Beiträge von Mellimatsch

    Hallo mal wieder,

    nach über einem Jahr schreibe ich mal wieder. Es hat sich an meiner Situation nichts verändert, außer, dass der Kontakt auch zu den Familienangehörigen mittlerweile kaum vorhanden ist (was mir auch ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle macht).
    Ich selbst möchte einfach nichts über meinen Vater, sein Gesundheitsstatus, sein Alkoholismus etc. mehr wissen, aber ich frage mich immer wieder, ob das so in Ordnung ist. Es tut einfach zu sehr weh, aber gleichzeitig ist nichts zu wissen auch belastend.

    Mir ist aber auch klar geworden, wie viel Angst ich immer vor ihm hatte. Nach der Scheidung meiner Eltern ist er niemals darüber hinweggekommen, es gab so viele Eifersuchtsdramen und Szenen, die ich miterlebt habe. Es war beängstigend. Er hat sich immer nur als Opfer gesehen, immer wieder was zusammengesponnen, mich immer wieder emotional damit belastet. Er hat uns nicht wirklich in Ruhe lassen, hat Grenzen nicht respektiert, ist vor unserem Haus immer wieder „zufällig“ spazieren gegangen und ich musste immer auf der Hut sein ihm zu begegnen. Manchmal besoffen, manchmal nicht. Aber immer wieder mit Vorwürfen, Schuldgefühlen und versuchter emotionaler Erpressung. Es war so unberechenbar, irgendwann habe ich ihm alles zugetraut. Kein Wunder, dass ich so froh war, als ich endlich wegziehen konnte. Ich bin regelrecht geflüchtet.

    Ich verstehe manchmal nicht, wieso ich überhaupt so viel an ihn denke, wie es ihm mit seiner Alkoholsucht wohl geht. Bei den ganzen Vorfällen und meiner Angst VOR ihm ist das doch einfach paradox. Doch die Angst UM ihn ist trotzdem immer wieder präsent.

    Ist wohl das Ergebnis von jahrelanger emotionale Erpressung seit meiner Kindheit. Wie schafft man eine emotionale Distanz? Wie schafft man seine innerlicher Zerissenheit zu bewältigen?


    Liebe Grüße

    Melli

    Hallo zusammen,

    nach längerer Zeit melde ich mich nochmal. Kontakt zu meinem Vater besteht weiterhin nicht, ich hatte ihn vor drei Jahren überall blockiert, mir geht es aber nicht immer gut damit. Sorgen und die Ungewissheit plagen mich mal mehr mal weniger. Einzig meine Oma kümmert sich mit ihren 80 Jahren noch immer um ihn - bis auch sie immer wieder vor den Kopf gestoßen oder beschimpft wird. Leider gestaltet sich dadurch auch mein Kontakt zur Oma schwierig, eine Zeitlang wurden mir wie eingangs schon geschrieben Schuldgefühle eingetrichtert. Ich rufe selten an, um dies zu vermeiden und auch Informationen und "Neuigkeiten" zum Wohlergehen meines Vaters auf ein Minimum zu reduzieren.

    Vor einigen Wochen wurde mir in einem dieser Telefonate berichtet, dass Wasser im Bauch meines Vaters abgepumpt wurde. Wundern tut es mich nicht nach dem jahrelang anhaltenden Alkoholkonsum. Weitere Nachfragen meinerseits gab es hierzu nicht, weil es mich jedes Mal psychisch so enorm mitnimmt und ich mich einfach nicht weiter in dieses Thema hineinbegeben möchte. Natürlich kochen dabei aber immer wieder Schuldgefühle, schlechtes Gewissen und auch Sorgen hoch. Aber auch dieses "hart sein müssen" und nach außen hin wirkende Emotionslosigkeit machen mir immer wieder zu schaffen - obwohl ich weiß, dass ich für mich selbst so hart bleiben muss um mich zu schützen und es mich innerlich emotional eigentlich sehr mitnimmt.

    Jetzt im neuesten Telefonat habe ich erfahren, dass mein Vater im Krankenhaus liegt und Zitat "man nicht sagen kann wie lange er noch lebt". Bei mir sind natürlich sofort alle Panik und Angstgefühle von früher wieder hochgeschossen. Dass er durch den Alkohol irgendwann stirbt ist mir rational bewusst, dass es jetzt aber Wirklichkeit wird nimmt mich aber trotzdem mit und seitdem geht es mir gar nicht mehr gut. Mehr weiß ich zu seinen Zustand nicht, ich kann und möchte nicht nachfragen. Meine Tante hat mich nur versucht zu beruhigen, dass es etwas weniger dramatisch sei als das o.g. Zitat er vermute lässt (z.B. war es jetzt kein Notfall, sondern er wurde von meiner Oma ins Krankenhaus "gezwungen").

