Guten Morgen Ratlos,
Deine Ehrlichkeit ringt mir Respekt ab und sie ist vermutlich auch ein großer Schritt in die für Dich nötige Abgrenzung.
Genau das, was Du beschreibst, ist Teil des Suchtverhaltens, das Niemand von uns – weder der Betroffene noch der Partner/Angehörige – so wirklich verstehen oder erklären kann.
Dein XY ist an dem Punkt, wo er allen Ernstes glaubt, ohne das Zeugs nicht leben zu können.
Immer wieder wirst Du Alkoholiker – abstinent oder aktiv - sagen hören können: „Wie konnte ich bloß (immer wieder) zur Flasche greifen?! War ich verrückt?! Ich WEISS doch, was der Alkohol in und mit mir anrichtet! Warum habe ich nicht früher mit dem Shice aufhören können?!! etc…
Alkoholiker sind ja kein tumbes Volk, die völlig merkbefreit und lernresistent ohne Rücksicht auf Verluste Spaß daran haben, sich zu vergiften und zugrunde zu richten.
Du schreibst, Du verlierst den Respekt, hast nur noch Mitleid, erkennst den Menschen nicht wieder. Genauso verliert oft der Süchtige selbst den Respekt vor sich und kriecht unter dem Teppich, wenn er bemerkt, dass er in den Augen der Anderen ebenfalls nur noch ein Haufen Elend ist und da nichts mehr ist außer Mitleid oder Ekel. In diesem Zustand Andere um Hilfe anbetteln zu müssen, weil man sich selbst nicht mal mehr aufrecht halten kann, ist auch für den Alki die Hölle. Oft ziehen sich Alkis dann komplett zurück, weil sie sich schämen und saufen dann halt weiter, nur ohne, dass es jemand bemerkt.
In diesem Zustand hilft auf „kurze Distanz“ nur die nächste Flasche, um die Entzugserscheinungen zu bekämpfen und diese Anspannung loszuwerden. Damit schließt sich der Kreis und alles geht von vorn los. Erst wenn der Süchtige tatsächlich im tiefsten Inneren verstanden hat, was er sich damit antut, besteht die Chance, sich Hilfe zu holen, um aus diesem Hamsterrad auszusteigen. Bis dahin ist es oft ein weiter Weg, denn mit einem gewissen Level lebt man ja auch wieder in dem Wahn, es wäre alles nicht so schlimm, fühlt sich ja schon gar nicht mehr so furchtbar an und man fasst wieder einen „Plan“ ins Auge, um doch nun mal endlich etwas zu ändern. Es kann natürlich so nicht funktionieren, weil man in diesem Stadium ja absolut nicht klar denken kann – es fühlt sich nur so an.
Nach all dem, was ich gesehen, gehört und selbst erlebt habe, bin ich davon überzeugt, dass das Umfeld keine Rolle mehr spielt (spielen darf), wenn wir uns auf den Weg in die Abstinenz machen. Deshalb gibt (gab?) es Kontaktsperre in vielen Entzugskliniken. Der Abhängige soll sich nur auf seine Krankheit konzentrieren können ohne Ablenkung durch private Sorgen und Nöte. Jeder Alkoholiker kann auf Dauer (meiner Meinung nach) nur für sich selbst aufhören, weder für den Partner noch für eine intakte Familie und nicht einmal – und das ist so furchtbar – für die eigenen Kinder. Wer für Andere trocken werden will, begibt sich nur in eine neue Abhängigkeit, denn die Abstinenz steht und fällt dann mit diesen betreffenden Personen oder mit der Situation. Ändert sich etwas an den Gegebenheiten, fällt der Alkoholiker oft in seine Sucht zurück, denn der Grund für das abstinente Leben ist ja weggefallen. Er muss also lernen, sich selbst genügend „wert“ zu sein.
