Hallo auch von mir.
ich bin in erster Linie als Alkoholikerin hier, war aber auch lange Co-abhängig von einem Geschwister - und zeitweise auch von einem weiteren (beide Male andere Suchtmittel).
Deine Gefühlslage kann ich daher sehr gut aus meiner Erinnerung nachfühlen. Ich hätte damals beinahe meine Ausbildung vergeigt, weil alles so unwichtig erschien angesichts der akuten Lebensgefahr für mein Geschwister. Dann waren da auch noch meine Eltern, die ich versuchte, in ihrer Verzweiflung und Überforderung zu stützen und zwischen beiden Seiten zu vermitteln.
Ich habe damals sogar schon psychologische Beratung aufgesucht, konnte aber noch nicht verstehen und akzeptieren, dass ich als Angehörige so wenig tun können sollte. Hielt ich für herzloses Theoretikersprech.
Bis ich irgendwann, auch aus der Lektüre von Büchern (Internet war noch ganz am Anfang), begriff: Aus Sicht des Süchtigen will ich ihm das einzige nehmen, was ihm vermeintlich Halt gibt: das Suchtmittel. Klar, dass er sich da bedroht und bedrängt fühlt und dichtmacht - ähnlich wie jemand, der zum Unverständnis seiner Familie trotz Krebs keine OP will.
Aber: Kein Mensch darf zu seinem "Glück" gezwungen werden, jeder hat das Recht, sich durch sein Verhalten ggf. selbst zugrunde zu richten. Dieser Preis der Freiheit ist gerade für enge Angehörige schwer zu ertragen.
Am Ende musste ich als Co ähnlich kapitulieren wie später als Alkoholikerin. Das konnte ich aber erst, als ich mir sicher war, "alles versucht" zu haben: reden, schreien, weinen, Vorwürfe, sogar Spott/Ironie...
Von einer selbst betroffenen Bekannten wurde mir dann irgendwann ein Buch zum Thema empfohlen, das einen besonderen Ansatz hatte.
Das habe ich nach eigenem beeindrucktem Lesen meinem Geschwister nach längerer Gesprächspause überreicht: mit der Bitte, es sich wenigstens mal anzuschauen, weil es anders ist, und der Zusage, dass ich nicht nachfragen würde, wie das Buch bei ihm ankam, weil es Sache des Geschwisters sei, was es daraus macht. Dass es aber bitte die Chance nutzen und es sich unverbindlich anschauen soll, wegen akuter Lebensgefahr - auch wenn es die selbst vielleicht gerade nicht sehen könne. Und dass ich damit am Ende meines Lateins war und mein Geschwister nicht mehr auf sein "Problem" ansprechen würde.
Dann konnte ich für mich endlich einen Schritt zurücktreten und mich wieder mehr um mein eigenes Leben kümmern, das es dringend nötig hatte. Ob ich da selbst schon süchtig geworden war, kann ich gar nicht sagen. Ist heute auch egal, da unumkehrbar, nur aufhaltbar.
Dein Bruder ist gerade in der Entgiftung. Das ist ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger. Darauf sollte er sich konzentrieren, ggf. mit Mitbetroffenen und Fachleuten reden, wenn er Probleme hat, und mit deren professioneller Hilfe Anschlussmaßnahmen in die Wege leiten.
Das ist allein seine Verantwortung und allein in seiner Macht, wenn er wirklich trocken werden will. Da brauchst Du ihm nicht telefonisch die Hand zu halten - Du brauchst bestimmt selbst mal eine Pause.
Du hast Deine eigene Verantwortung: Dir selbst und Deinem kleinen Kind gegenüber. Kannst Du einen Schritt zurücktreten, um das zu sehen?