Beiträge von Nebelglas

    Vielen, lieben Dank!

    Folgende Geschichte konfrontiert mich nun wieder mit dem Thema:

    Ich habe vor 3 Tagen meinen Mann standesamtlich geheiratet. Wir haben uns aufgrund meiner Vorgeschichte für eine Dry Wedding (also eine Hochzeit ganz ohne Alkohol) entschieden und das entsprechend an die Gäste kommuniziert.

    Der beste Freund meines Mannes war sein Trauzeuge. Wir kennen F. schon lange. Vor etwa einem Jahr hat er eingesehen, dass er ein Alkoholsuchtproblem hat und sich auch professionelle Hilfe bei einer Suchtberatung geholt. Allerdings nur sehr oberflächlich, denn sobald es um den tatsächlichen Entzug ging, hat er immer wieder Rückzieher gemacht. Hat sich eingeredet, er ist trocken, weil er nur 4 Bier getrunken hat statt 8. Uns gegenüber hat er aber immer wieder betont, wie gut es ihm jetzt gehe ohne Alkohol und wie toll er das schaffe etc. Wir haben uns natürlich gefreut für ihn und ihn unterstützt.

    Als es dann um die Frage ging, ob F. Trauzeuge werden will, haben wir sehr klar kommuniziert, dass wir uns eine Hochzeit ohne Alkohol wünschen, ob das für ihn denn gehe? Ja, das sei überhaupt kein Problem, er sei ja quasi schon trocken und überhaupt braucht er ja gar keinen Alkohol.

    Nun, das Ende vom Lied führt uns zurück auf unsere Hochzeit vor 3 Tagen.

    Er kam bereits mit einem mächtigen Schwips auf die Hochzeit. Hat sich dann dort mit ein paar anderen zusammengetan und sich vor der Tür des Lokals (irgendjemand hatte Alkohol im Kofferraum und verteilte ihn) völlig abgeschossen. Uns, dem Brautpaar, ist er den ganzen Tag geflissentlich aus dem Weg gegangen, weil wir seine Fahne nicht riechen sollten. Aber irgendwann fiel natürlich der torkelige Gang und das Lallen auf.

    Als meine Trauzeugin und 2 andere meiner Freunde ihn darauf ansprachen, dass das eine richtig, richtig bescheidene Aktion ist, kamen ganz viele "gute Gründe". Er habe so viel Stress, es gehe ihm im Moment nicht gut und überhaupt hätten ja die anderen auch getrunken.

    Als er als Antwort bekam, dass nichts davon diese Aktion entschuldigt, wurde er ausfallend und ungut zu den betreffenden Leuten.

    Kurz vor dem Gehen hat er mir eine halbseidene Entschuldigung ins Ohr geleiert, die auch noch eine Lüge war (er hätte zuhause getrunken und das täte ihm leid, obwohl er dabei gesehen wurde, wie er aus dem Kofferraum vor unserer Location mitgetrunken hat). Das habe ich schnell abgewiegelt und gesagt, ich will darüber nicht reden. Das ging in dem Moment einfach überhaupt nicht für mich. Da ist er dann gegangen.

    Alles, was wir bis jetzt von ihm gehört haben, war, wie gemein und unfair es ist, dass wir böse auf ihn sind, denn die anderen haben schließlich auch getrunken.

    Die Konsequenz für die anderen, beteiligten Gäste ist übrigens ein Kontaktabbruch. Also wenn unser Verhalten unfair ist, dann zu seinen Gunsten.

    Leider hat mich diese ganze Situation sehr getriggert und von ihm sind wir einfach besonders enttäuscht. Denn die anderen waren eben nicht Trauzeuge und wussten auch nichts von meiner Vergangenheit. Er dagegen schon.

    Ich weiß genau, dass es mir nicht gut tut, wenn wir das Thema besprechen, denn es werden nur mehr Ausflüchte und Gründe kommen, wieso er keine Verantwortung für sein Verhalten trägt.

    Die Konsequenz Kontaktabbruch wiederum ist etwas, das eigentlich niemand will, denn eigentlich mögen wir ihn ja als Freund. Andererseits werde ich nicht noch einmal einen Suchtkranken mitschleppen. Ich weiß, dass er uns nicht absichtlich und vorsätzlich hat verletzen wollen. Das ändert aber nichts daran, dass er es getan hat.

    Nun ist in knapp einem Monat unser großes Hochzeitsfest mit all unseren Freunden. Und er wäre natürlich wieder Trauzeuge. Wir feiern ein ganzes Wochenende, mit Übernachtungen für die Gäste, wieder Dry Wedding. Das werden 3 Tage sein. Bei unserem Standesamt hat er es nichtmal ein paar Stunden geschafft.

    Aber wie soll ich, sollen wir, ihm nach dieser Aktion noch vertrauen können? Mal abgesehen davon, dass die anderen Gäste, zu denen er ungut war, sich mit seiner Anwesenheit nicht besonders wohl fühlen, verständlicherweise.

    Und nun sitze ich hier wirklich ratlos, was ich aus dieser vertrackten Situation machen soll. Wie ansprechen? Was sagen? Welche Konsequenz?

    Gleichzeitig merke ich, wie ich wieder in ein altes Muster zurückfalle und mir selbst die Schuld für diese Situation gebe, was mir besonders nicht gut tut.

    Ich freue mich über eure verschiedenen Blickwinkel und Denkanstöße, ich bin offen für jeden Vorschlag!

    Ich wünsche den Nachtschwärmern eine gute Nacht :)

    Ein freundliches Hallo aus einer kleinen Ecke in Österreich.

    Ich bin 37 Jahre alt und mit meinem alkoholkranken Vater aufgewachsen. Ich musste ab meinem 12. Lebensjahr, nach dem Tod meiner Mutter, die Verantwortung für ihn übernehmen. Bis er 2014 gestorben ist konnte er dem Alkohol nicht entfliehen.

    Ich selbst lebe seit jeher komplett abstinent, meine Psyche diktiert mir, dass Alkohol widerlich ist und mir wird ab dem ersten Schluck übel. Meine Vergangenheit habe ich durch viel Therapie ganz gut aufgearbeitet.

    Nun bin ich aber wieder mit dem Thema konfrontiert und es triggert mich. Ich fühle mich machtlos, unsicher, wütend, enttäuscht. Und daher hoffe ich auf unterschiedliche Sichtweisen.