Beiträge von Hannah

    Hallo Yve,

    was die Liste angeht, möchte ich mich gerne kurz mit meiner Erfahrung aus dem persönlichen Bereich und meinem Beruf im medizinischen Kontext einklinken. Falls ich da irgendwo falsch liege, lasse ich mich natürlich super gerne korrigieren.

    Ganz unrecht hat er damit vermutlich nicht. Wenn es um Therapieplätze oder Fachärzte geht, bekommt man tatsächlich häufiger solche Listen ausgehändigt, die man selbst abtelefonieren muss. Das ist leider ein recht typisches Bürokratiechaos und insofern sehr wahrscheinlich nicht frei erfunden.

    Das große Aber ist für mich allerdings: So eine Liste kann eben auch schnell als Beschäftigungstherapie genutzt werden, um nach außen hin aktiv zu wirken, während im Hintergrund alles beim Alten bleibt. Eine Therapie greift in der Regel erst, wenn davor der eigentliche erste Schritt gemacht wurde, also Hausarzt, Entgiftung und Suchtberatung.

    Dass du wütend und enttäuscht bist, vor allem wenn du ihn am Telefon wieder lallend erlebst, ist absolut nachvollziehbar. Die Verantwortung liegt ganz bei ihm. Dass du da für dich eine klare Grenze ziehst und auf echte Taten wartest, ist absolut richtig.

    Hallo Tabsi, hallo Bibi,

    danke euch für die Rückmeldungen und die echt guten Tipps.

    Eure Beiträge haben bei mir gedanklich noch mal einiges ins Rollen gebracht. Wenn ich mir das heute Morgen mit ein bisschen Abstand angucke, habe ich bezüglich des schlechten Gewissens eine Vermutung: Könnte das nicht genau die Nummer sein, wo sich das Suchtgedächtnis klammheimlich durch die Hintertür wieder reinschleicht?

    Der Suchtwolf ist schließlich ein ziemlich hinterlistiger Geselle. Wenn er merkt, dass er von vorne nicht durchkommt, nutzt er eben genau diese Hintertür und versucht es über die Schiene Schuldgefühle und schlechtes Gewissen.

    Ich werfe das jetzt erst mal nur als Vermutung in die Runde, aber rein von der Logik her weiß ich ja eigentlich: Den Kids ging es super, die waren bestens versorgt und hatten ihren Spaß. Denen war es am Ende herzlich egal, ob ich da noch am Ufer hocke oder nicht. Klar war das kurz komisch, als ich los bin, aber danach war die Sache für die gegessen. Dass mich das zu Hause trotzdem so extrem zerfressen hat, war vermutlich genau diese fiese Falle, um über Umwege wieder Druck aufzubauen.

    Eure Anregungen zum Thema Selbstfürsorge und Notfallkoffer nehme ich auf jeden Fall mit. Ich muss jetzt mal in Ruhe schauen, was davon wirklich zu mir passt. Gerade solche Sachen über den Körper wie die Bürstenmassage oder Atemübungen klingen spannend, um diese innere Unruhe abzufangen. Ich werde da einfach ein bisschen rumprobieren.

    Danke euch für den starken Austausch!

    Mir ist gerade noch ein wichtiger Impuls gekommen, den ich kurz teilen möchte:

    Ich habe das Thema Notfallkoffer bisher gedanklich viel zu sehr an greifbare Gegenstände geknüpft. Aber so ein Koffer ist ja am Ende vor allem ein inneres Repertoire. Er muss Dinge enthalten, die man immer bei sich trägt, völlig egal wo man sich gerade aufhält.

    Mitten im Getümmel am See bringt es mir rein gar nichts, ein Tagebuch zu suchen. In so einer Sekunde brauche ich eher Handlungen, die das Gehirn kurz unterbrechen. Vielleicht ein starker körperlicher Reiz, ein paar tiefe Atemzüge, einmal aufstampfen oder kurz die Muskeln extrem anspannen, um den aufsteigenden Fluchtmodus ein Stück weit abzufangen.

    Direkt komplett entspannt zu sein ist in dem Moment wahrscheinlich illusorisch, aber zumindest so viel Abstand zu gewinnen, dass man wieder klar denken kann.

    Welche unsichtbaren Werkzeuge habt ihr in eurem inneren Koffer verpackt, die euch in solch überrumpelnden Momenten unter Menschen helfen?

    Hallo zusammen,

    ich wollte euch mal wieder ein kleines Update da lassen und ehrlich berichten, wie es mir aktuell geht.

    Von meinem Arbeitgeber kam bisher glücklicherweise nichts Weiteres, die Lohnfortzahlung läuft ganz normal weiter. Zumindest an dieser Front gibt es also absolut keine Probleme, was mir einiges an Druck nimmt.

    Die letzten Tage war ich extrem strukturiert unterwegs. Ich bin morgens früh aufgestanden, habe direkt Sport gemacht und mir dann Raum für Raum vorgenommen. Ausgemistet, geschrubbt, wirklich von den Fußleisten bis zur Decke alles durchgewienert. Ich habe sogar die Türblätter, Türklinken, Fensterrahmen und Rollläden gereinigt, den Dachboden entrümpelt und neu gestrichen. Das hat mir unglaublich viel Halt gegeben, weil ich jeden Tag einen festen Plan hatte.

