Beiträge von Siri

    Hallo zusammen,

    meine Anspannung ist enorm, denn morgen werde ich wieder zu meiner Mutter fahren, da wichtige Termine anstehen. Bereits gestern gab es einige Telefonate. Jemand vom Betreuungsbericht hat mich am Mittag angerufen und aus der Arbeit gerissen. Das funktioniert so nicht, der Anruf kam überraschend und ich merke, dass ich mit solchen Überraschungen überhaupt nicht gut zurecht komme. Das gestrige Telefonat mit meiner Mutter war dann zum Glück sachlich und kurz und ich konnte meine Distanz halten, obwohl sie leider völlig verzweifelt und von allem überfordert war. Die Putzfrau möchte wohl nicht mehr kommen und meine Mutter schafft es nicht, sich eine neue Hilfe zu suchen. Ich habe grosse Sorge davor, dass meine Mutter verwahrlost, habe mir aber fest vorgenommen, dort jetzt nicht anfangen zu putzen.

    Am heutigen Tag konnte ich mich dann überhaupt nicht auf meine Arbeit konzentrieren und mir war den ganzen Tag über übel. Bereits vor der Fahrt ein völlig verlorener Lebenstag. Ich hoffe, dass sich das bald ändert und ich auch im persönlichen Umgang vor Ort mehr Sicherheit finden kann. Sonst wird es nicht gehen mit der Vorsorgevollmacht. Bereits nach so einem Tag wie heute bin ich vollkommen erschöpft, obwohl ich ja rein gar nichts auf die Reihe bekommen habe.

    Nach diesem Termin gibt es erst einmal keine Anlässe mehr zu meiner Mutter zu fahren und ich hoffe, dass es mir gelingt, ihr auf gute Weise zu sagen, dass ich mich auf meine Arbeit konzentrieren muss und alles weitere von meinem Zuhause aus organisieren werde.

    Drückt mir die Daumen, dass der Aufenthalt nicht allzu kräftezehrend und mich ihr schlechter Zustand nicht erneut überwältigen wird.

    Traurige Grüße

    Siri

    Liebe Maria,

    auch ich sende Dir und Deinen Kindern mein herzliches Beileid.

    Das Verhalten und die Aussagen des Pfarrers finde ich verantwortungslos und die Schuldvorwürfe völlig fehl am Platz. Umso toller ist Deine klare Reaktion. Auch Deine klare Abgrenzung gegenüber der Familie Deines Mannes finde ich wichtig. Das ist eine starke und gesunde Reaktion! Ich denke, dass das auch für Deine Kinder sehr hilfreich für die Verarbeitung der schlimmen Erlebnisse sein kann.

    Viel Kraft Dir und Deinen Lieben!

    Siri

    Das ist ja das Fatale an der Sache, wir können nur zuschauen, wie Menschen, die wir lieben, die zu uns gehören, zu Grunde gehen, wenn sie selbst nicht aufhören wollen zu trinken. Wir können uns nur selber schützen. Wir können dafür sorgen, dass es uns gut geht. Und es darf uns gut gehen, auch wenn jemand in unserem Umfeld so leidet. Das war schwer für mich zu begreifen, aber irgendwann hab ich es für mich angenommen. Ich und nur ich kann dafür sorgen, dass es mir gut geht, ich habe die Verantwortung für mein Leben und so ist es bei jedem anderen erwachsenen Menschen - sein Leben und seine Verantwortung.

    Also nicht schweigen, sondern den Fokus auf das eigene Leben, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse lenken und dafür sorgen, dass Du zufrieden bist.

    sonnige Grüße

    Lütte

    Liebe Lütte,

    Deine Zeilen helfen mir gerade. So groß ist die Furcht vor diesem sich nun immer weiter verschlimmernden Leiden, dem Weg, den meine bald 80-jährige Mutter schon vor langer Zeit eingeschlagen hat und nie ändern konnte und wollte. Und dennoch darf es mir gut gehen. Darf ich hier in meiner Stadt mit meinem Mann lachen und mich über Schönes freuen, Wandern gehen, Freunde sehen und mich um mich kümmern und um uns, meinen Mann und mich. Diese Diskrepanz ist schwer auszuhalten, auch wenn ich alles nicht hautnah, sondern "nur" aus der Distanz mitbekomme. Allerdings werde ich bald wegen eines Termins für zwei Tage zu ihr fahren. Das lastet auf mir.

