Update hier.
Die Reha steht vor der Tür und die Spannung steigt.
Ich musste ca. 20 Seiten Fragebogen zu meinem Gesundheitszustand ausfüllen.
Ausserdem alle Papiere fertig, damit ich hinterher gleich Erwerbsminderungsrente beantragen kann, Papierkram eben.
Jetzt bin ich gespannt, wie das dort läuft, was sie mit mir machen, wie die Mitpatienten sind.
Bisschen wie Reisefieber, leichtes Kopfkino in der Nacht.
Und ich werd mich umgewöhnen müssen, denn einen täglichen Stundenplan hatte ich schon lange nicht mehr.
Zum Thema Alk ist mir die Tage eingefallen, dass es jetzt bei mir ein tatsächlich mehr oder weniger ganz normales Leben ist, nur eben ohne Alkohol.
In vielen Bereichen bewege ich mich in einem statistischen Mittelfeld, was Geld, Gesundheit, Sozialleben,Wohnsituation angeht.
Für mich ist es manchmal noch was Besonderes, weil es eben schon mal ganz anders aussah.
Wenn nicht der Gegensatz zu früher wäre, wäre es für mich kaum erwähnenswert.
Aber so hängt es tatsächlich an der Tatsache, dass ich trocken bin, sonst wäre das alles hinfällig.
Im wesentlichen bemühe ich mich, im Großen und Ganzen gesund zu leben, gesundes Mittelmaß zu halten, zu gucken, was mir wirklich gut tut. Ausser meiner Behinderung ist mein Gesundheitszustand auch sehr gut, ausreichend Bewegung, Normalgewicht, die ganzen Risikofaktoren längst ausgeräumt. Also eigentlich würde ich so gerne mindestens 90 werden, und das ist gegenüber meiner Sufffzeit ein Riesenunterschied.
Die ganze Suffgeschichte hier, bei der sich manche gefragt haben, was das soll:
Das Leben wird rückwärts verstanden und vorwärts gelebt. Ich weiss nicht mehr, von wem das stammt.
Ich konnte diese Geschichte erst mit Abstand dazu so schreiben, früher war ich viel zu dicht dran.
Und ich bin froh, dass ich das so schreiben konnte, nicht nur, weil ich es nur konnte, weil ich noch lebe.
Vielleicht ist es das Alter, dass ich das Bedürfnis habe, mein Leben so zu sehen, dass alles, was ich gemacht habe, am Ende doch irgendwie gut war, denn es hat mich ja auch da hin gebracht, wo ich heute stehe. Aus meiner Sicht musste ich durch meine ganzen Schwierigkeiten durch, sonst wäre ich heute nicht ich.
Selbst der Aufreger hier mit den Frauen, da muss ich manchmal drüber lachen, aber:
ich hab mich neulich mit einem Freund drüber unterhalten, wie wichtig Frauen in unseren Leben waren und sind.
Und dass wir beide mehrere andere Männer kennen, die gar keine "abgekriegt" haben, denen es also überhaupt nicht vergönnt war, eine zufriedene Partnerschaft zu leben.
Ausserdem, dass wir es beide geniessen, dass wir unter 4 Milliarden Frauen vielleicht doch auch noch mal eine finden würden.
Mehr als ein gewisser Marktwert auf dem Beziehungsmarkt ist das ja nicht. Es wird wohlwollend registriert. Wenn Mann unbedingt wollte, aber Mann will ja gar nicht. Mann ist glücklich damit, dass es so ist, wie es ist. Falls der Eindruck entstanden sein sollte, ich habe mich nie dafür interessiert, ein Frauenheld zu sein, trotzdem ist es halt schön, wenn man weiss, es ginge, wenn es unbedingt sein müsste. Bei mir war das auch nicht auf Parties, viel eher passierte das im Job.
Meine Frau hat neulich auch in meinem Beisein gesagt, dass auch sie es geniesst, dass wir nicht leidend auf unsere Vergangenheit zurückblicken, sondern dass wir auch drüber lachen können. Wir machen da wirklich blöde Spüche drüber, wie blöd man sein kann, auch wir. Ja, und auch sie war nicht angekettet, wir haben das wohl so gebraucht. Und ja, hätte schiefgehen können wie bei vielen Anderen hier, aber das ist eben die Theorie. Wir hatten das Glück, das wir da raus gekommen sind, und wir nehmen das Glück gerne an. Mir ist völlig klar, dass es damit anders aussieht
Für mich ist das auch deswegen immer noch ein Punkt, weil ich das Leben, so lange ich gesoffen habe, grundsätzlich eher schlecht fand. Eine Plagerei. Und das hat sich mit der Trockenheit trotz aller Schwierigkeiten grundsätzlich geändert. Denn heute lebe ich gern, auch wenn mich manches nervt. Es ist mir zu wertvoll, um die Hälfte davon im Rückblick in die Tonne zu treten.