    Aber jetzt stehe ich an dem Punkt: Es gibt schlichtweg nichts mehr zu tun. Sogar die Wäschekörbe sind komplett leer. Ich kann schließlich auch nicht den ganzen Tag nur Ordnung schaffen.

    Und genau jetzt, wo dieser radikale Leerlauf da ist, die gewohnte Struktur von Schule und Arbeit fehlt und die Kinder in den Ferien anfangen sich zu streiten, merke ich den Unterschied. Mein stabil gebautes Steinhaus fühlte sich in diesen Augenblicken plötzlich gar nicht mehr so massiv an, sondern wackelte wie eine kleine Strohbude.

    Wir wohnen ja sehr ländlich und der See liegt direkt um die Ecke. Da mein Mann zurzeit sowieso nicht da ist und die Kids in den Ferien beschäftigt werden wollen, ist das einfach unsere Hauptbeschäftigung. Wir packen nachmittags die Sachen und fahren für drei, vier Stunden bis zum Abendessen raus.

    Mein enges Umfeld weiß Bescheid. Da habe ich meine Scham überwinden können und offen gesagt, dass ich ein Problem mit Alkohol habe und keinen Schluck mehr trinke. Die Menschen um mich herum reagieren wirklich toll. Eine ganz liebe Freundin macht sich da jedes Mal so unglaublich viel Mühe. Sie bereitet eine riesige Kühltasche vor, zaubert leckeren Eiskaffee für uns, packt frisches Obst, gekühlte Snacks und alkoholfreie Erfrischungen ein, damit wir es uns richtig gemütlich machen können. Es tut einfach unendlich gut zu spüren, wie viel Rücksicht genommen wird und mit wie viel Liebe sie uns da begleitet.

    Aber es gab eben diese Momente. Wenn drei Plätze weiter die Sektkorken knallten, Bierflaschen geöffnet wurden oder der Geruch von Zigarettenrauch rüberzog. Das löste bei mir sofort dieses alte Feeling aus und triggerte mich extrem. Mittlerweile gab es genau zwei Situationen, in denen das so stark war, dass ich einfach nur noch ganz schnell aus der Situation raus musste.

    In diesen zwei Momenten fühlte sich das einfach wahnsinnig blöd an. Meine Kinder hatten gerade riesigen Spaß und verstanden gar nicht, was bei mir los war. Ich konnte es ihnen da auch absolut nicht erklären. Als sie dann anfingen zu diskutieren, weil sie verständlicherweise noch bleiben wollten, merkte ich, wie ich extrem gereizt und innerlich fast schon ungemütlich wurde, weil mein Kopf einfach nur Flucht signalisierte. Ich hatte in dieser Anspannung überhaupt nicht die Nerven für Diskussionen. Es fühlte sich auch gegenüber meinen Freundinnen schrecklich an, in die Runde zu sagen: Leute, ich muss jetzt gehen.

    Ich bin wirklich unendlich dankbar für meine Mädels. Sie haben das in dem Moment gemerkt und gesagt: Stopp, du fährst jetzt nach Hause und lässt die Kids einfach hier, wir bringen sie dir später nach.

    Als ich dann allein zu Hause saß, kam neben dieser merkwürdigen Einsamkeit sofort ein riesiges schlechtes Gewissen hoch. Ich saß da in der stillen Bude und hatte das Gefühl, meinen Kindern den schönen Tag kaputtgemacht zu haben.

    Ich merke einfach, wie wichtig es ist, genau jetzt wachsam zu bleiben und zu akzeptieren, dass dieser plötzliche Leerlauf und solche Sommertrigger Zeit brauchen.

    Wie geht ihr mit dieser plötzlichen Leere um, wenn die Ablenkung nachlässt und solche gewohnten Gefühle wieder hochploppen?

    Das kenne ich zu gut! Durch Schichtdienste und unregelmäßige Zeiten verlernt der Körper einfach einen festen Rhythmus. Vor allem morgens oder nach der Nachtschicht ging bei mir gar kein festes Essen runter. Ich hatte da weder Hunger noch die Ruhe oder Nerven, mich stressfrei hinzusetzen und irgendwas zu kauen. Da habe ich schlicht keine Notwendigkeit drin gesehen ,was bei mir persönlich allerdings blöd ist, weil ich sowieso schon immer hart an der Grenze zum Untergewicht struggle.

    Deswegen mache ich es mittlerweile einfach so, dass ich auf flüssig umsteige. Was man einfach austrinken kann, geht bei mir morgens tausendmal leichter rein.

    Ich mache mir da ganz fix einen Shake im Mixer: Bisschen Quark, Beeren, Nussmus und wenn ich richtig Energie brauche, kippe ich noch eine Handvoll Haferflocken mit rein. Oder ich stelle mir einfach ein Schälchen mit Nüssen und Trauben hin und snacke das so im Vorbeigehen weg. Fertig.

