Liebe Kucerova,
vieles von dem, was du schreibst kommt mir bekannt vor.
Du fragtest nach Erfahrungen von Leuten, die sich mit Kind getrennt haben. Ich bin so eine. Ich hatte wahnisnnige Angst, dass mein Kind einen totalen Dachschaden durch die Trennung bekommt, weil ich ihm Haus und Vater wegnehme, es in eine kleine Wohnung stecke und viel weniger Zeit habe. Und dann noch die Schuldgefühle, was ich ihm darüber hinaus durch mein Bleiben, durch all meine Fehler in der Vergangenheit bereits angetan habe. Von seinem Vater ganz zu schweigen. Meine Schuldgefühle haben mich schier aufgefressen. Und es kam anders. Mein Kind begann sich nach der Trennung zum Positiven zu entwickeln. Aus dem, in sich gekehrten, lieben Kind, das gedanklich häufig völlig abwesend war, ist eine kontaktfreudige Plaudertasche (im guten Sinne) geworden. Darauf werde ich häufig angesprochen. Man weiß also vorher nicht, womit man seinem Kind/ern mehr zumutet. Ich sehe allerdings, dass ihm der Wegfall dieser irren Elternbeziehung guttut.
Aber auch alles andere kam anders als befürchtet oder erhofft.
Meine Familie war bereits vor der Trennung zerstört. Die jahrelangen Geheimnisse, das Schweigen, die Verzweiflung, mein Gefühl in einem Käfig zu leben, die gegenseitigen Aggressionen, die Abhängigkeit vom Alkoholkonsum des Partners usw. versus des heiligen Zusammenhaltsgrals. Jeder ist im Eimer, aber dafür sind wir alle zusammen. Na Klasse 
Mein Exmann ist nach der Trennung bis heute völlig abgestürzt. In einem Maße, das ich vorher für nicht möglich gehalten habe. Meinem Kind und mir hingegen geht es vor allem emotional viel besser. Heißt jetzt nicht, dass ich plötzlich im Paradies lebe, aber es ist eine grundsätzliche Entspannung, die sich immer weiter bemerkbar macht. Sie schwingt am Grund, auch wenn es oben mal stürmisch zugeht.
Ob du Co-abhängig bist, kann ich nicht beurteilen. Du klingst, als habest du eigentlich ziemlich klarsichtig gehandelt: zwei Versuche gestartet, gesehen, dass es nichts bringt und vor dem dritten Mal ziehst du die Konsequenz und hast entschieden, dich zu trennen. Dass du Angst vor der unbekannten Zukunft hast und auch Selbstzweifel ist verständlich. Ich denke, fast niemand mit Kindern, trennt sich leichtfertig. Es ist gut, dass du dich rechtlich und organisatorisch sortierst.
Das habe ich nicht gemacht. Ich war lange blind, dann habe ich x-tausend Versuche hoffnungsfroh scheitern sehen und erst als gar nichts mehr bei mir ging, den Schlussstrich gezogen.
Dass ich Co-abhängig bin, merke ich vor allem daran, dass mich meinem Ex gegenüber immer noch beizeiten starke Schuldgefühle befallen. Für meinen Exmann ist es dasselbe, als hätte ich ihn mit einer unheilbaren Krankheit einfach fallen gelassen. Für ihn bin ich der moralische Versager, weil er sich als Kranken sieht - der halt nicht anders kann. Und ich -und das mittlerweile sich zurückziehende soziale Umfeld - sind die Bösen, die nur an sich selbst denken.
Ich betrachte deine Fragestellung über die Frage des Alkoholismus hinaus: Muss ein Partner in einer Beziehung bleiben, auch wenn er durch sie todunglücklich wird? Macht es einen Unterschied, ob der andere trinkt oder das Zusammenleben aus anderen Gründen unerträglich ist? Wie prägt es Kinder, wenn ein Elternteil den anderen nicht mehr liebt und respektiert? Was für eine Art Beziehung lebt man ihnen dann vor und wie wirkt sie sich aus? Muss man sich opfern und aufgeben, nur damit man auf Teufel komm raus ein Paar bleibt?
Ich bereue es nicht. Es ist nicht unbedingt immer lustig, alleinerziehend zu sein, aber irgendwie bin ich weniger allein als zuvor, weil ich mich jetzt wiederhabe.
Liebe Grüße
Ahoi