Hallo zusammen,
ich hab mich länger nicht gemeldet, jedoch jeden Tag viel hier mitgelesen.
Mir geht es gut, aktuell bin ich im 54. Tag und habe nur noch wenig Druck, zu trinken. Tatsächlich hilft mir gerade ein lang ersehntes Hobby, das ich vor kurzem angefangen habe: das Klavierspiel. Seit 8 Wochen habe ich einmal die Woche Einzelunterricht und lerne schon das 2. Stück. Ich übe jeden Tag so eine Stunde, direkt nach dem Feierabend, also u.a. zu der Zeit, mit der ich vorher immer nix anzufangen wusste und ich zur Flasche griff.
Schon so mit 12 wollte ich gern das Klavierspiel erlernen, jedoch gab es damals zum einen finanzielle Gründe und zum anderen auch keine Möglichkeit vor Ort, Unterricht zu nehmen.
Was mir dabei wieder schmerzlich bewusst wurde: Im Grunde war der Alkohol auch daran schuld, dass ich keinen Unterricht erhielt. Denn dafür hätte man mich mit dem Auto in den nächstgrößeren Ort fahren müssen. Tja, wenn dann das Trinken nach Feierabend wichtiger ist, sind die elterlichen Prioritäten halt ziemlich verschoben. Vielleicht war auch der Grund, dass es zu teuer wäre und man es sich nicht leisten könne, vorgeschoben. 
Durch das viele hier Lesen und den Besuch einer SHG hier im Ort ist mir auch nochmal bewusster geworden, dass ich nicht nur selbst abhängig, sondern auch EKA und als Kind vielleicht sogar Co war/bin.
Aktuell weiß ich noch nicht genau, wie und ob ich damit umgehen muss. Akzeptieren, da ich ja jetzt erwachsen bin und aus dem toxischen Umfeld raus bin? Oder stärker damit auseinandersetzen, da ich zwangsläufig durch den Kontakt mit den Eltern auch weiterhin mit deren Trinkverhalten konfrontiert werde?! Ich kapsele mich emotional aber weitestgehend von dort ab, denn ich habe keine Lust mehr darauf, so stark in ihr Leben eingebunden zu werden. Ich bin erwachsen und mach mein Ding.
Der Kontakt ist recht runtergedrosselt, Besuche finden meist nur zu Feiertagen o.ä. Anlässen statt. Das Trinkverhalten ist jetzt auch nicht mega krass, sondern eher so im Bereich 1-2 Getränke pro Abend, ich war aber auch schon länger nicht mehr zu Zeitpunkten da, wenn getrunken wird. In meiner Wohnung findet natürlich kein Konsum statt, wenn sie zu Besuch sind.
Das Bewusstsein, selbst ein Problem mit Alkohol zu haben ist auch eher nicht vorhanden.
Es wird halt darauf verwiesen, dass man ja so aufgewachsen sei, dass es normal sei und man jetzt im Alter auch nichts mehr daran ändern „kann“.
Allerdings muss ich sagen, dass es jetzt im Rentenalter der Eltern nicht so schlimm geworden ist, wie ich davor befürchtet hab. Sie haben schon genügend Hobbys und Interessen, dass der Tag nicht komplett mit Trinken verquast wird. Zum Alltag gehört er jedoch weiterhin. Musikhören und feiern: Da gehört Alk dazu. Zum Essen: „zu Hähnchen schmeckt kein labbriges Wasser, da muss schon Bier getrunken werden.“ Nach dem Essen: Erstmal n Verdauungsschnaps. Wenn es einem schlecht geht: „erstmal ein Glas Wein“, wenn einem kalt ist: „erstmal ein Glas Wein“, - es gibt also genügend vorgeschobene Gründe, warum getrunken werden muss.
Teilweise ist man sich dessen auch bewusst, dass das Trinkverhalten nicht „normal“ ist, der Wille zum Ändern ist aber nicht vorhanden. Trotz an Alk wegsterbender Bekannte im näheren Umfeld.
Genau so habe ich natürlich bis vor ein paar Jahren auch gedacht. Und bis vor einem Jahr konnte ich es mir auch noch gar nicht vorstellen, dass man bis ans Lebensende darauf verzichten kann, weil „man dann ja keinen Spaß mehr im Leben hat“.
Heute? Ich bin so froh, dass ich den Gedanken einer lebenslangen Abstinenz nicht nur akzeptiert habe, sondern ihn als Ziel und Bereicherung meines Lebens verstehe.
Keine Heimlichtuerei mehr, kein Flaschen-Wegbringen, keine Gedächtnislücken, kein unnötiges Geldausgeben für Stoff, stattdessen Klarheit, Lebensfreude, Hobbys, Freunde und erholsamer Schlaf. Wieso hab ich darauf nur die letzten Jahre verzichtet?
Natürlich habe ich weiterhin meine Baustellen: Imposter-Syndrom, Harmoniebedürfnis hoch 10, Introvertiertheit, Unsicherheit, unbegründete Ängste. Wahrscheinlich alles Ergebnisse meiner Kindheit. In Therapie war ich einmal schon. Viel gebracht hat es mir rückblickend nicht, ich weiß nicht, ob ich dafür zu reflektiert war/bin?
Ich denke trotzdem, es wäre noch einmal wichtig, Therapie zu machen. Das ist der nächste Plan: neuen Platz suchen.
Ansonsten läuft alles – wie gesagt – aktuell sehr gut. Ich werde von meinem Mann super unterstützt und fühle mich endlich auf dem richtigen Weg.
Danke fürs Lesen.