    Ich saufe da jetzt natürlich auch nicht den ganzen Tag nur irgendwelche Shakes. Aber das macht bei mir am Vormittag einfach den Magen auf. Früher ist mir mittags oft schwindelig geworden und der Blutzucker ist komplett abgesackt, obwohl ich gar keinen Hunger gespürt habe. Seit ich morgens zumindest flüssig was drin habe, springt der Stoffwechsel an, die Energie bleibt stabil und mittags kommt dann ganz von alleine der Appetit auf was Richtiges.

    Bei mir war dieser kleine Kniff jedenfalls die perfekte Lösung, um viel besser und mit mehr Power durch den Tag zu kommen.

    Dass der Spruch auf den ersten Blick vielleicht etwas scheinbar lapidar oder humorvoll wirkt, hat für mich absolut nichts damit zu tun, dass ich die Brisanz der Sucht verharmlosen möchte. Ich bin einfach ein Mensch, der in extremen Drucksituationen am besten auf eine Prise Ironie, Humor und Sarkasmus anspringt. Es nimmt dem Moment die lähmende Schwere und bringt mich sofort wieder zu Verstand. Sicher werde ich mir auch noch emotionalere Gedanken aufschreiben, aber mit genau diesem Tonfall kann ich mich persönlich in dem Moment am besten abholen. Mir ist wichtig, dass da kein falscher Eindruck entsteht: Die Ernsthaftigkeit dahinter ist mir vollkommen bewusst.

    Danke euch von Herzen für die ehrlichen Worte und die wachsamen Blicke! Das ist genau das, was diese Gemeinschaft hier so wertvoll macht: Dass man liebevoll an die Stellen erinnert wird, an denen der blinde Fleck entstehen könnte, wenn es einem gerade so gut geht.

    Zum Thema Schlafzimmer wollte ich noch kurz aufgreifen, was ich vor ein paar Tagen schon erwähnt hatte: Das Umgestalten war tatsächlich eine meiner allerersten Handlungen. Ich habe wirklich jedes einzelne Möbelstück verrückt, das sich irgendwie bewegen ließ. Alles steht an einem neuen Platz, neue Vorhänge hängen und der ganze Raum hat sich dadurch komplett verändert und einen ganz anderen Flair bekommen. Von meinem Sessel wollte ich mich allerdings nicht trennen. Er steht jetzt aber an einem komplett anderen Platz im Raum. Ich habe ihn mit neuen Kissen bestückt, alles drumherum verändert und er ist jetzt mein ganz persönlicher, gemütlicher Lesesessel. Das alte Gefühl von früher ist dort völlig verschwunden.

    Was die Gefahr angeht, dass die Sucht irgendwann wieder leise anklopft oder versucht, mich einzulullend zu erwischen, habe ich gehörigen Respekt. Ich weiß genau, dass ich der Gefahr keinesfalls unvorbereitet entgegentreten darf.

    Für mich persönlich habe ich gelernt, meinem Suchtdruck und dieser schleichenden inneren Stimme einen ganz klaren Namen zu geben: Ich nenne ihn einfach den Wolf, der draußen lauert. Warum ausgerechnet der Wolf? Ich musste dabei an das Märchen von den drei kleinen Schweinchen denken. Der Wolf steht draußen, klopft, pustet und bläst, aber wenn das Haus stabil aus Stein gebaut ist, halten die Mauern einfach stand. Für mich gedanklich zu sagen, da kommt jetzt wieder die Sucht oder der Saufdruck, hat sich irgendwie falsch und sperrig angefühlt. Wenn sich diese Stimme meldet, stelle ich mir jetzt einfach vor: Da steht der Wolf vor der Tür und bläst gegen meine Mauern, aber sie halten. Vielleicht klingt das ein bisschen sehr nach Metapher, aber mir hilft dieses Bild unwahrscheinlich, um mich sofort abzugrenzen.

    Genau dafür baue ich mir gerade auch meinen Notfallkoffer auf. Wenn der Moment kommt, bin ich ganz sicher die Erste, die am Handy hängt, hier im Forum schreibt und den SOS Button drückt. Aber bis dahin hilft mir das Schreiben enorm. Ganz oben in meinem Koffer liegt mein Tagebuch, in dem ich an schwierigen Tagen lesen werde.

    Eure Anmerkungen, dass genau in solchen Momenten der Leichtigkeit plötzlich die Gefahr lauert, dass sich der Gedanke einschleicht, ein einziges Gläschen könnte doch wieder gehen, waren für mich heute eine ganz wichtige Erkenntnis. Natürlich war mir das im Hinterkopf bewusst, aber dieser Impuls hat mich so tief berührt, dass ich ihn direkt als Aufhänger für den heutigen Tag genommen habe. Ich habe mir überlegt, an genau solchen guten Tagen kleine Postkarten für meinen Notfallkoffer zu basteln und habe auch direkt heute damit angefangen!