    Lieben Gruß

    Siri

    Liebe Lanananana,

    vielleicht ist diese Gewissheit, so traurig sie ist, auch gut? Auch diese Gewissheit kann ja zu einer Klärung führen, auch wenn sie leider ohne die Mutter und ohne den Vater stattfindet.

    Vor dauernden Streifschüssen würde ich mich an Deiner Stelle konsequent in Sicherheit bringen. Ich hatte viele Jahre fast gar keinen Kontakt zu meiner Mutter, auch nicht zu den Feiertagen oder Geburtstagen. Sie hat nur sehr selten in Notfällen bei mir angerufen (die dann auch wirkliche Notfälle waren, sonst hätte ich auch das unterbunden) und nur in dem jetzigen Fall hat sie um Hilfe gebeten, davor wurde ich nicht aktiv. Obwohl ich in den letzten Jahren in eine Depression geraten bin, hat mir die Kontaktsperre sehr geholfen. Ich frage mich jetzt, warum ich mir dennoch keine Hilfe für mich geholt habe, als ich bemerkt habe, dass ich mich immer weiter zurückziehe. Darauf habe ich keine Antwort.

    Ähnliche Bemerkungen, wie Du sie von Deinem Vater hören musstest, kenne ich von meiner Mutter. Es ist für ein Kind furchtbar, wenn die eigene Existenz negiert wird. Wenn von beiden Eltern solche Signale kommen, stelle ich es mir noch schwerwiegender vor.

    Bei meiner Mutter dienten diese teils unausgesprochenen Vorwürfe dazu, um mich zu instrumentalisieren. Ich habe sehr früh sehr sehr viel im Haushalt gemacht (nach meinem Auszug wurde eine Putzfrau engagiert) und als Kind immer darauf geachtet, in der Wohnung bloß keine Spuren zu hinterlassen (ich war meist allein in meinem Kinderzimmer, auch weil sie so stark rauchte). Die Sache mit der Putzfrau, die plötzlich möglich wurde, hat mich damals sehr wütend gemacht. Diese Erfahrung hat mir in der jetzigen Situation geholfen, nicht wieder sofort bei ihr zu putzen anzufangen.

    Liebe Lanananana, ich hoffe sehr, dass Du für Dich sicheren Grund findest bzw. ihn Dir schaffst. Das ist schwer, aber auch wenn es nur langsam vorangeht, ist es möglich, so ist zumindest meine Erfahrung. Meine Therapeutin hat mich einmal gefragt, wo mein sicherer Ort sei und ich konnte mein Bett nennen. Das fand sie gut. Es war ein Anfang und mittlerweile ist es bereits unsere ganze Wohnung (das war lange nicht so).

    Vielleicht hilft es Dir auch, Dir fest vorzunehmen, dass wenn einmal Kanonenkugeln kommen, sie ins Leere gehen werden. Vielleicht mit einer Visualisierung. Dass Du dann nicht auf dem Schlachtfeld Deiner Mutter sein wirst, bzw. das Schlachtfeld Deiner Mutter sogar von der Seite betrachten wirst. Denn es ist ja ihr Feld, nicht Deines. Du hast Dir dieses Feld nicht gewählt und alles Recht der Welt, von dort wegzugehen, auch bei Steifschüssen.

    Fühl Dich gedrückt!

    Liebe Grüße

    Siri

    Liebe Lanananana,

    ja, das denke ich auch, dass wir uns gegenseitig unterstützen können, auch wenn die Wege verschieden sind. Dem Bild Deiner Therapeutin stimme ich voll und ganz zu. Es ist ein sehr hilfreiches Bild, das ich mir auch selbst zu Herzen nehmen werde. Hab vielen Dank! Es ist wichtig, auf die eigenen Gefühle und Kraft zu hören und sie unbedingt ernst zu nehmen. Wenn sich hier etwas gegen den Kontakt regt, dann ist das ganz sicher richtig so.

    Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Betreuung/Vorsorge für meine Mutter tatsächlich dauerhaft übernehmen kann. Es geht nur, wenn ich wieder zu meinen eigenen Dingen komme und konzentriert arbeiten kann und zudem nur aus der Ferne mit möglichst wenig Kontakt. Die Pflege selbst könnte ich niemals übernehmen.

    Es kommt darauf an, wie ich es schaffen werde mit der Art meiner Mutter umzugehen. Falls ich gleichsam auf dem Schlachtfeld erstarren und stehenbleiben sollte, wird es nicht gehen. Diese Gefahr ist da. So war es teilweise beim ersten Besuch Anfang des Jahres bei ihr. Beim letzten Besuch ging es besser. Und jetzt bei den Telefonaten geht es noch ein wenig besser, weil ich mich auf nichts Privates einlasse und nur Organisationsthemen, Notwendiges mit ihr bespreche. Da sie diese Dinge tendenziell überfordern, will sie die Gespräche immer kurz halten. Das kommt mir im Moment zu Gute. Sie versucht meist auch Privates von mir zu erfahren (wie es mir geht). Darauf gehe ich aber nicht ein. Denn sie hat solche persönlichen Informationen zu oft gegen mich gewendet.

    Es ist dennoch eine Herausforderung und ich werde oft nach solchen Telefonaten von schmerzhaften Gefühlen überwältigt und muss weinen. Wenn er da ist, nimmt mich mein Mann dann tröstend in den Arm, was mir sehr hilft.

    Ohne die Unterstützung meines Mannes, würde ich die Konfrontation mit der Situation meiner Mutter wohl eher nicht wagen. Ich bin froh, dass er mir die Federführung überlässt, mich aber zugleich tatkräftig unterstützt. Auch ist mir seine Sicht der Dinge wichtig. Er sieht anderes und reagiert anders. Ihre Angriffe hat sie bei den Besuchen auch gegen ihn gerichtet. Aufgrund der Distanz machen ihm die Angriffe nicht so viel aus, auch wenn er empört ist, sich ärgert und sich entschieden wehrt. Auch wenn ich so viele Jahre im Zentrum ihrer Angriffe stand und es für mich als Kind und später unsäglich schlimme Folgen hatte, erkenne ich die Muster nun besser. Das hilft mir.

    Was ich noch sagen möchte: Bei mir ist es so, dass ich in den letzten Jahren auch ohne Kontakt zu meiner Mutter innerlich mehr und mehr erstarrt bin. Ich habe mich vollkommen zurückgezogen. Das fiel mit der Pandemie zusammen, hat sicher aber auch mit beruflichen Problemen zu tun, über die ich hier nicht ausführlich sprechen möchte. Ich möchte aber nun kämpfen und meine Stimme wieder finden. Es ist mir beim ersten Besuch bei meiner Mutter klar geworden, dass mein berufliches Verschwinden und der Verlust meiner Stimmer sehr viel mit meiner Kindheit zu tun haben. Sie hat mir tatsächlich immer vorgehalten, ich spreche zu laut, zu leise, so schrill, ich sei hysterisch, solle nicht so schreien (obwohl nicht ich, sondern sie mich angeschrien hat). Dasselbe Spiel mit meiner Handschrift. Es ging darum, mich mundtot zu machen und das möchte ich nun überwinden, um wieder im Leben Fuss zu fassen.

    Ich hoffe, Du nimmst mir nicht übel, dass ich in Deinem Faden nun so viel von mir berichtet habe. Vielleicht ist meine Hoffnung, dass die Konfrontation mit meiner Mutter und meiner Kindheit mich weiterbringt, auch eine Illusion. Wenn ich merke, dass ich meine eigenen Dinge weiterhin nicht voranbringen kann, es zu viel Zeit und Kraft kostet, werde ich mir eingestehen müssen, dass es nicht geht.

    Hab nochmals vielen Dank für das hilfreiche Bild, das Du mir mitgegeben hast.