Für den Co-Abhängigen ist es die Hölle. Da hat er unter Umständen Jahrelang die „Eskapaden“ ertragen, immer drehte sich alles nur um die Probleme des Anderen und aus normalerweise selbstständigen und verlässlichen Partnern wurde zwischenzeitlich immer fast ein Pflegefall. Verlassen konnte man sich auf Ansagen nie und von einer gleichberechtigten Partnerschaft konnte sowieso nicht mehr die Rede sein.
Nun will der Alkoholiker abstinent werden, sucht sich Hilfe, geht in Therapien und SHG´s und wieder dreht sich alles nur um ihn. Schafft er es tatsächlich, abstinent zu werden (zu bleiben), kommen neue Energien, Euphorie, neue Pläne und dieses tolle Verständnis von anderen Suchterkrankten. Der Partner/Angehörige bekommt das nächste Brett, denn ER hat den Alki ja nie so wirklich verstehen können.
Der Alkoholiker bemüht sich also, tut alles für seine Abstinenz und es ist oft ein verdammt harter Kampf und wundert sich dann darüber, dass der Partner sich zurückgestoßen fühlt, allein gelassen, vielleicht eifersüchtig oder neidisch wird, denn er tut doch schließlich alles, was auch eventuell von ihm „verlangt“ oder zumindest erwartet wurde.
Von anderen Suchterkrankten wird er dazu ermutigt, jetzt erst einmal an sich selbst zu denken, weil es anders keine Fortschritte geben kann.
Das ist der Punkt, an dem viele Beziehungen/Familien auseinander brechen.
Für den Co-Abhängigen gilt (meiner Meinung nach) aber dasselbe Prinzip: Er sollte sich um sich und sein Leben kümmern, sich ebenfalls Hilfe in Gruppen suchen und damit auch Verständnis für seine Situation erhalten. Geht er einen Schritt weiter, wird er vielleicht auch herausfinden können, warum er sich so lange um den Suchtkranken bemüht hat, wo Andere Partner längst den Bettel hingeschmissen hätten.
Würde ich in Deinen Schuhen stecken, würde ich ein paar Sachen zusammen suchen, die der Partner im Krankenhaus benötigt und sie ihm bringen. Dann würde ich mich nach SHG´s in meiner Nähe umsehen und mir anschließend einen Plan machen mit Dingen, die MIR gut tun würden oder die ich längst in Angriff nehmen wollte, aber leider nie dazu kam, weil ich mich ständig mit den Ausfällen meines Partners herumschlagen „musste“.
Ich würde ein klares Statement abgeben, dass sich in naher Zukunft jeder um sein eigenes Leben kümmert und man nach Ablauf einer gewissen Zeit dann prüfen kann, ob eine gemeinsame Zukunft noch gewollt oder machbar ist. Lange Diskussionen sind in diesem Stadium völlig sinnlos.
In Kontakt zu bleiben und dem Anderen Statusberichte zukommen zu lassen mit den eigenen Fortschritten, könnte ich nur Menschen empfehlen, die noch nicht total psychisch angeschlagen sind. Ansonsten ist es wahrscheinlich besser, erst einmal einen kompletten Cut zu machen, was nicht bedeutet, dass man die gemeinsame Zukunft rigoros auf Verdacht in die Tonne treten muss. Vielleicht ist da eine Chance, vielleicht auch nicht - Ihr werdet es herausfinden müssen.
Ich habe es immer als eine Art Verpflichtung gesehen, anderen Menschen zu helfen, wenn ich Zeit und Raum dafür habe. Es kann aber nicht meine Verpflichtung sein, mich komplett für Andere aufzuopfern und dabei draufzugehen. Ich denke, dies war nicht Teil des übergeordneten Plans ;-).
Ich übe jetzt, die ganzen schlauen Sprüche auch in meinem Leben umzusetzen ;-).
Dir wünsche ich Ruhe im Bauch und eine gesunde Distanz und Menschen, die DICH verstehen.
Viele Grüße
Katha