    Ich habe früher unheimlich gerne Handlettering gemacht, also diese besondere Schönschrift, und habe das heute wieder für mich entdeckt. Während die Kinder draußen im Garten herumgehopst sind und selbst fleißig Bilder gemalt haben, habe ich mir die Zeit genommen und meine allererste Karte für den Koffer gestaltet. Auf die Vorderseite habe ich in schöner Schrift einen Spruch geschrieben, der mich im Falle eines Falles blitzschnell auf den Boden der Tatsachen zurückholt:

    „Füttere den Wolf nicht mit dem ersten Glas. Er hat miserables Benehmen, kotzt dir die Bude voll und bringt auch noch sein ganzes Rudel mit.“

    Auf die Rückseite habe ich in Stichpunkten all die schönen Momente von heute aufgeschrieben. Diese Karte wandert jetzt ganz nach oben in den Koffer. Und ich glaube, wenn der Wolf wirklich mal leise anklopft, werde ich mir genau dieses Werkzeug schnappen und einfach neue Karten basteln. Es beschäftigt die Hände, lenkt den Kopf ab und bringt mich sofort wieder ins Spüren.

    Danke euch noch mal für diese wertvolle Augenöffnung! Es tut gut zu wissen, dass man hier nicht alleine unterwegs ist.

    Ich möchte heute einfach noch etwas teilen, was mich tief im Herzen berührt hat und was mir zeigt, wie wertvoll dieser Weg ist.

    Mein Mann hat sich heute früh für die nächsten drei bis vier Tage in den Dienst verabschiedet. Früher wäre das für mich der Startschuss für Druck und Anspannung gewesen, aber heute sind die Kinder und ich einfach nur bestens vorbereitet und voller Leichtigkeit.

    Wir haben schon immer getrennte Schlafzimmer, weil sich unsere Arbeitszeiten durch meine und seine Schichten ständig überschnitten haben. Entweder kam ich morgens aus der Nachtschicht, wenn er gerade losmusste, oder ich kam aus der Spätschicht heim und habe ihn aufgeweckt, obwohl er um 3 Uhr morgens raus musste. Das ist sich einfach ständig in die Quere gekommen.

    Gestern Abend haben wir erst alle zusammen zu Abend gegessen. Danach hat sich mein Mann ins Bett verabschiedet, aber die Kinder und ich sind einfach draußen geblieben. Früher habe ich diesen Moment, in dem er ins Bett gegangen ist, eigentlich immer sofort genutzt, um auch für die Kinder den Abend einzuläuten. Sie mussten sich fertig machen, konnten höchstens noch was lesen, und ich habe mich zurückgezogen. Ich habe zwar nicht direkt angefangen zu trinken, aber sobald es im Haus ruhig war, ging die Flasche Wein oder Sekt eben doch auf.

    Gestern war das ganz anders. Er lag gemütlich im Bett und wir konnten den Abend draußen trotzdem in vollen Zügen genießen. Wir haben Stockbrot und Marshmallows gegrillt und saßen wirklich bis 23 Uhr zusammen im Garten. Wir haben natürlich Rücksicht auf Papa genommen und waren leise, aber es war einfach wunderschön. Nachdem ich alle unter die Dusche gesteckt habe, weil sie nach Lagerfeuer gerochen haben, sind alle drei zu mir ins große Bett gekrochen. Wir haben noch zusammen gelesen und sie haben die ganze Nacht bei mir geschlafen.

    Heute Morgen musste mein Mann glücklicherweise erst um 7 Uhr los und hat sich noch Zeit für uns genommen. Die Kinder sind dementsprechend auch früher aufgestanden. Wir haben Papa alle zusammen verabschiedet und danach gemeinsam die Küche aufgeräumt. Anschließend sind wir wirklich alle als Team los: Die Kinder auf den Fahrrädern, ich in meinen Laufschuhen. Wir sind vier Kilometer in den Nachbarort gejoggt beziehungsweise geradelt, haben meine Eltern besucht und dort zusammen gefrühstückt.

    Wieder zu Hause haben wir sogar die Nudeln komplett selber gemacht. Die Große und ich haben den Teig gemacht, ausgerollt und geschnitten, die Kleinen haben den Salat vorbereitet.

    Jetzt im Moment liegen die Kinder entspannt auf dem Sofa und warten, bis die Soße im Schnellkochtopf fertig geköchelt ist. Danach stellen wir draußen die Sitzgarnitur auf, machen den Mädels die Nägel – feilen, lackieren und das ganze Arsenal an Nagellackfarben auspacken –, schneiden die Haare nach und fahren vielleicht sogar noch an den See. Meine Große ist mit ihren fast 13 Jahren ja schon mitten im Teenie Alter, die Kleine zieht natürlich begeistert mit und wir machen uns einfach eine richtig schöne Zeit.

    Das Schönste daran ist für mich dieses unbeschreibliche Gefühl von echter Freiheit. Ich bin absolut offen für alle Pläne und Wünsche der Kinder. Ich habe nicht mehr das Gefühl, zeitlich so eingeengt zu sein oder zu meinen, dass die Kinder jetzt zu einer bestimmten Uhrzeit im Bett sein müssen. Es sind Ferien, wir haben alle Zeit der Welt und können den Tag genauso genießen und gestalten, wie wir möchten.