    Liebe Grüße

    Siri

    Liebe Lanananana,

    auch ich kenne diesen durchdringenden Schmerz. Trauer begleitet mich in meinem Leben oft und leider halten die alten Gefühle von Scham und Schuld mich auch immer noch oft gefangen. Ich liebe meinen Mann und fühle mich sehr von ihm gesehen und geliebt. Aber auch mein Mann kann die Leerstelle und Wunde nicht füllen. Wir kennen uns bald dreißig Jahre und sind lange verheiratet. Ich habe auch eine langjährige Psychoanalyse gemacht und dennoch ist es so. Ich hoffe bald eine weitere (wohl Trauma-)Therapie zu beginnen, sobald ich einen Platz gefunden habe. Doch wie Du, denke ich, dass da wohl immer etwas von bleiben wird.

    Mit welcher Klarheit Du Deine Liebe zu Dir selbst aussprichst, berührt mich sehr. Das ist so schön und wichtig. Ich wünsche Dir von Herzen, dass das immer weiter wächst <3 !

    Liebe Grüsse

    Siri

    Liebe Morgenrot,

    ich weiss jetzt (!) immer mehr, dass es nicht meine Verantwortung ist und ich halte mir die Übergabe der weiteren Organisation der Pflege und Erledigung der sonstigen Geschäfte meiner Mutter an einen gesetzlichen Betreuer offen. Das Betreuungsgericht ist über die jetzige Situation informiert.

    Dennoch bin ich im Moment trotz des Schmerzes und der Trauer, die mich immer wieder überfallen, froh, dass ich etwas für sie tun kann, die ambulante Pflege organisiert, die Hausärztin informiert habe, den Notrufknopf, das Essen auf Rädern, die Einschaltung des gerontopsychiatrischen Dienstes ... eine Art Netz für sie.

    Auch wenn mir in den letzten Wochen in den Krisengesprächen hier bei mir vor Ort klar geworden ist, dass meine Verzweiflung und Panik, sie sonst im Stich zu lassen, tatsächlich vor allem etwas damit zu tun haben, dass ich als Kind von ihr im Stich und völlig alleingelassen wurde, ist mir das wichtig. Ich tue es auch für mich, weiss zugleich auch, dass ich es nur machen kann, wenn mich der Kontakt zu ihr nicht mehr jedesmal aus der Bahn wirft, selbst wenn es wohl jedes Mal traurig sein wird. Es fühlt sich an, wie ein schmerzhafter fortgesetzter Abschied. Nicht nur von ihr, sondern von meinen Hoffnungen und Sehnsüchten nach (m)einer Mutter.

    Ich bin froh, dass sie sich nicht bei mir telefonisch meldet und ich selber beschränke meine telefonischen Kontakte auf ein Minimum und rein sachliche Themen.

    Wenn ich all das jetzt nicht tun würde, habe ich Angst, dass es so wie bei meinem Vater würde: jahrelange Pein und Verzweiflung, dass er auf diese Weise gestorben ist. Bei ihm gab es keine Hinweise auf Alkoholismus in der Wohnung, aber ich weiss seit meiner Studienzeit als ich den Kontakt zu ihm gesucht hatte, dass er psychisch sehr zu kämpfen hatte. Mir ist ebenso klar, dass ich ihm nicht helfen hätte können. Das hätte mich überfordert. Nach dem Tod meiner Oma (seiner Mutter) haben wir uns vor sehr vielen Jahren das letzte Mal gesehen. Mein Vater hat mir damals zum Abschied einen vorsichtigen Kuss auf die Wange gedrückt und hat mich gehen lassen. Dafür bin ich ihm dankbar.

    Ich weiss, dass ich auf einen solchen Abschied bei meiner Mutter nicht zu hoffen brauche. Das wird nicht so sein. Aber sie verdient die Chance, in ein Pflegeheim zu kommen, wenn sie denn will bzw. dies von den Fachpersonen für nötig erachtet wird. Diese Chance will ich ihr geben, ohne es erzwingen zu können. Die Ärztin meint, dass sie hierzu ersteinmal noch tiefer fallen müsse. Ich hoffe, dass dann das Netz greift, wenn dies passiert. Denn ich möchte dann nicht vor Ort sein. ;(


    Liebe Grüße

    Siri

    Liebe Mercedes,

    vielen Dank auch Dir für Deine lieben und ermutigenden Worte.

