Vielen Dank, Lea, für Dein herzliches Willkommen und Deine verständnisvollen Worte. Sie helfen mir sehr.
Beim Sozialdienst in der Stadt bei meiner Mutter, wo man solch eine massive Entwertung Anfang des Jahres live mitbekommen hat, hat man mir genau dies auch gesagt: Laufen Sie!
Und auch die Hausärztin meiner Mutter meinte, ich müsse meiner Mutter den Rücken kehren, um meine Seele zu retten.
Der Krisendienst hier bei mir sieht es differenzierter: Die Person meinte, dass ich genau auf mich achten müsse, es aber auch richtig sein könnte, die Problematik in ihrem Ausmass aus erwachsener Sicht jetzt anzusehen. Dieses Ausmass war mir selbst bisher nicht klar und auch die Massivität der Gewalt, die mir als Kind widerfahren ist und die ja immer beiseite gewischt wurde, bestätigt sich ja jetzt. Ebenso viele andere Falschdarstellungen und Lügen meiner Mutter, die jetzt völlig klar als solche zu Tage treten. So schlimm alles ist: dies in solch einer Klarheit zu sehen, ist für mich heilsam. Manches hat auch mit meiner Biographie zu tun, die immer falsch dargestellt wurde, und wo jetzt durch die Gespräche mit ihrer Schwester einiges richtig gestellt wurde. Das ist wichtig, denn es klärt so vieles bei mir emotional: meine Gefühle waren und sind richtig! Zudem hilft es mir zu lernen, zwischen mir und meiner Mutter klar eine Grenze zu ziehen: Wo die Trennung zwischen uns ist, war nie klar und genau dies wurde mir jetzt wieder bewusst: diese ungute Symbiose, die von ihr immer unterhalten wurde und die ich nun endlich ganz auflösen möchte. Trotz des jahrelangen Kontaktabbruchs war mir dies nämlich nicht gelungen. Dieser hat aber dabei geholfen, das Problem nun genauer zu spüren und zu bemerken, wo Grenzübertretungen sind – nicht nur von Seiten meiner Mutter, auch ich übertrete leider hier selbst immer wieder gesunde Grenzen, wenn ich im Kümmer- und Verantwortungsprogramm bin. Und das möchte ich ändern, denn es behindert mich auch sonst in meinem Leben mit anderen.
Mir selbst ist klar, dass ich die Besuche bei meiner Mutter auf ein absolutes Minimum beschränken muss. Der nächste steht bald wegen eines Notartermins an (Vollmacht, meine Mutter kann ihre Geschäfte nicht mehr selbst erledigen), dann irgendwann einer um den Pflegegrad neu zu bestimmen. Ich werde dann jeweils nur zwei Tage dort sein, leider mit zwei Übernachtungen wegen der Entfernung.
Die Hausärztin übernimmt die medizinische Verantwortung und wird die nötigen Schritte unternehmen, wie sie sagt. Wenn meine Mutter ihre Termine bei ihr nicht wahrnimmt, wird sie nach einiger Zeit erneut das Betreuungsgericht einschalten. Dort kennt man ihren Fall bereits, denn ich hatte mich Anfang des Jahres bereits um eine gesetzliche Betreuung bemüht, was meine Mutter und der Partner abgelehnt haben, obwohl der Partner nicht in der Lage war, die Pflege meiner Mutter auch wahrzunehmen. Die beiden haben die Demenz meiner Mutter beim Hausbesuch überspielt, die allerdings bereits fortgeschritten ist.
Es ist eine große Erleichterung für mich, dass die Ärztin die medizinische Seite übernimmt und will, dass ich mich da heraushalte: Ich hatte bei der Hausärztin zunächst nur einen Besprechungstermin für mich gemacht, um ihr die Situation zu erklären, und dann einen für meine Mutter. Bei diesem Termin war ich anders als beim Neurologen dann auch nicht im Sprechzimmer dabei. Das hat sich für mich besser angefühlt als beim Neurologen, allerdings hat auch dieser damals nonverbal (indem er mich nie, meine Mutter immer angeschaut hat) sehr deutlich gemacht, dass alles Sache meiner Mutter ist. Auch das hatte mir sehr gut getan.
Ich werde meine Mutter also nicht mehr bei ihren Arztbesuchen begleiten und mit der Hausärztin auch keine Termine mehr für sie machen. Ich habe verstanden: meine Mutter muss das selbst tun und sie weiss ja nun, wen sie anrufen muss, um zum Arzt begleitet zu werden. Sie war wohl seit Jahren nicht bei ihren Ärzten, ihr Partner hätte sie hingefahren, doch meine Mutter wollte wohl nicht dorthin gehen. Bei meinen Besuchen hatte ich die Termine dort gemacht, weil ich dies unmöglich fand. Jetzt weiss ich, dass es typisch für Alkoholiker ist, sich so zu verhalten.
Dennoch war der Besuch bei der Hausärztin auch für mich wichtig, denn ich kann diese Verantwortung ja nicht tragen. Es ist für mich wichtig zu wissen, dass es vor Ort bei meiner Mutter ein minimales Netz gibt, so dass sie nicht in ihrer Wohnung völlig verwahrlost. Das ist mit meinem Vater passiert, wie ich vor einigen Jahren erfahren habe, nachdem er gestorben war. Es war schrecklich, damit konfrontiert zu sein, auch wenn ich ihn kaum gekannt habe (das hatte in meiner Kindheit meine Mutter sabotiert und es hat sich später keine tragfähige Beziehung mehr entwickelt). Das darf nicht nochmals passieren.
Ich bin froh, dass ich viele 100 km entfernt wohne. Dennoch merke ich, dass ich sehr aufpassen muss, nicht in einen Strudel zu geraten, in dem ich völlig verschwinde. Zugleich ist es so, dass meine eigene emotionale und psychische Situation in den vergangenen Jahren nicht gut war und ich mich immer weiter zurückgezogen habe. Ich sehe jetzt, dass dies mit dem Alkoholismus meiner Mutter und den damit zusammenhängenden Kindheitserfahrungen zu tun hat. Ich möchte diese Problematik nun offensiv in Angriff nehmen und hoffe, bald einen Therapieplatz zu ergattern. Auch hier in diesem Forum habe ich mich angemeldet, um aus dieser Lähmung herauszufinden, die ich seit langem bei allem, was mich betrifft, verspüre und die mich in meinem Leben sehr behindert.
Liebe Grüße
Siri