Beiträge von anno.nym

    Hallo marie04,

    Herzlichen Dank für deine Antwort. Ich vermute er hat mir vielleicht aus Scham und aus Angst, dass ich ihn deshalb zurückweisen könnte nicht von seiner Sucht erzählt. Meine Gedanken sind, dass man sich auf so eine gravierende Veränderung (weiter Ortswechsel, Kinder zurücklassen) ja irgendwie auch vorbereiten muss, das passiert nicht überstürzt von einem Tag auf den nächsten (Kündigungsfrist, neuer Job und das in einer Entzugssituation, Organisation vom Umzug...) während man gerade mit der Bekämpfung seiner Sucht zutun hat.

    Danke für deinen Hinweis- ich habe ein paar Details gekürzt und versuche mich zukünftig kürzer zu halten.

    Liebe Grüße

    Hallo zusammen und herzlichen Dank für die Aufnahme.

    Ich habe vor einigen Monaten einen Mann kennengelernt, bei dem es bei uns beiden im ersten Moment sofort extrem gefunkt hat. Für uns beide war schnell klar: da ist mehr. Er war mir gegenüber immer liebevoll, wertschätzend, hat mir das Gefühl gegeben gesehen zu werden und mich anzunehmen wie ich bin. Einziges Manko: wir wohnen weit auseinander und führen eine Fernbeziehung. Tägliche lange Videocalls waren die Regel und ich habe ihn an ein paar Wochenenden besucht, bevor er für ein paar Tage zu mir kommen wollte. Bis dato war mir nichts auffällig, auch nicht bei meinen ersten Besuchen bei ihm, ich habe den Rahmen seines Konsums nie in Frage gestellt und er verhielt sich völlig normal. Wir tranken bei Besuchen abends mal ein Feierabendbierchen oder auch mehr zusammen, für mich an freien Tagen in Gesellschaft nichts verwefliches.

    Als er dann das erste mal bei mir war, wurde ich mit der bitteren Wahrheit konfrontiert. Er hatte "frei", konnte also auch mehr trinken, und so wurde über den Tag verteilt plötzlich doch mehr Alkohol konsumiert. Da ich noch nie mit Alkoholsucht zutun hatte und er mir von vielen Problemen im privaten Umfeld berichtete, stellte ich selbst das zunächst nicht in Frage und dachte nur "oh, der verträgt aber was". Er war normal ansprechbar und wir haben normal miteinander kommuniziert. Bis die Entzugserscheinungen eingesetzt haben und ich stutzig wurde, er schob es auf andere Krankheiten, aber ganz so doof bin ich dann doch nicht. Aus wenigen Tagen Besuch wurden zwei harte Wochen bei mir, in denen er sich zwischenzeitlich telefonisch krankschreiben ließ, und die sich immer mehr zuspitzten. Das ging bis hin zu Krampfattacken und am Ende auch Anzeichen vom Delirium. Alles gut zureden gemeinsam zum Arzt zu gehen oder sich Hilfe zu holen half nichts, immer wenn ich dachte ich sei so kurz davor hatte er plötzlich doch keine Kraft mehr. Kurzum: er hat sich bei mir bewusst dafür entschieden, einen kalten Entzug zu probieren, ohne mir vorab von seiner Krankheit zu erzählen, die ihn wohl schon seit Jahren begleitet, mal mehr, mal weniger. Da mein Herz sehr an ihm hängt, konnte ich ihn in diesem Zustand natürlich nicht einfach vor die Türe setzen, das Ende vom Lied war ein Krankenwagen vor meiner Tür, Aufenthalt auf der Intensivstation und erstaunlich schnelle Aufnahme in einer Klinik zur Entgiftung. Das alles weit von seinem Wohnort entfernt, in meiner Nähe, wo ich ihn natürlich den ganzen Prozess über täglich begleitet habe. Fernab jeglicher Trigger, die ihn dort in seinem bisherigen gewohnten Umfeld zu dem gemacht haben, was er nun ist. Er hasst sein Leben dort, ist damals nur seiner Ex-Partnerin und der Kinder wegen dorthin gezogen, lebt inzwischen getrennt, hat dort keine richtigen Freunde, lebt mitten in einer Großstadt und übt seinen Job den er mal geliebt hat überhaupt nicht mehr gerne aus, da die Rahmenbedingungen überhaupt nicht mehr passen. Viel zu lange Arbeitstage, viel zu viel Verantwortung, er lebt nur noch um zu arbeiten und kommt jeden Abend kaputt nach hause. Die Kinder sieht der dadurch nur sehr unregelmäßig alle paar Tage für wenige stunden, sie seien der einzige Grund, die ihn dort noch halten. Er sagt ansonsten täglich, dass er das Leben dort nichtmehr so führen will, fühlt sich maßlos überfordert, einsam, antriebslos und will dort einfach nur noch weg.