    Auch Dein Hinweis, dass ich hier auch viel schreiben darf, tut gut. Meine Antwort auf Leas Beitrag ist ja nun sogar noch länger geworden. Ich hoffe, dass es dennoch nachvollziehbar bleibt. Mir tut es so gut, das alles aufzuschreiben und auf Menschen zu treffen, die sich mit der Problematik auskennen, sie nachvollziehen können.

    Dass ich sofort alles, was es an Hilfe gibt, mobilisieren konnte, hat mich auch überrascht. Ich glaube es war so, weil es zunächst für meine Mutter gedacht war. Jetzt merke ich, dass es vor allem für mich sein muss. Auch die Ermahnungen, die es hier im Forum ab und an gibt, dass es um einen selbst geht, es ein Selbsthilfeforum ist, tun mir gut. Es erinnert daran, beim Schreiben bei der eigenen Perspektve zu bleiben. Das ist gar nicht so leicht!

    Liebe Grüße

    Siri

    Vielen Dank, Lea, für Dein herzliches Willkommen und Deine verständnisvollen Worte. Sie helfen mir sehr.

    Beim Sozialdienst in der Stadt bei meiner Mutter, wo man solch eine massive Entwertung Anfang des Jahres live mitbekommen hat, hat man mir genau dies auch gesagt: Laufen Sie!

    Und auch die Hausärztin meiner Mutter meinte, ich müsse meiner Mutter den Rücken kehren, um meine Seele zu retten.

    Der Krisendienst hier bei mir sieht es differenzierter: Die Person meinte, dass ich genau auf mich achten müsse, es aber auch richtig sein könnte, die Problematik in ihrem Ausmass aus erwachsener Sicht jetzt anzusehen. Dieses Ausmass war mir selbst bisher nicht klar und auch die Massivität der Gewalt, die mir als Kind widerfahren ist und die ja immer beiseite gewischt wurde, bestätigt sich ja jetzt. Ebenso viele andere Falschdarstellungen und Lügen meiner Mutter, die jetzt völlig klar als solche zu Tage treten. So schlimm alles ist: dies in solch einer Klarheit zu sehen, ist für mich heilsam. Manches hat auch mit meiner Biographie zu tun, die immer falsch dargestellt wurde, und wo jetzt durch die Gespräche mit ihrer Schwester einiges richtig gestellt wurde. Das ist wichtig, denn es klärt so vieles bei mir emotional: meine Gefühle waren und sind richtig! Zudem hilft es mir zu lernen, zwischen mir und meiner Mutter klar eine Grenze zu ziehen: Wo die Trennung zwischen uns ist, war nie klar und genau dies wurde mir jetzt wieder bewusst: diese ungute Symbiose, die von ihr immer unterhalten wurde und die ich nun endlich ganz auflösen möchte. Trotz des jahrelangen Kontaktabbruchs war mir dies nämlich nicht gelungen. Dieser hat aber dabei geholfen, das Problem nun genauer zu spüren und zu bemerken, wo Grenzübertretungen sind – nicht nur von Seiten meiner Mutter, auch ich übertrete leider hier selbst immer wieder gesunde Grenzen, wenn ich im Kümmer- und Verantwortungsprogramm bin. Und das möchte ich ändern, denn es behindert mich auch sonst in meinem Leben mit anderen.

    Mir selbst ist klar, dass ich die Besuche bei meiner Mutter auf ein absolutes Minimum beschränken muss. Der nächste steht bald wegen eines Notartermins an (Vollmacht, meine Mutter kann ihre Geschäfte nicht mehr selbst erledigen), dann irgendwann einer um den Pflegegrad neu zu bestimmen. Ich werde dann jeweils nur zwei Tage dort sein, leider mit zwei Übernachtungen wegen der Entfernung.

    Die Hausärztin übernimmt die medizinische Verantwortung und wird die nötigen Schritte unternehmen, wie sie sagt. Wenn meine Mutter ihre Termine bei ihr nicht wahrnimmt, wird sie nach einiger Zeit erneut das Betreuungsgericht einschalten. Dort kennt man ihren Fall bereits, denn ich hatte mich Anfang des Jahres bereits um eine gesetzliche Betreuung bemüht, was meine Mutter und der Partner abgelehnt haben, obwohl der Partner nicht in der Lage war, die Pflege meiner Mutter auch wahrzunehmen. Die beiden haben die Demenz meiner Mutter beim Hausbesuch überspielt, die allerdings bereits fortgeschritten ist.

