Hallo Maria,
gegen die Grundbausteine ist nichts einzuwenden und ihre Einhaltung hat bereits vielen Menschen ein (stabiles) abstinentes Leben beschert. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie ständig erwähnt werden, da länger Abstinente sie sich ab und zu wieder heranziehen müssen – Alkoholismus erledigt sich ja nicht irgendwann von selbst – und jede/r Frischtrockene immer wieder aufs Neue damit vertraut gemacht wird. Selbsthilfe halt, geben und nehmen.
Mir ging es darum, dass auch die Einhaltung der Grundbausteine das Risiko minimiert, aber nicht komplett ausschließen kann. Notgedrungen wird Jeder über kurz oder lang mit Alkohol konfrontiert werden.
Soviel Verständnis ich für die vermeintlichen Schwächen und Fehler anderer Menschen überwiegend aufbringe, so gnadenlos bin ich mit meiner Kritik mir selbst gegenüber.
Vor der Zeit mit 6,5 Jahren Abstinenz (und nee, ich nenne es jetzt mal grad nicht Trinkpause) habe ich gefühlte 127 Mal jeden Montag wieder einen Versuch gestartet, mit dem Trinken aufzuhören. Ich bin bald irre geworden dabei, denn jeden Freitag fiel ich wieder um, trank das WE durch und startete am Montag erneut. Ein Mal gelang es mir über drei Wochen hinweg.
Da ich in meinen Augen aber jedes Mal mir selbst gegenüber eine Absichtserklärung abgegeben hatte, mein Vorhaben jedoch stets nur wenige Tage durchführen konnte, ist jedes einzelne Mal für mich auch heute noch als Rückfall zu betrachten. So viele Worte, wie ich sonst gern benutze: Trinkpausen, nasse Kreisläufe, Vorfälle, Ausrutscher etc. habe ich nicht im Programm. Nass oder trocken resp. abstinent und das war´s für mich.
Es ist mir nicht gegeben – in puncto Alkoholismus natürlich bedauerlich – Dinge einfach an- oder hinzunehmen. Ich musste ständig fighten – nicht gegen, sondern für Dinge, die z.T. auch überlebenswichtig waren, sonst wäre bei mir mit 20 Jahren schon Abpfiff gewesen.
Ich denke, ich kann die späteren Rückfälle ziemlich gut zuordnen. Da waren Übermut und Leichtsinn dabei, die unbewusste Arroganz – ein Antesten. Da war eine Sehnsucht zurück nach dem wilden Leben und den Tollheiten, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und damit die bewusste Entscheidung, eine Phase zu beenden, die mir zwar Abstinenz brachte, aber keine Zufriedenheit.
Da fand aber auch einmal quasi ein Kollaps meiner Synapsen statt und tatsächlich hatte ich das Gefühl, mein Hirn hätte mich überholt. Ich fackle bei Entscheidungen im normalen Alltag ja schon nie lange, aber diese Geschwindigkeit, mit der dort mein bewusstes Ich überholt wurde, schlug alle Rekorde. Ich habe nicht gesprochen, sondern nur auf die Flasche gezeigt, das weiß ich noch. Es war ein Blitz aus Sonne auf farbigem Glas und ich wollte doch nur das Benzin bezahlen. Ich muss ausgesehen haben wie nach einem schweren Schlag auf den Kopf, meine Zunge lag wie ein totes, pelziges Tier in meinem Mund und meine Augen fühlten sich schwer und stumpf an, nicht wirklich mehr mit Ausdruck darin. Später musste ich immer an die Szene bei MIB denken, wo der Schädel des Außerirdischen sich öffnet und ein kleines Männchen an Steuerknüppeln zum Vorschein kommt: Anders kann auch ich es nicht beschreiben.
Ich treffe meine Entscheidungen in der Regel bewusst, auch die für mich schädlichen. Mit aller Konsequenz. Auch wenn ich täglich kurz reflektiere, hinschaue, was gut war für Heute und was eher nicht, was ich ändern könnte, was für den morgigen Tag ansteht, so bin ich doch nur Mensch.
Es ist also absolut möglich, dass in meinem Innern längst etwas am Kochen war, das ich ausnahmsweise bewusst noch nicht wahrgenommen hatte. Das kann und will ich nicht ausschließen. Ich denke wie Hartmut, dass der Rückfall im Kopf beginnt, bevor man zur Flasche greift, aber in diesem einen besonderen Fall fühlte ich mich überfallen und fremd gesteuert aus heiterem Himmel, ja.
Heute achte ich vor allem darauf, mir meine Basis zu erhalten. Ein Zuhause, in dem ich mich wohl fühle. Menschen und Jobs, die mir langfristig schaden oder mich gefährden, müssen weg. Meine Freunde sind keine Alkoholiker (bis auf eine Ausnahme und die Ausnahme sitzt weit weg), trinken alle Alkohol - erstaunlich wenig übrigens für Stinos, aber nicht in meiner Gegenwart.
Liebe Grüße
Katha