja nun wirklich nicht mehr nennen. Dann denke ich immer: Wie ich in den Wald hineinrufe, so knallt es heraus ("Produzier´mich nicht!" :D)
Für völlig normal halte ich seine Einwände und Bedenken/Gedanken, haben nicht die meisten von uns sich mit diesen Fragen auseinander gesetzt?!
Zehn Wochen ohne Alkohol sind eine beachtliche Leistung, zumal am Anfang jeder einzelne Tag nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Gemessen am Rest des Lebens ist es halt „nur“ ein Anfang.
Ich wünsche Manfred aufrichtig, dass er seinen Weg auf seine Weise gehen kann, ohne zu scheitern! Obwohl ich Niemandem etwas am Zeug flicken will und auch nicht pieselig bin, empfand ich persönlich die „Zwinkersmilies“ als absolut unpassend, vor allem nach so kurzer Zeit der (neuesten) Abstinenz. Es wirkte auf mich, wie Jemand, der mit dem Mors waggelt und dabei trotzig „Ätschibätsch, ich werde Euch zeigen, dass ich trotz Eurer Unkerei durchkomme, Ihr Vollpfosten!“
Nun geht´s aber nicht darum, etwas durchzustieren. Es ist kein Spiel! Offensichtlich glaubt Manfred immer noch, dass es Alkoholiker erster und zweiter Klasse gibt und es ihn ja nun so „schlimm“ nie erwischt hatte. Ein empfindlicher und weit verbreiteter Irrtum, wie ich meine, denn Sucht ist Sucht. Gleichgültig, was ich mir reinlitere, wie viel davon oder wie häufig: Sobald ich die Kontrolle verloren habe und gezwungen bin, zu trinken, bin ich süchtig.
Er glaubt nun, weil er durch ungeheure Selbstbeherrschung immer wieder auch bis hin zu beachtlichen 10 Jahren (soweit ich mich erinnere) abstinent leben konnte, würde es auch zukünftig so funktionieren können. Darauf gibt´s aber schon mal keine Garantien, auch oder erst recht nicht, wenn man meint, den größten Teil seines Lebens bereits hinter sich gebracht zu haben.
Die „mageren Jahre“ waren für ihn die ohne Alkohol, die „fetten Jahre“ die, in denen er getrunken hat.
Mir persönlich sagt das nur eins: In diesem speziellen Fall handelt es sich nicht um einen Menschen, der jemals eine zufriedene Trockenheit erreicht und gelebt hat und der immer wieder aus dieser Selbstkasteiung ausgebrochen ist.
Ich habe ihn mal darauf angesprochen, aber dieses Thema hat er ignoriert, zumindest hier.
Für zwanzig Minuten mag ich nun in seine Stiefel schlüpfen. Ich bin 64 Jahre alt, immer wieder rückfällig geworden, Spaß ist für mich immer noch mit Alkohol verbunden, der immer noch und überall um mich herum ist, auch bei mir zu Hause. Ich weiß, dass ich es über lange Strecken immer wieder ohne Alkohol geschafft habe und will den Rest meines Lebens jetzt „mal wieder vernünftig leben“, schon aus gesundheitlichen Gründen. Je älter ich werde, desto peinlicher werden ja auch absolute Ausfälle in der Öffentlichkeit und ich habe 0 Bock, mir ständig neue Brillen zu kaufen.
Ich habe aber nicht wirklich Spaß an dem abstinenten Leben, hatte ich ja nie. Also was soll sich ändern, wenn ich nicht bereit bin, etwas zu ändern. Ich stülpe mir wieder etwas über und zwänge mich da hinein. Anstrengend. Energieaufwendig. Verzicht pur! All die schönen und auch wertvollen Dinge, die ich tue, haben mir mit Alk eigentlich immer mehr Spaß gemacht. Hm.
Dieser Gedanke zerrt an mir, täglich. Jeden Tag sehe ich Andere, die sich nicht einschränken müssen. Meine Kumpels, meine Frau, dürfen weiter saufen. Ich nicht. Verdammt ungerecht irgendwie. Also, ich darf ja schon, kann mir ja keiner verbieten.
Mir kommt der Gedanke, dass ich mir meine Zeit ja einteilen kann. Ich muss nicht mehr jeden Tag 8-16 Stunden malochen. Das ist vorbei. Das schlimmste habe ich also hinter mir, keine Verpflichtungen mehr. Da könnt ich doch wieder. Zeit zum Erholen am nächsten Morgen hätte ich auch. Ist ja nicht wie früher, wo ich aufhören musste, als gar nichts mehr ging. Eigentlich.. für die restlichen Jahre.. könnt ich doch wieder. Gesünder wird eh Niemand im Alter. Ein Zipperlein mehr macht den Kohl auch nicht mehr fett. Mit 90 Jahren fang ich wieder an *he he*. Oder doch mit 80? Verdammt lang hin. 70? Bis dahin habe ich es wieder unter Kontrolle. Noch sechs Jahre. Wozu warten?!
Das muss so nicht passieren, aber ich kenne genügend Menschen, die gerade im Alter richtig losgelegt haben mit dem Gedanken: Nun kommt es ja nicht mehr drauf an. Es war schlimm für mich, zuzusehen, wie manches Leben auf diese Art beendet wurde und ich würde dann lieber meine restliche Energie darauf verwenden, mich notfalls mithilfe eines künstlichen Gebisses in Stützstrümpfe hineinzuzwängen, als mich mit dem Rollator zum nächsten Flaschencontainer schleppen zu müssen oder wenn ich die verheerenden Auswirkungen meines Gelages auch an mir selbst nicht mehr eigenhändig beseitigen kann, bevor mich Jemand sieht. In Würde altern halt.
Manfred, ich will Dir absolut nichts Böses, Dich nicht beschimpfen oder lächerlich machen aber falls Du dies hier noch lesen solltest, kannst Du Dir meine Gedanken vielleicht auch mal durch den Kopf gehen lassen. Sie sind auch für Andere, denn sich zu äußern, Jemanden zu erreichen und damit zum Überdenken anregen (evtl. sogar zu überzeugen ;-)), halte ich für einen besseren Weg als Jemanden zu beleidigen oder mit der verbalen Keule passend zu machen.
Dir, Matthias, danke ich für Deine Gedanken zu diesem besonderen Mitbetroffenen und hoffe, dass ich weiterhin die Genehmigung habe, auch bei Dir die Zeilen zu sprengen :-).
Du hast einfach Glück mit Deiner Gutesten, aber verlangen kann ich diese Haltung von Niemandem. Ich kann mich erklären und darum bitten und dann entscheiden, wie ich mit dem Ergebnis umgehe(n muss).
Viele Grüße
Katha