Heute abend hat mein Sohn seinen Bruder angerufen und gesagt, dass er Beruhigungsmittel geschluckt habe und jetzt sterben wolle, aber dabei nicht allein sein wolle. Nachdem sein Bruder eine halbe Stunde mit ihm geredet hat , hat er den Hörer an mich weitergegeben. Ich habe ihn dann gefragt, wie viele Tabletten er genommen hat und wie lange das her ist und er meinte, das wäre schon acht Stunden her und es wäre jetzt auch egal, es würde auch nicht mehr wirken und er würde jetzt einfach schlafen gehen. Er sagte, er wolle seine Freundin noch anrufen und ich könnte später ja noch mal durchrufen.
Seinem Bruder hatte er vorher gesagt, er hätte 13 Beruhigungstabletten genommen, was eine gefährlich hohe Dosis wäre. Ich habe dann im Internet recherchiert und gelesen, dass ein Atemstillstand drohen könnte. Daraufhin habe ich noch einmal versucht ihn zu erreichen, ebenso sein Bruder und seine Freundin. Als wir ihn dann gar nicht erreichen konnten, habe ich den Notruf angerufen.
Ich konnte kaum sprechen, weil ich so gezittert habe und musste mir dann noch die Telefonnummer der 600 km weit entfernten Rettungsstation geben lassen, weil mein Sohn gerade in Süddeutschland wohnt und ich hier in Norddeutschland sitze. Mein anderer Sohn hat dann auf meine Bitte die Rettungsstation in Süddeutschland angerufen und um Hilfe gebeten.
Sie haben einen Rettungswagen und die Polizei hingeschickt, weil nicht sicher war, ob sie die Tür aufbrechen müssten. Wegen des Suizidverdachts müsste er mit ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin hat er mir dann geschrieben, dass er mich nie wieder sehen will und ein Kontaktverbot erwirken würde. Das gleiche hatte er mir noch mal aus dem Krankenhaus geschrieben, aber auch, dass er mich jetzt anrufen müsse, weil die Ärztin das so wolle.
Ich habe dann erst einmal mit ihm gesprochen. Er hat gesagt, dass es ihm jetzt schon besser ginge und dass er jetzt nach Hause wolle und schlafen. Er habe halt am Abend vorher etwas genommen und über 1000 € ausgegeben und wolle jetzt schlafen und morgen einfach nur zur Arbeit und seine Freundin vom Flughafen abholen. Das alles sagt er total nett und freundlich, als sei er völlig nüchtern.
Seiner Freundin hatte er kurz vorher gesagt, dass er Schluss mit ihr macht und all ihre Sachen aus der gemeinsamen Wohnung in den Keller stellen würde und sie eine Woche Zeit hätte sich etwas Neues zu suchen.
Die Ärztin wollte mit mir sprechen. Sie sagte mir, sie müsse entscheiden, ob er für die Nacht zwangseingewiesen werden sollte oder entlassen werden könnte. Ich habe ihr gesagt, dass er bereits zum zweiten Mal angerufen hätte mit einem genauen Plan sich umzubringen und dass ich Angst hätte, dass es ihm, wenn er von den Medikamenten und der Droge runterkomme, wahrscheinlich psychisch und physisch sehr schlecht ginge und er nicht alleine sein sollte. Sie hat sich für das Telefonat bedankt und daraufhin anscheinend entschieden, dass er eingewiesen werden sollte.
Kurze Zeit später habe ich von seiner Freundin erfahren, dass er der Polizei weggelaufen ist. Er hat mich dann auf dem Telefon blockiert und sich zum Glück von seinem Bruder und seinem Vater überreden lassen, sich bei der Polizei zu melden und mit einem Taxi nach Hause zu fahren.
Mir geht's jetzt hundeelend und ich hoffe, dass er die Nacht übersteht. Ich denke, er geht davon aus, dass er zu Hause einfach in Ruhe seinen Drogenrausch ausgeschlafen hätte und nur weil ich die Polizei informiert habe, hat er diese Odyssee hinter sich, Ärger mit der Polizei und hat versehentlich mit seiner Freundin Schluss gemacht, weil er dachte, sie hätte den Notruf gewählt.
Ich lasse ihn gerne glauben, dass ich diejenige war, die den Notruf getätigt hat und mit der Polizei gesprochen hat. Ich hoffe einfach mal, dass er bei klarem Verstand versteht warum wir Hilfe geholt haben.
Solange er nichts mit mir zu tun haben will, kann ich die Zeit hoffentlich nutzen, um mit der Situation klarzukommen. Das ist jetzt das dritte Mal, dass mein Sohn mir konkret sagt, dass er nicht mehr leben will. Auch wenn ich weiß, dass ich niemanden davon abhalten kann sich umzubringen, bricht es mir trotzdem jedes Mal das Herz zu sehen wie er leidet.