    Nach erfolgreicher Entgiftung ging es für ihn zurück in sein gewohntes Umfeld - wieder weit entfernt, ohne Aussicht auf Anschlusstherapie. Er vermisse die Kinder und habe doch irgendwie Angst um den Job, über den er nach nur wenigen Tagen direkt wieder nur größte Unzufriedenheit äußerte, man konnte dabei zusehen, wie es für ihn im gewohnten Umfeld wieder bergab ging. Ich habe mich jeden Tag wahnsinnig auf unsere Anrufe gefreut, aber merke auch, wie es mich belastet dabei zusehen zu müssen, wie er sich wieder verliert. Er wollte für sich vor Ort selbst nach weiterführenden Hilfsangeboten schauen, was er aber leider nicht geschafft hat. Wir redeten nahezu täglich darüber, aber er war schon wieder an einem Punkt, an dem er für nichts mehr Kraft hatte. Selbst die Treffen mit seinen Kindern waren für ihn anstrengend und für alle Beteiligten keine qualitativ hochwertige Zeit. Der Rückfall vor einigen Tagen ließ da nicht lange auf sich warten, leider relativ hart. Immerhin redete er mit mir darüber und versteckte es nicht. Und nachdem ich einen Tag lang garnichts hörte was äußerst unüblich war und ich nach wissen über den starken Rückfall vor Sorge nichtmehr wusste wohin mit mir, kam heute morgen die Nachricht, dass er wieder im Krankenhaus sei und sich dort wieder um ihn gekümmert werde. Er möchte sich im Laufe des Tages bei mir melden. Das ist der aktuelle Stand, mehr weiß ich nicht und mich macht das nahezu wahnsinnig.

    Zu unserem Miteinander: unsere Gespräche waren in der ganzen Zeit immer sehr tiefgründig und auf eine gemeinsame Zukunft ausgerichtet. Er will den Absprung schaffen aus einer Umgebung, die ihm wie er selbst sagt überhaupt nicht gut tut, ich würde ihm nur durch unsere Gespräche und Unseren Austausch enorm viel Kraft geben das alles durchzustehen, er betont, dass er das nicht nur für sich sondern für UNS will. Auch wenn ihm der Schritt weg von den Kindern extrem wehtut, aber er merkt selbst, wie er dort nichtmehr leben kann und ihn genau das immer wieder runterzieht. Er vermittelt mir ständig und intensiv das Gefühl, sich mit mir etwas neues aufbauen zu wollen und sagt, dass er sich deshalb endlich dazu bereit gefühlt hätte, gegen seine Sucht anzukämpfen. Er möchte gerne zurück in seine Heimat im Süden Deutschlands, hätte dort sogar ein Haus und einige Bekannte im direkten Umfeld. Und wir wären näher beieinander. Wichtig ist vielleicht noch zu erwähnen, dass die Bindung zu seiner Familie allgemein nicht so gut ist und ihn außer seiner Schwester und seinem Cousin (leben beide auch weit weg von ihm) in seiner Zeit der Entgiftung niemand begleitet hat.

    Meine Frage: Kann er in seiner Situation das, was er sagt, alles ernst meinen? Kann man da wirklich von Liebe sprechen, oder hat er sich nur irgend einen Anker gesucht, mit dem er das durchstehen kann? Können wir eine realistische Zukunft haben, wenn er den Absprung und den Entzug schafft? Wäre es Co-Abhängigkeit ihn am Wochenende im Krankenhaus zu besuchen (wenn er das möchte), nicht um ihn von etwas zu überzeugen, sondern um ihm zu signalisieren - du bist nicht allein?

    Meine Grenze für mich ist klar: wenn er es dieses Mal nicht schafft, werde ich keine Kraft mehr in ein gemeinsames Miteinander stecken, so weh es mir tut. Wir haben wirklich eine besondere Verbindung. Aber gerade über die Distanz ist die Situation für mich auf Dauer nicht tragbar, ich möchte nicht täglich Angst um ihn haben und aus der Ferne dabei zusehen müssen, wie er in diesem Umfeld wieder im Strudel versinkt.

    Entschuldigt den langen Text, es ist viel passiert in kurzer Zeit. Viele würden jetzt sagen - ihr seid noch ganz am anfang, warum tust du dir das an? - aber wenn ich eine Person in mein Herz geschlossen habe bin ich eine Kämpferin. Irgendwie hat uns das alles in kurzer Zeit auch extrem zusammengeschweißt. Lieben heißt bleiben, auch wenn es schwierig wird. Und ich habe noch nicht das Gefühl, mich verloren zu haben.

    Viele Grüße, Anno.nym