    Es ist eine große Erleichterung für mich, dass die Ärztin die medizinische Seite übernimmt und will, dass ich mich da heraushalte: Ich hatte bei der Hausärztin zunächst nur einen Besprechungstermin für mich gemacht, um ihr die Situation zu erklären, und dann einen für meine Mutter. Bei diesem Termin war ich anders als beim Neurologen dann auch nicht im Sprechzimmer dabei. Das hat sich für mich besser angefühlt als beim Neurologen, allerdings hat auch dieser damals nonverbal (indem er mich nie, meine Mutter immer angeschaut hat) sehr deutlich gemacht, dass alles Sache meiner Mutter ist. Auch das hatte mir sehr gut getan.

    Ich werde meine Mutter also nicht mehr bei ihren Arztbesuchen begleiten und mit der Hausärztin auch keine Termine mehr für sie machen. Ich habe verstanden: meine Mutter muss das selbst tun und sie weiss ja nun, wen sie anrufen muss, um zum Arzt begleitet zu werden. Sie war wohl seit Jahren nicht bei ihren Ärzten, ihr Partner hätte sie hingefahren, doch meine Mutter wollte wohl nicht dorthin gehen. Bei meinen Besuchen hatte ich die Termine dort gemacht, weil ich dies unmöglich fand. Jetzt weiss ich, dass es typisch für Alkoholiker ist, sich so zu verhalten.

    Dennoch war der Besuch bei der Hausärztin auch für mich wichtig, denn ich kann diese Verantwortung ja nicht tragen. Es ist für mich wichtig zu wissen, dass es vor Ort bei meiner Mutter ein minimales Netz gibt, so dass sie nicht in ihrer Wohnung völlig verwahrlost. Das ist mit meinem Vater passiert, wie ich vor einigen Jahren erfahren habe, nachdem er gestorben war. Es war schrecklich, damit konfrontiert zu sein, auch wenn ich ihn kaum gekannt habe (das hatte in meiner Kindheit meine Mutter sabotiert und es hat sich später keine tragfähige Beziehung mehr entwickelt). Das darf nicht nochmals passieren.

    Ich bin froh, dass ich viele 100 km entfernt wohne. Dennoch merke ich, dass ich sehr aufpassen muss, nicht in einen Strudel zu geraten, in dem ich völlig verschwinde. Zugleich ist es so, dass meine eigene emotionale und psychische Situation in den vergangenen Jahren nicht gut war und ich mich immer weiter zurückgezogen habe. Ich sehe jetzt, dass dies mit dem Alkoholismus meiner Mutter und den damit zusammenhängenden Kindheitserfahrungen zu tun hat. Ich möchte diese Problematik nun offensiv in Angriff nehmen und hoffe, bald einen Therapieplatz zu ergattern. Auch hier in diesem Forum habe ich mich angemeldet, um aus dieser Lähmung herauszufinden, die ich seit langem bei allem, was mich betrifft, verspüre und die mich in meinem Leben sehr behindert.

    Liebe Grüße

    Siri

    Liebe Forumsmitglieder,

    mir ist zwar die Alkoholabhängigkeit meiner Mutter und auch einige Folgen für mich seit langem bewusst – doch es fällt mir sehr schwer, mich hier anzumelden und von mir zu schreiben, auch wenn ich nun bereits einige Zeit intensiv und mit grossem Gewinn bei Euch mitlese.

    Ich habe meine eigenen Schwierigkeiten bisher nie systematisch mit der Alkoholabhängigkeit meiner Mutter in Zusammenhang gebracht. Auch in einer langjährigen Psychoanalyse war der Alkoholabusus meiner Mutter kein eigenes Thema. Ich habe mich dort auf mich konzentriert und das war auch sehr hilfreich. Die Analyse hat mir einen weiten inneren Raum eröffnet, in dem ich gelernt habe, nicht alles bewerten und rechtfertigen zu müssen. Dies hat mir auch einen neuen Umgang mit zwei chronischen Schmerzerkrankungen eröffnet, die seit früher Kindheit bestehen. Darauf bin ich stolz, denn so lange konnte ich nicht gut für mein gesundheitliches Wohl sorgen und noch immer gerät die Selbstfürsorge zwischendurch ins Stocken.

