Hallo Zimttee,
dass Alkoholismus nicht erblich bedingt sein soll, habe ich vor vielen Jahren in verschiedenen Büchern gelesen, als ich mich mit dem Thema überhaupt mal beschäftigt habe. Diese Bücher gingen denselben Weg wie die Schwarte: „Sage nein ohne Skrupel“, nämlich über den Jordan.
Wenn ich kurz durchs Internet rausche, stoße ich auch heute immer noch auf dieselben Formulierungen: …noch nicht zufriedenstellend erforscht…, …es kann leichter eine Sucht entstehen…, …zu 40 – 60 % genetisch beeinflusst…, …deuten darauf hin…, die Forschung geht davon aus…, es gibt Hinweise darauf…, genetisch bedingt sein kann auch ein Mangel an Dopamin… - wenn selbst die Forschung in diesem Bereich oft noch so schwammig unterwegs ist, stelle ich mich nicht hin und sage: Jeder Alkoholismus ist zwangsläufig genetisch bedingt und erschwerend kommen andere Faktoren hinzu.
Du sagst selbst, der Dopaminspiegel (erblich) ist „oft“ sehr niedrig.
Für mich ist nur eines wichtig: Als Alkoholikerin nutzen mir persönlich diese Erkenntnisse letzten Endes überhaupt nicht, also die reinen Zahlen, Studien, Erkenntnisse, Theorien. "Kann sein, muss aber nicht", wird mir persönlich mit meiner Krankheit nicht weiterhelfen können.
Ich kenne z.B. meinen Dopaminspiegel nicht, auch nicht den meiner Eltern. Ich bin die Frau mit überwiegend nahezu ekelerregend guter Laune, aus meinen Büros ging kaum mal Jemand ohne zu lachen hinaus und völlig abstinent überkommen mich aus heiterem Himmel (oder doch wohl eher aus meinem Inneren) Glücksgefühle, für die ich häufig genug seltsame Blicke ernte. Alles ohne Alkohol und andere Drogen, jetzt gerade auch ohne Sport, ohne Schoggi, sogar immer häufiger auch völlig ohne andere Menschen. Bin ich draußen unterwegs, lächeln mich oft wildfremde Menschen an. Erst dann wird mir wieder bewusst, dass sie „nur“ auf mein Lächeln hin reagiert haben.
Da nehme ich dann, was ist, lasse für mich persönlich den Dopaminspiegel außen vor, der vermutlich nicht relevant ist und begucke mir den Rest.
Alkohol war in meiner Kindheit und Jugend ein selbstverständlicher Begleiter. Alle haben hart und viel gearbeitet, aber auf Familienfeiern und an Feiertagen wurde mit Verwandten, Freunden und Nachbarn ordentlich zugeschlagen. Am nächsten Tag stand Jeder wieder pünktlich auf der Matte, um seinen Pflichten nachzukommen. Das erscheint mir selbst aus heutiger Sicht ein völlig normales Verhalten, wenn man bedenkt, dass es eine Zeit war, in der die Menschen viel häufiger zusammen gekommen sind als heutzutage üblich. An die Gefahren von Alkohol- (oder auch Zigaretten)konsum hat damals kaum ein Mensch gedacht und definitiv wurde uns ein Bild vermittelt, dass diese Droge einen normalen Teil des Lebens ausmacht, ohne alltäglich zu sein. Wir hatten Respekt, aber keine Angst.
Die Überlegung, was mein Vater und auch meine Mutter uns in Sachen Problembewältigung vorgelebt haben, hilft mir technisch bei der Bewältigung meiner Krankheit nicht wirklich weiter. Genau wie sie gehe auch ich Probleme an, kümmere mich, finde Lösungen, halte auch aus und durch, bleibe dran. Nur ging mir im Laufe der Jahre im Gegensatz zu ihnen die Leidenschaft und Energie dabei etwas flöten, denn fortgesetzte Anstrengungen tragen heute nach meinem subjektiven Empfinden weniger Früchte und nur kurz kann man sich auf dem Erreichten ausruhen und es als Basis für ein weiteres Vorankommen nehmen.
Ich kann also nicht behaupten, dass ich Angst hätte, mich Problemen zu stellen. Meine erlernte und für nützlich befundene Strategie ist: Kümmern und es angehen.
Essverhalten: Wenn es mir schlecht geht, fange ich an, mehr zu essen. Wenn es mir sehr schlecht geht, höre ich fast gänzlich mit dem Essen auf. Mein normales Essverhalten besteht darin, in Maßen etwas – worauf ich Appetit habe - so häufig immer wieder zu essen, bis es mich langweilt. Dann rühre ich es für lange Zeit nicht mehr an. Wäre schön, wenn in dieser Abteilung auch bald noch einmal ein anderer Mensch auftauchen würde, ich würde mir weniger seltsam vorkommen ;-):
Ich war immer davon überzeugt, dass jede Sucht eine Angst vor Mangel darstellt, aber was mich persönlich betrifft, bin ich mir deswegen nicht mehr so sicher.