    Zu wissen, dass ich jetzt bis Anfang Oktober richtig Ruhe habe, diese Zeit intensiv mit meinen Kindern nutzen und diese neue Basis festigen kann, erfüllt mich mit absoluter Dankbarkeit. Ich genieße diese echte Präsenz in jedem einzelnen Moment.

    Carl Friedrich ,

    danke dir für deine Rückmeldung und das Mitdenken!

    Ich mache mir ehrlich gesagt aktuell gar keinen Kopf darüber, ob mein Arbeitgeber da versuchen könnte, die Zahlungen einzustellen. Das würde mich jetzt nur unnötig Kraft kosten. Falls der Fall der Fälle wirklich eintreffen sollte, bin ich aber bestens abgesichert: Ich bin in der Gewerkschaft und habe eine gute Rechtsschutzversicherung im Rücken. Sollte da etwas kommen, wird sich das also ganz in Ruhe regeln lassen.

    Was mich im Moment viel mehr beschäftigt und unheimlich vorantreibt, ist die Veränderung hier zu Hause. Meine Kinder merken im Alltag sofort, dass etwas anders ist. Früher habe ich abends meine Schlafzimmertür immer zugesperrt, sobald alle im Bett lagen und ich mir meinen Wein oder Sekt aufgemacht habe. Ich wollte unter keinen Umständen, dass die Kinder das mitbekommen. Ich habe in Verbindung mit dem Alkohol auch geraucht, allerdings nur IQOS beziehungsweise E-Zigaretten, weil man das eben nicht so stark riecht wie normale Zigaretten. Man redet sich da ja selbst einiges schön.

    Mit dem Alkohol ist jetzt auch das Rauchen komplett verschwunden. Wenn früher abends doch noch ein Kind wach wurde, passiert das ja meistens, weil sie etwas wirklich bewegt oder sie nicht schlafen können. Ich habe das dann immer von mir weggehalten, durch die geschlossene Tür kommuniziert und bin nur im absoluten Notfall kurz raus, um ja nichts zu verraten.

    Jetzt bleibt meine Schlafzimmertür offen. Wenn sie abends kommen, klopfen sie zwar noch, aber die Tür geht sofort auf. Ich sitze dann mit einem Buch und einem Tee im Sessel oder liege schon im Bett. Sie können einfach dazukriechen und die ganze Nacht bei mir im Bett bleiben, ohne dass ich den Hintergedanken habe, dass sie bitte schnell wieder rausgehen sollen. Ich bin bei jeder Kleinigkeit sofort für sie da, muss absolut nichts mehr verstecken und man begegnet sich mit einem ganz anderen Grundgefühl. Das stärkt unser Verhältnis gerade unwahrscheinlich.

    Gestern hat meine große Tochter das von sich aus angesprochen. Sie meinte, wie schön sie das findet und dass die Nachtschichten jetzt endlich vorbei sind. Sie hat mir erzählt, wie belastend das früher für sie war. Ich habe zwar abends immer alles vorbereitet, Brotzeitboxen gerichtet und das Müsli auf den Tisch gestellt, aber sie hatte trotzdem immer das Gefühl, dass sie die Verantwortung trägt, dass ihre kleinen Geschwister pünktlich aufstehen und versorgt sind, bis ich morgens nach Hause komme.

    Sie jetzt aufblühen zu sehen, weil sie diese riesige Last nicht mehr tragen muss, tut unendlich gut. Es sind jetzt Ferien und sie weiß ganz genau, dass diese Situation nie wieder auf sie zukommen wird, weil ihre Mama da ist.

    Dieses Feedback von meinen Kindern gibt mir eine unheimliche Motivation für meine Abstinenz. Es bestärkt mich extrem darin, dass dieser Weg genau der richtige ist!

    Noch ein kleiner Nachtrag dazu: Meine Hausärztin ist bei uns auf Station zusätzlich als Belegärztin tätig. Wir haben etliche Visiten zusammen gemacht, sie kennt mich im Berufsalltag und weiß genau, wie ich eigentlich bin.

    Durch unseren beruflichen Kontext wusste sie natürlich auch schon von meiner privaten Situation, dass mein Mann beruflich bedingt selten da ist, ich den Alltag mit den drei kleinen Kindern meist allein stemme und wie mich die Schichtdienste belasten. Sie hat mir im Gespräch gesagt, dass sie mir im letzten Jahr bereits angesehen hat, wie schlecht es mir ging. Sie hat das beobachtet und eigentlich nur darauf gewartet, dass ich mich an sie wende. Sie hatte zwar nicht vermutet, dass da auch eine Suchtproblematik mit dahintersteckt, sagte aber ehrlich, dass sie das im Nachhinein null wundert bei dem Druck. Ihr Ziel ist jetzt ganz klar, diese Baustellen mit mir anzugehen, damit ich wieder die alte werde.

    Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang riesige Hemmungen, zu ihr zu gehen, eben weil sie privat wie beruflich so viel mitbekommt. Aber genau das war am Ende mein großes Glück: Ich habe mich sofort extrem gut aufgefangen gefühlt, weil ich gar nicht großartig ins Detail gehen und alles erklären musste. Sie kennt die Umstände, die Vorgesetzten und mich aus erster Hand. Ich bin mir sicher, dass sie auch rechtlich genau hinschaut, dass alles in trockenen Tüchern ist und mir nichts passieren kann. Ich bin einfach unendlich froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin.

    Carl Friedrich

    Ich habe das Thema genau aus diesem Grund auch direkt bei meiner Hausärztin angesprochen, weil ich da natürlich auch Bedenken hatte.

    Sie hat mich da aber komplett beruhigt und die Situation medizinisch ganz klar eingeordnet. Durch die schlagartige Änderung des Dienstplans, die Aufhebung der Absprachen und den enormen Druck befinde ich mich in einer akuten Überlastungs- und Konfliktsituation auf Station. Sie hat meinen Zustand vor Ort erlebt und die Arbeitsunfähigkeit medizinisch und diagnostisch genau auf diese unzumutbaren Umstände und die gesundheitliche Belastung gestützt.

    Daher ist das rechtlich und medizinisch von ihrer Seite sauber dokumentiert und abgesichert. Mir fällt echt ein Stein vom Herzen, dass sie da so hinter mir steht!

    Ihr Lieben,

    wie einige von euch bestimmt noch wissen, habe ich schwer mit mir gerungen, was meine Kündigung angeht, vor allem wegen der unzumutbaren Nachtschichten. Am Montag habe ich es dann endlich durchgezogen und meine Kündigung offiziell abgegeben.

    Am Mittwoch kam dann das dicke Ende auf Station: Der Dienstplan für August wurde komplett umgeworfen. Statt drei Nächten standen plötzlich 14 Nächte drin! Jeweils 7 am Stück, danach nur ein Ausschlaftag, ein Tag frei und direkt wieder ab in den Tagdienst mit fiesen Wechseln von Spät auf Früh. Sogar meine festen Muttidienste mit späterem Beginn unter der Woche wurden mir einfach gestrichen.

    Auf meine Nachfrage, ob das jetzt die Retourkutsche für die Kündigung sei, hieß es nur: Nein, man müsse den Personalmangel im gesamten Haus abfangen. Einen Auflösungsvertrag, um früher in der Praxis anzufangen, wollte man mir aber auch nicht geben. Meine Kündigung steht jetzt zum 30.09.

    Als ich aus der Arbeit rauskam, war ich völlig durch den Wind und stand extrem unter Druck. An meiner Stammtankstelle kam dann dieser verdammt beschissene Moment: Dieser plötzliche Impuls im Kopf, dass ich jetzt einfach erst mal einen Schluck Sekt brauche. Ich musste wirklich die Zähne zusammenbeißen. Aber anstatt darauf einzusteigen, habe ich mich in genau diesem Moment bewusst umgelenkt. Meine Ärztin hatte mir mal gesagt, dass ich jederzeit vorbeikommen kann, wenn irgendwas ist. Genau daran habe ich mich erinnert, habe den Fokus verschoben und bin schnurstracks weiter zu ihrer Praxis gefahren. Als ich dort war, war dieser Suchtdruck auch wieder komplett weg. Aber das war echt ein harter Kampf.

    Meine Ärztin war fantastisch. Sie hat mich sofort rausgenommen und gesagt, dass sie mich ohne zu zögern bis zum 30.09. krankschreibt, damit ich in meiner vollen Stärke im neuen Job anfangen kann.

    Ich muss das jetzt erst mal für mich verarbeiten. Das Gefühl, das Team hängenzulassen, nagt enorm an mir, weil mir die Kolleginnen und Kollegen am Herzen liegen und das eigentlich überhaupt nicht meine Art ist. Aber ich weiß tief in mir: Wenn ich geblieben wäre, mit 14 Nächten in den Ferien und drei Kindern zu Hause (8, 10 und 12 Jahre), hätte mich das komplett zerstört.

    Ich versuche jetzt, mich damit abzufinden, den Sommer für mich und meine Kinder zu nutzen, ganz ohne Ferien Betreuungsstress. Der soziale Druck ist da, aber ich bin unheimlich stolz, dass ich meine Gedanken im entscheidenden Moment umgelenkt und die richtige Abzweigung genommen habe.

    Danke euch allen fürs Zuhören und euren Support in den letzten Wochen!

    Hallo zusammen,

    ich wollte euch noch mal ein kurzes Update geben.

    Die Woche hatte für mich ehrlich gesagt ziemlich blöd angefangen. Ich hatte am Dienstag das Gespräch mit meinem Pflegedienstleiter und hatte da wirklich Hoffnungen reingesetzt, die wurden aber leider komplett enttäuscht. Er konnte mein Anliegen zwar verstehen, meinte aber, dass das schlichtweg nicht drin ist. Es müsse gleiches Recht für alle gelten, sonst käme ja jeder mit seinen Wunschzetteln an. Und dass ich durch meine Muttidienste, bei denen ich unter der Woche eine Stunde später anfange, um die Kinder zu versorgen, und dafür hinten raus eine Stunde länger arbeite, eh schon Vorzüge genieße. Kurzum, da war absolut kein Durchkommen.