Ich stand vor allem in den ersten Jahren der Trockenheit mehrmals vor dem Punkt, mich zu fragen, was die Trockenheit nun wirklich gebracht hat, so untem Strich, wenn trotz alledem mal wieder ein schlechter Tag war. Wenn wir uns hart gestritten haben, wäre ich fast mal zum Saufen gegangen, dann ist mir aber sofort eingefallen, dass das selbstschädigendes Verhalten wäre. Und dass ich dann damit zu kämpfen hätte. Ansonsten hab ich das durchaus locker gesehen, wenn ich die Scheidung wollte, wüsste ich ja, wie ich sie erreichen könnte. Ja, ich mag es, Leute zu erschrecken, auch meine Frau. Hier gibt es ein Sprichwort, schlechten Leuten geht es immer gut, also bemüht man sich logischerweise, nicht zu gut zu sein. Das ist manchmal halb scherzhaft, aber es ist auch ein gutes Mittel, die Probleme Anderer nicht zu seinen eigenen zu machen, fast Anti-Co.
Und ich denke, hier im Forum gibt es hin und wieder Missverständnisse, weil die Sauferei bei mir schon sehr lange her ist. Ich bin auf dem Boden der Tatsachen angelangt, was die Wunder der Trockenheit anbelangt, für mich ist das nichts Besonderes mehr, was mir täglich das Leben versüsst. Irgendwie zwar schade, weil ich damit nicht jeden Tag aufs Neue feiere, aber auf der anderen Seite wollte ich das ja auch so.
Und ich habe gewisse Schwierigkeiten, mich in die Situation von Neulingen hineinzuversetzen, weil ich damals gar kein großes Bedürfnis hatte, darüber zu reden. Ich ticke da irgendwie anders, ich rede erst, wenn ich die Probleme bereits überwunden habe. Gegen ungebetene Ratschläge bin ich allergisch, weil ich mit viel zu vielen Ratschlägen aufgewachsen bin, zu viel Erziehung, und meinen eigenen Weg da durch finden musste. Ist vielleicht auch ein Dachschaden.
Ich habe das erst während der Trockenheit richtig gelernt, Andere, Ärzte, Physiotherapeuten, an mich ranzulassen. Weil ich sehr lange trocken bin, kann ich das aber auch schon eher Jahrzehnte, und ich bin Profi darin, mir Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche. Auch das ein Gewinn der Trockenheit, dass ich mir Schwäche zugestehe..
Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder seine Trockenheit auf seine Weise gestaltet, wenn er mal aus dem Gröbsten raus ist, deswegen sehe ich mich ausserstande, als Vorbild zu dienen. Um auf die eine der andere Kritik einzugehen, es geht nicht drum, was Besonderes zu sein, aber es ist nun mal Tatsache, dass jedes Leben individuell ist. Und mir sind ein paar Dinge passiert, oder ich hab sie gemacht, die nicht jeder macht, das geht mir auch aussehalb von Alkoholikergruppen so. Ich war als Jugendlicher ein Systemsprenger, schon bevor ich zu den Drogen griff. Hats aber vermutlich begünstigt, weil ich für alles empfänglich war, was irgendwie abgefahren war.
Es haben mir einige geschrieben, dass sie mit meiner Botschaft nichts anfangen können. Von meiner Seite her, habe ich überhaupt eine Botschaft, ausser, dass mans trocken gut aushalten kann? Darüber hinaus fällt mir schon beim Lesen hier auf, das auch Alkoholiker sehr unterschiedliche Ziele im Leben haben, und jeder muss sie auf seine Weise erreichen.
Ansonsten ist hier ganz normal Sommer. Mein halbes Leben spielt sich draussen ab, ich bin schon ansatzweise traurig, das es mein Garten nun einige Wochen ohne mich aushalten muss.
Und ich hoffe, dass die Reha wirklich was bringt in Punkto Bewegungsfähigkeit. Dann das ist auch das, was mich gerade am meisten einschränkt. Und meine Frau darf mich besuchen, mit Vollpension. Muss natürlich bezahlt werden, aber daran wird es nicht scheitern.
Vorfreude ist auch dabei. Es ist ja eine Urlaubsgegend, das wird schon werden.
Danke fürs Lesen, und danke, dass ich hier mitspielen darf.