Nabend,
ich habe lange überlegt, ob ich hierzu etwas schreiben möchte und dachte dann: Was soll´s. Wenn es nichts nützt, dann schadet es hoffentlich auch nicht.
Ich persönlich kann verstehen, dass man Antworten sucht und nicht zur Ruhe kommen kann, bevor man sie erhält, solange es möglich scheint. Ich möchte auch nicht Einzelne daran erinnern, wie lange sie auf der Suche nach Antworten oder Erklärungen waren, denn es steht mir nicht zu. Ich kann nur für mich sagen: Bei mir hat es verdammt lange gedauert.
Es gibt keine Richtlinien, Fristen oder Gesetze für die unvermeidliche Kapitulation jedes Einzelnen von uns.
Renate, ich gehe stark davon aus, dass Du keine Suchtverlagerung in Richtung Qualmerei oder Futterei o.Ä. im Auge hast.
Es gibt nicht DEN Alkoholiker, denn wir sind alle verschieden. Es nervt mich manchmal, dass hier oft so mit Gemeinplätzen rumgeschmissen wird.
So kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen, dass bei mir die seltsamste Suchtverlagerung meines Lebens stattgefunden hat, nachdem ich trocken werden konnte: Ich habe angefangen zu sticken. Nicht etwa so, wie man im Allgemeinen Handarbeiten erledigt, sondern tatsächlich wie eine arme Irre.
Ich hörte auf zu trinken und fiel in ein Loch. Du weißt inzwischen selbst, dass Lücken gefüllt werden müssen, die der Alkohol hinterlässt. Es geht nicht nur um die Zeit, in der man tatsächlich getrunken hat, sondern auch die gesamte Zeit, in der die Gedanken um den Alkohol kreisten (Wann kann ich es mir leisten, wann muss ich verzichten, wann kann ich Nachschub besorgen, wann bekomme ich die Flaschen aus dem Haus, wie viel geht vor einer Einladung etc..).
Das ist ein Vollzeitjob. Mit anderen Worten: Man muss oft fast sein komplettes Leben neu füllen und der einzige Gedanke, der mich bewegte, war: Alles ist legitim, solange ich nicht trinken muss. Ich stickte also. Ich hatte den besten Lebensgefährten, den man sich wünschen kann, doch er war mir irgendwie im Weg. Er kam auf die Terrasse gesprungen, goss sich eine Flasche Wasser über den Kopf, tänzelte herum und spielte den Cola-Mann für mich. Ich weiß nur, dass ich ganz kurz hochsah, abwesend lächelte und mich dann auf die nächste Garnfarbe stürzte
. Ich reduzierte mich selbst quasi auf das nackte Überleben und eine Beschäftigung, um das auszuhalten. Ich schäme mich, es zuzugestehen, aber selbst die Kinder waren mir in der ersten Zeit zuviel. Liebe war mir zuviel, Zuneigung war mir zuviel, alle Menschen waren mir zuviel, denn sie beanspruchten Zeit, Energie und Aufmerksamkeit, die ich für meinen Kampf (?) gegen den Alkohol, den Suchtdruck benötigte. Ich hatte aber nichts mehr übrig.
Ich kam von der Arbeit und stickte, bis ich müde genug war, um ins Bett zu gehen. Mir tränten die Augen, aber ich stickte weiter. Ich bin bis nach Dänemark gefahren, um eine bestimmte Farbe Stickgarn zu erhalten. Ich wurde bepuschelt und umsorgt... und es war mir egal: Ich wollte nur noch in Ruhe sticken. Nicht reden, keinen Anteil nehmen, mich zurückziehen, meine eigene Insel sein... und sticken, weil ich meine Hände beschäftigen musste. Eines Tages hörte es auf, so unvermittelt, wie es gekommen war.
Ich hätte mich einweisen lassen, wenn ich nicht inzwischen in einer realen SHG erfahren hätte, dass Andere ähnlich unterwegs waren in der ersten Zeit der Trockenheit. Ein Gruppenmitglied ging z.B. in den Garten und hackte in jeder freien Minute auf eine Birke ein wie ein Gestörter, wieder Andere stürzten sich wie unter Zwang auf PC-Spiele, an denen sie vorher nicht das geringste Interesse hatten. Ich war irgendwann dann nur noch erleichtert, dass ich mit Sticken davongekommen war und nicht auch mit einer Axt bewaffnet völlig verwaggelt zwanghaft auf einen Baum einschlagen musste.
Vielleicht hilft es Dir, einen (möglichen) Mechanismus zu verstehen. Vielleicht nutzt es soviel, wie der Versuch, eine Drehtür zuzuschlagen, denn wir sind alle verschieden!
Vielleicht hört es nie auf bei Anderen, vielleicht musst Du doch kapitulieren.
Vielleicht flüchten Andere einfach vor dem Druck, der auf sie ausgeübt wird oder sie haben sich entliebt, oder wollen alles hinter sich lassen, was mit dem alten Leben zu tun hat.
Entscheidend ist letztendlich nur eines, und da wiederhole ich mich: Egal wie es ist und was es ist, es tut Dir nicht gut. Bei einer solchen Fixierung gehen uns sämtliche Freuden verloren und auch die Ruhe im Bauch. Ich habe es gerade wieder erlebt bei einer Freundin, in deren Leben Süchte überhaupt keine Rolle spielen. Es geht um Verhalten… und dass man einfach ein bisschen liebevoller mit sich selbst umgeht. Ich könnte natürlich hier ellenlange Abhandlungen darüber schreiben, aber ich übe ja selbst noch.
Dir alles Gute und ihm auch.
Gruß
Katha