    Nach dieser Aussage habe ich noch am selben Tag intensiv nachgedacht und beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Am Mittwoch habe ich dann Nägel mit Köpfen gemacht und über deren Onlineportal eine Bewerbung an die Arztpraxis geschickt, in der meine Freundin arbeitet. Und was soll ich sagen, keine halbe Stunde später hat das Telefon geklingelt! Sie haben mich direkt angerufen und mir für heute einen Termin zum Hospitieren gegeben.

    Der Vormittag heute war einfach super. Es hat echt Spaß gemacht, das Team ist super nett und die Abläufe passen. Als ich gegangen bin, meinten sie direkt zu mir, dass sie mich sofort nehmen würden. Sie haben mir meine Wunschzeiten schon mitgegeben und meinten, ich soll mir das über das Wochenende und im Laufe der nächsten Woche in Ruhe überlegen. Sobald ich Bescheid gebe, machen sie direkt meinen Vertrag fertig.

    Ich lasse das jetzt zwar noch kurz sacken, aber ehrlich gesagt formuliere ich im Geiste schon meine Kündigung aus. Ich habe für mich den festen Entschluss gefasst, diesen Weg zu gehen. Dieser Wechsel bringt mir so unglaublich viel Erleichterung. Ich kann meine Stunden reduzieren, habe keinen Schichtdienst mehr, jedes Wochenende sowie alle Feiertage sind komplett frei und das ständige Hoffen und Bangen beim Blick auf den Dienstplan fällt endlich weg. Zudem liegt die Praxis genau in dem Ort, in dem meine Große zur Schule geht, sodass sie im Grunde nur rüberlaufen muss, wenn was ist. Mein Arbeitsweg ist viel kürzer und ich bekomme endlich einen strukturierten, planbaren Alltag.

    Was meinen Mann angeht, er hat von sich aus schon gesagt, dass es gut wäre, vom Fernverkehr in den regionalen Nahverkehr zu wechseln. Er hat sich jetzt auf eine Liste setzen lassen und ist vorgemerkt. Das wird natürlich dauern, bis er das switchen kann, aber der Stein rollt.

    Und was das Thema Alkohol angeht: Ich bin aktuell einfach so sehr damit beschäftigt, meinen Alltag neu zu strukturieren, dass für Gedanken an Alkohol gar kein Platz ist. Ein einziges Mal hatte ich bisher diesen typischen Gewohnheitsimpuls, als ich abends in der Badewanne lag und kurz dachte, boah, jetzt ein Glas Wein dazu. Aber das war auch ganz schnell wieder weg. Ich habe dann einfach das Wasser kalt gedreht, mich kurz abgeduscht und dann war die Sache auch schon wieder erledigt.

    Tausend Dank für diesen extrem wertvollen Input! Deine Worte regen mich gerade wahnsinnig zum Nachdenken an und ich bin dir wirklich dankbar für diese Perspektiven.

    Was das Absagen bei der Nachbarin angeht: Ich hatte im Kopf einfach das Gefühl, ich muss einen triftigen Grund liefern, warum ich nicht komme. Zu sagen "Ich trinke keinen Alkohol" hätte dazu geführt, dass sie sagt "Dann komm halt rüber und trink nichts". Zu sagen "Ich bin auf dem Weg in die Abstinenz und mich triggert dass Alkohol serviert wird, gerade viel zu sehr" war für mich keine Option. Deshalb habe ich zu der gesundheitlichen Ausflucht gegriffen.

    Rückwirkend betrachtet war das eigentlich Blödsinn. Ein einfaches "Ich komme heute nicht" hätte völlig ausreichen müssen, ganz ohne Erklärung. Ich muss schlichtweg lernen, dass ein "Nein" reicht und ich absolut niemandem eine Rechenschaft schuldig bin. Wem ich mich irgendwann in der Tiefe offenbare oder zu wem ich einfach nur sage "Ich trinke keinen Alkohol, Punkt" oder "Ich vertrage es nicht", kann ich dann immer noch ganz in Ruhe entscheiden.

    Der Punkt mit dem Umfeld und den Kindern hat bei mir aber noch mal einen ganz tiefen Eindruck hinterlassen. Und das betrifft ja nicht nur das Dorfleben, sondern das generelle Umfeld. Man hat da oft jahrelang wie eine Art Scheuklappen auf, weil man das Verhalten anderer gar nicht mehr hinterfragt, da man sich dauernd in diesen Kreisen bewegt. Auch wenn das bei uns keine Feiern sind, wo sich die Leute besinnungslos besaufen und niemand mehr nach den Kindern schaut – ich weiß, dass auf sie geachtet wird. Aber es ist eben ein Umfeld, in dem Alkohol als völlig normal gilt und einfach zum Alltag dazugehört.