Ich wünsche mir – zumindest momentan – nicht „mehr“ von etwas, nur die Ruhe, um das, was ich habe und was ist, genießen zu können.
So lande ich immer wieder bei dem „Handwerkszeug“ und ich denke, das Einzige, was mich wirklich zu Boden bringt (außer den Bildern manchmal, die auf meine Netzhaut gebrannt sind), ist Ausgrenzung, dieses weggestoßen und als Einzige übergangen zu werden innerhalb einer wie auch immer gearteten sozialen Gemeinschaft und das Ganze möglicherweise noch mit System, diese Willkür dabei. Gepaart mit meinem Verständnis für fast sämtliche menschlichen Kapriolen und der Tatsache, dass sogar diese Menschen mir oft leid tun, wenn ich hinter die Fassaden sehe, vor allem, wenn ich weiß, dass sie mich tatsächlich brauchen und mögen, wurde mit mir ein Mensch gebastelt mit einer ungeheuren Leidensfähigkeit. Reißt aber die letzte Saite in mir, dann raschelt es furchterregend. Dann gibt es auch keinen Weg mehr zurück. Ich habe mir also angewöhnt, rechtzeitig mal Laut zu geben, bevor es eskaliert.
Ich wünsche mir also z.B. nicht mehr Zuneigung, Sympathie, Anerkennung oder das Gefühl, gebraucht zu werden, etc. ich will vielmehr, dass steht, was ist, eine klare Linie also.
Selbst diese Erkenntnis ist aber nicht so easy zu handeln, wie es Anderen erscheinen mag ;-).
Außenseiterin war ich häufig genug und kein Stück besorgt deshalb. Es war eine leichte Übung, z.B. wegen einer blöden Wette im Pyjama in der Schule zu erscheinen und den Haupteingang zuzumauern und ich hätte jetzt überhaupt keine Mühe, an den Rudern einer Galeere herumzuhängen, während 100 Leute sich an Deck sonnen, solange nur ein einziger Mensch mitrudert. Reicht mir persönlich völlig.
Wäre ich aber z.B. die Einzige, die mit einem alten andersfarbigen Bürostuhl vorlieb nehmen müsste, während alle Anderen einen neuen erhalten – also so weithin offensichtlich – würde ich wahrscheinlich in Tränen ausbrechen, wenn ich dazu neigen würde :-), doch sicher auch wieder nicht in jeder Firma. Wie ich auf Verschiedenes reagieren werde, ist also selten vorhersehbar und so werden die Überraschungen nicht alle.
Mein Leben lang wird meine Sympathie deshalb wohl immer den Außenseitern gelten, denen, die von einer Horde bedrängt werden und wenn die Horde 100 Mal „recht“ haben sollte, und denen, die vermeintlich nirgendwo hinein zu passen scheinen oder denen, die noch einen Weg suchen oder in ihren eigenen Augen „versagen“, etc. Außerdem ängstigt mich Fremdes sehr selten oder nur dann, wenn ich nicht mehr im Fluss bin – so wie die Gerichtsverhandlung gerade, es bereichert mich und beschert mir neue Ein- und Ansichten.
Ich habe nach meiner sechsjährigen Abstinenz damals nicht wieder getrunken, weil ich etwas nicht ertragen konnte, sondern weil ich ganz bewusst manchmal nicht mehr ertragen wollte. Mir hat´s einfach gereicht für dieses Leben. Am nächsten Tag habe ich mich dann wieder wie gewohnt um alles gekümmert. Natürlich schießt man sich damit immer nur ins eigene Knie, lohnt also auch nicht.
Ich habe gerade Zeit und Ruhe zum Tippseln, da ist etwas im Umbruch begriffen, was mich schon viel zu lange aufgehalten hat. Es macht mich vor allem unsortiert – Logik darf grad Niemand von mir erwarten- aber das ist für mich okay im Moment. Ich überlege jetzt kurz, ob ich diesen überaus privaten Sermon in dieses Forum schicke, oder doch lieber eine Flaschenpost daraus drechsle, die dann von einer blass-lila-nasigen außerirdischen Psychologenbande im Jahr 7052 auseinander gepfriemelt wird mit dem Ergebnis, dass die Menschen auf der Erde in grauer Vorzeit aus rosa Plüsch und Titan bestanden und komplett einen an der Waffel hatten. Das Meer ist einfach zu weit entfernt und der Fischteich irgendwie doch nicht so die Lösung…
Viele Grüße
Katha
(Die Steigerung von "ausführlich" :-))