    Hinzu kommt, dass ich in knapp einer Woche heiraten werde. Mein Vater war nie eingeladen, er kennt nicht mal den Mann den ich heiraten werde. Leider wird aber so der Tag, auf den ich schon so lange warte und dem ich eigentlich mit Vorfreude begegnen sollte gerade von den Entwicklungen überschattet. Ein Horrorszenario (von den vielen in meinen Gedanken) wird gerade wahr. Die gesamte Situation zerreißt mich innerlich und ich habe kaum noch Appetit und kann nicht schlafen. Ich fühle mich so egoistisch, wie kann es mir gut gehen, während es ihm so richtig schlecht geht? Was ist wenn er stirbt, wovor ich mich immer gefürchtet hatte, und dann noch ausgerechnet jetzt? Mich zerreißt auch einerseits die Ungewissheit, aber andererseits kann und will ich auch nicht mehr wissen, weil ich es (gefühlt) einfach nicht ertragen könnte.

    Danke an jeden, der sich das bis hierhin durchließt.

    Melli

    Hallo zusammen,

    ich bin heute 32 Jahre alt und Tochter eines Alkoholikers.

    In meiner Familie war Alkohol immer allgegenwärtig, aber schon früh war mir klar, dass der Einfluss auf meinen Vater anders war. Dieser kam nach einer berauschten Nacht nie zu Ruhe, schlich besoffen herum, taumelte, stieẞ gegen Möbelstücke und machte dabei Sachen kaputt. Oftmals kam es zu Streit mit meiner - wie ich heute weiß - damals co-abhängigen Mutter. Es wurde handgreiflich, Gegenstände sind geflogen oder wurden mutwillig zerstört.
    Als Kind konnte ich mich immer erst beruhigt schlafen legen, wenn ich wusste, dass mein betrunkener Vater endlich eingeschlafen ist. Dann habe ich mich oft aus meinem Zimmer geschlichen, um sichergehen zu können, dass zB. der lautstarke Fernseher ausgemacht oder die Balkontür bei Minusgraden geschlossen wird. Ich habe also immer aufgepasst.
    Eines Abends war es wieder soweit, es wurde gestritten, ich mittendrin. Als ich 14 Jahre alt war, hat mein betrunkener Vater vor Wut mit seiner Faust gegen die gläserne Wohnzimmertür geschlagen, die dabei zu Bruch ging. Er hat sich dabei die Hauptschlagader durchtrennt, das ganze Wohnzimmer war schnell voller Blut. Ich habe den Krankenwagen gerufen, während meine Mutter ihn versorgte. Er hat überlebt und eine Unbeweglichkeit der Hand davongetragen. Und ich mein Trauma inkl. dissoziativen Störung.

    Meine Mutter ließ sich kurze Zeit später scheiden und ich hoffte, endlich ohne Angst einschlafen zu können. Leider haben die Sorgen danach für mich aber nicht aufgehört. Mein Vater hat den Kontakt zu allen Familienangehörigen abgebrochen - wegen verletztem Stolz. Ich war die letzte einzige Kontaktperson und verspürte dadurch sehr viel Druck von außen. Ich müsse ja für ihn da sein, er hat ja sonst niemanden mehr, wurde mir sowohl von ihm als auch diversen Familienmitgliedern eingetrichtert
    Oft war er betrunken, wenn ich bei ihm war oder wir telefonierten. Wenn er sich mal eine zeitlang nicht gemeldet hat, weil er sich tagelang betrunken hat, überkam mich große Angst und ich vermutete das schlimmste. Manchmal ist er bei Verabredungen nicht aufgetaucht.

    Als ich zur Uni bin und mir langsam mein eigenes Leben aufbaute, merkte ich, wie belastend die ständigen Sorgen und Ängste um den eigenen Vater sind. Dem Druck die einzige letzte Kontaktperson zu sein und dem Ausmaß und Folgen des Alkoholkonsums meines Vaters konnte ich irgendwann nicht mehr standhalten und brach den Kontakt ab, um mich selbst zu schützen.

    Ich bin derzeit seit einiger Zeit in Therapie und arbeite an meinen Traumafolgestörungen. Die Auswirkungen des Alkoholkonsums des Vaters auf mich selbst sind mir dadurch erst so langsam bewusst geworden. Trotzdem plagen mich immer wieder Schuldgefühle, schlechtes Gewissen und manchmal auch Hoffnungslosigkeit.

    Ich hoffe, hier im Forum auf einen Austausch von Betroffenen.

    Lieben Gruß

    Melli