Hallo zusammen,
ich wollte euch kurz ein Update geben, wie mein Wochenende verlaufen ist. Ich bin ehrlich gesagt mit einem ziemlich unguten Gefühl reingegangen.
Am Samstag stand bei uns in der Nachbarschaft ein Kindergeburtstag an. Bei uns in der Straße ist das nicht einfach nur Kind abgeben und wieder holen. Das ist eigentlich immer ein riesiges Straßenfest mit Lagerfeuer, Scheune, Pferdekoppel und Feiern bis tief in die Nacht. Bisher war ich da immer mittendrin und habe fleißig Wein und Sekt mitgetrunken.
Für mich war völlig klar: Da darf ich auf gar keinen Fall hin. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine riesige Gefahr für mich gewesen. Gleichzeitig wollte ich mich im Dorf nicht zum Gesprächsthema machen, weil es extrem auffällt, wenn ich fehle und meine Kinder komplett ohne Erwachsenen da drüben sind. Die Nachbarn würden natürlich sofort reden und nachfragen, was los ist. Weil das Vertrauensverhältnis in der Nachbarschaft jetzt nicht das allergrößte ist – man trifft sich zwar ab und zu zum Feiern und sagt Hallo und Tschüss, aber es ist eben nicht mein engerer Kreis – wollte ich meine Erkrankung dort auf keinen Fall direkt offenlegen.
Deshalb habe ich das Gespräch mit der Nachbarin gesucht und ihr gesagt, dass es mir gesundheitlich heute einfach nicht passt und es mir nicht gut geht. Mein Mann ist eher introvertiert und geht bei sowas nie mit. Wir haben dann ausgemacht, dass die Kids drüben feiern, sich jederzeit melden können und wir um 21 Uhr kurz telefonieren.
Ich saß zu Hause aber trotzdem extrem unruhig da. Mein Mann hat das gemerkt und mir den Rücken gestärkt. Wir haben kurz mit der Nachbarin abgeklärt, dass wir für ein bis zwei Stunden wegfahren. Meine Eltern wohnen im Nachbardorf und wären im Notfall in drei Minuten da gewesen. Also ist mein Mann mit mir in die nächste Stadt gefahren.
Erst wollten wir uns wie sonst draußen beim Italiener hinsetzen, aber als ich da die ganzen Menschen mit ihren Gläsern gesehen habe, merkte ich sofort, dass das gar nicht geht. Mein Mann hat dann vorgeschlagen, ein ganz neues Café auszuprobieren. Es gab dort unglaublich viele ausgefallene, alkoholfreie Getränke, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe mir eine Himbeer Rosmarin Limonade bestellt und entgegen meiner sonstigen Art, weil ich eigentlich gar nicht auf Süßes stehe, eine Zimtschnecke. Mein Mann hatte einen Matcha. Es war einfach ein richtig schönes Erlebnis, das ganz bewusst und ohne Alkohol zu genießen.
Als wir uns auf den Rückweg gemacht haben, kam die Unruhe aber wieder auf. Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, höre ich das ganze bunte Treiben der Nachbarschaft. Mein Mann hat dann super reagiert, ist mit mir direkt in die nächste Buchhandlung marschiert und meinte, ich soll mir ein Buch aussuchen. Er hat gesagt, er übernimmt heute den Kinder Radar, während ich mir oben einen Tee mache und gemütlich lese. Das hat wunderbar funktioniert und mir extrem geholfen.
Der Sonntagmorgen war dann ein richtiger Belohnungsmoment. Die Kinder und mein Mann waren noch völlig platt vom Abend und die ganze Straße hat noch friedlich geschlafen. Ich bin um 7 Uhr morgens topfit aufgestanden, habe mir meine Laufschuhe angezogen und wollte eine Runde um den See joggen.
Allerdings gab es auf dem Weg dorthin noch eine fette Erkenntnis. Ich musste vorher tanken und das entpuppte sich als riesiger, unerwarteter Triggerpunkt. Die Tankstelle ist einfach scheiße. Da steht ein Getränkeautomat, an dem man sich jederzeit mit allen möglichen alkoholischen Getränken versorgen kann. Den habe ich früher natürlich auch immer extrem gerne genutzt, wenn ich nach der Arbeit heimgefahren bin. Das ist mir in dem Moment beim Tanken wirklich massiv ins Auge gestochen.
Gott sei Dank war es Sonntag und ich hatte nur die EC Karte dabei, weil der ganze Geldbeutel ja nicht in die Laufhose passt. Sonntags kann man nicht rein zum Zahlen, sondern zahlt am Tankautomaten. Aber dieser verschissene Alkoholautomat nimmt eben leider auch Kartenzahlung. Da war ganz kurz dieser Gedanke da: Ach, so ein Döschen könntest du dir doch mitnehmen.
Ich bin Gott froh, dass ich nicht an diesen Automaten gegangen bin, sondern wirklich ganz fokussiert getankt habe und sofort weg bin. Die Runde laufen danach hat extrem gutgetan. Gerade durch die Bewegung konnte ich diesen Moment an der Tankstelle noch mal richtig sacken lassen, reflektieren und diesen kurzen Suchtdruck einfach wunderschön weglaufen. Aber für die Zukunft muss ich mir da bezüglich der Tankstelle echt noch was überlegen.
Auch für meine Arbeit habe ich jetzt eine wichtige Entscheidung getroffen. Ich werde das Gespräch mit der Pflegedienstleitung suchen. Ich werde sagen, dass der Spagat mit den drei Kindern extrem anstrengend für mich ist, da mein Mann selten zu Hause ist. Ich bitte ihn dann darum, mich vorerst aus den Nachtschichten rauszunehmen.
Gerade die Nachtschichten sind für mich nach wie vor ein gewaltiger Triggerpunkt. Ich komme völlig erschöpft nach Hause und muss erst noch die Kinder versorgen, bis sie um Viertel vor acht aus dem Haus sind. Bis ich dann um 9 Uhr endlich im Bett liege, weiß ich schon genau, dass die Kids um 12 Uhr wieder da sind. Das war bisher genau der Punkt, an dem ich mir dann immer ein Schlummertrünkchen gegönnt habe, um überhaupt schlafen zu können. Genau aus so einer Situation heraus ist ja auch der Vorfall mit der Schule entstanden, von dem ich euch schon erzählt hatte, als ich wegen des Sektkonsums nach der Schicht dann angetrunken losmusste. Diesen Teufelskreis will ich jetzt endgültig durchbrechen und mich vor solchen Situationen schützen.
Trotz allem ziehe ich ein super positives Fazit aus dem Wochenende. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, Grenzen gezogen, tolle neue Momente erlebt und bin gesund und nüchtern geblieben.
Danke euch fürs Zuhören!