    Und nun nach all den Jahren ist jetzt alles wieder da (bin nun über 50): die alten Panikattacken, die Übelkeit, das Gefühlschaos, die Verzweiflung... Nach vielen Jahren des Kontaktabbruchs, den ich wegen ihrer permanenten Entwertungen und Gehässigkeiten zunächst nur auf persönlicher Ebene, dann auch telefonisch strikt vollzogen hatte, bin ich nun mit meiner nun pflegebedürftigen Mutter konfrontiert. Nach dem Tod ihres Lebenspartners habe ich die Organisation der Pflege meiner Mutter übernommen.

    Bereits vor einigen Monaten, als ihr Partner für eine Krebs-OP im Krankenhaus war, hatte sie mich um Hilfe gebeten, da sie sich nicht mehr selbständig versorgen kann.

    Der zweiwöchige Aufenthalt bei ihr hat bei mir zu einer Retraumatisierung geführt. Da war zunächst der Schock über ihren körperlichen und geistigen Zustand. Zudem war alles so vertraut, wenn auch nun durch die fortgeschrittene Alkoholkrankheit extrem überspitzt. All die alten Muster aus meiner Kindheit: die Bosheiten, die Manipulationsversuche, das Absprechen meiner Wahrnehmung, der urplötzliche Kontrollverlust, ihr Geschrei und sogar die Androhung körperlicher Gewalt waren wieder da. Und all das bei einer alten und gebrechlichen Frau (sie wird bald 80), die von ihrer Krankheit so schlimm gezeichnet ist. Neben dem Alkoholabusus hat sie MS, wobei sie alle Probleme auf die MS schiebt, die jedoch laut Aussage des Neurologen sehr langsam fortschreitet (meine Mutter kann sich noch selbständig im Haus bewegen). Vieles, was mich sehr besorgt – der Juckreiz der Haut, die Schluckbeschwerden und Würgereflexe, die blauen Flecken, das Zittern beim Teemachen, die Probleme mit dem Gleichgewicht, die Stürze führe ich auf den Alkoholabusus zurück, meine Mutter ist überzeugt, alles sei der MS geschuldet.

    Ich wollte bereits zu Jahresbeginn eine stationäre Pflege für sie organisieren, weil klar war, dass ihr Partner die Pflege nicht mehr übernehmen konnte. Sie und auch ihr wohl Co-abhängiger Partner haben das jedoch vehement abgelehnt und sich die Monate, die ihm blieben, mit minimaler Hilfe der Tochter des Partners meiner Mutter durchgeschlagen.

    Als ihr Partner letzten Monat gestorben ist, war ich nochmals für eine Woche da und dann nochmals für eine Woche nach der Beerdigung. Diesmal hat meine Mutter meine Hilfe angenommen. Doch es kam wieder zu Ausfällen, wenn auch weniger massiv, wohl auch weil ich mich bei diesen beiden Aufenthalten besser distanzieren konnte.

    Ich habe mir sofort umfassend Hilfe geholt, sowohl vor Ort bei meiner Mutter (Sozialdienst, Gerontopsychiatrischer Dienst, Ärzte), als auch für mich (Krisendienst, ich hoffe auf einen Therapieplatz aufgrund der nun im Raum stehenden kPTBS) Ohne dieses umfassende Netz und die Beratungen und Notgespräche hätte ich die Organisation der Versorgung meiner Mutter nicht hinbekommen, obwohl mein wunderbarer Mann mich begleitet und liebevoll und tatkräftig unterstützt hat.

    Einerseits ist es gut, all das nun als Erwachsene deutlich und klar vor Augen zu haben. Und vor allem, dass ich jetzt nicht allein mit der Situation bin, mir Hilfe organisiert habe und Zeugen für all diese Vorkommnisse habe, hilft mir aus dem zwischendurch auftauchenden Gefühl der Hilflosigkeit. Dennoch tauchen auch jetzt immer wieder Panikattacken auf, dazu kommen tiefe Trauer und Schmerz.

    Es ist schwer.

    Entschuldigt diesen langen Text.


    Liebe Grüße

    Siri