    Wenn ich mir den Schutz meiner Kinder so groß auf die Fahne schreibe, ist es absolut sinnvoll zu hinterfragen, in welchem Rahmen und mit welcher Selbstverständlichkeit sie Alkohol im Alltag vorgelebt bekommen. Auch wenn Menschen selbst vielleicht gar nicht merken, dass ihr Konsum problematisch sein könnte.

    Danke dir wirklich für diesen Augenöffner! Ich nehme mir fest vor, da in Zukunft viel genauer hinzuschauen, mein Umfeld zu soundieren und für uns als Familie da ganz neue Standards zu setzen.

    Hallo Tabsi,

    danke dir für deine ehrliche Rückmeldung!

    Du hast da mit Sicherheit recht, dass ich in der Hinsicht momentan noch scham und angstbehaftet bin. Genau aus diesem Grund denke ich aber auch, dass das ein Thema ist, das ich angehen kann, wenn ich in meiner Abstinenz gefestigter bin.

    Es macht für mich einfach einen riesigen Unterschied, ob ich auf einen längeren Zeitraum zurückblicken kann und für mich weiß, dass ich stabil trocken bin, oder ob ich ganz am Anfang stehe. Hinzu kommt die Realität auf dem Dorf: Meine Nachbarn wissen ganz genau, dass ich bis vor kurzem definitiv noch getrunken habe. Ich saß ja schließlich erst vor drei Wochen noch mit meiner Nachbarin auf der Terrasse und wir haben gemeinsam Sekt getrunken. Wenn ich jetzt also offen sage, dass ich Alkoholikerin bin, wissen die sofort, dass ich noch gar nicht lange trocken sein kann und mitten im Prozess stecke.

    Ein zentraler Punkt dabei ist für mich nämlich auch der Schutz meiner Kinder. Sie haben hier sehr viele Freunde und wenn ich im Dorf jetzt schon so offensiv damit umgehe, macht das garantiert sofort die Runde. Ich habe da große Angst, dass andere Eltern dann sagen, bei der Mutter lassen wir unsere Kinder nicht mehr spielen. Das würde den Blick auf meine Kinder und ihr soziales Umfeld negativ verändern.

    Wenn ich der Nachbarin jetzt direkt reinen Wein einschenke, sitze ich danach zu Hause und zerbreche mir ununterbrochen den Kopf darüber, was wohl geredet wird. Das ruft Gefühle und Stress in mir wach, die ich gerade absolut nicht brauchen kann.

    Ich möchte das Thema erst mal im engsten Umfeld handhaben und schauen, dass ich Schritt für Schritt gefestigter werde. Für mich ist es im Moment einfach wichtig, einen Schritt nach dem anderen zu machen.

    Wie war das denn bei dir zu Beginn? Warst du da direkt von Anfang an so offensiv und hast auch das erweiterte Umfeld eingeweiht, oder hast du da auch erst mal im engsten Kreis Klartext gesprochen?

    Hallo zusammen,

    ich wollte euch kurz ein Update geben, wie mein Wochenende verlaufen ist. Ich bin ehrlich gesagt mit einem ziemlich unguten Gefühl reingegangen.

    Am Samstag stand bei uns in der Nachbarschaft ein Kindergeburtstag an. Bei uns in der Straße ist das nicht einfach nur Kind abgeben und wieder holen. Das ist eigentlich immer ein riesiges Straßenfest mit Lagerfeuer, Scheune, Pferdekoppel und Feiern bis tief in die Nacht. Bisher war ich da immer mittendrin und habe fleißig Wein und Sekt mitgetrunken.

    Für mich war völlig klar: Da darf ich auf gar keinen Fall hin. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine riesige Gefahr für mich gewesen. Gleichzeitig wollte ich mich im Dorf nicht zum Gesprächsthema machen, weil es extrem auffällt, wenn ich fehle und meine Kinder komplett ohne Erwachsenen da drüben sind. Die Nachbarn würden natürlich sofort reden und nachfragen, was los ist. Weil das Vertrauensverhältnis in der Nachbarschaft jetzt nicht das allergrößte ist – man trifft sich zwar ab und zu zum Feiern und sagt Hallo und Tschüss, aber es ist eben nicht mein engerer Kreis – wollte ich meine Erkrankung dort auf keinen Fall direkt offenlegen.

    Deshalb habe ich das Gespräch mit der Nachbarin gesucht und ihr gesagt, dass es mir gesundheitlich heute einfach nicht passt und es mir nicht gut geht. Mein Mann ist eher introvertiert und geht bei sowas nie mit. Wir haben dann ausgemacht, dass die Kids drüben feiern, sich jederzeit melden können und wir um 21 Uhr kurz telefonieren.

    Ich saß zu Hause aber trotzdem extrem unruhig da. Mein Mann hat das gemerkt und mir den Rücken gestärkt. Wir haben kurz mit der Nachbarin abgeklärt, dass wir für ein bis zwei Stunden wegfahren. Meine Eltern wohnen im Nachbardorf und wären im Notfall in drei Minuten da gewesen. Also ist mein Mann mit mir in die nächste Stadt gefahren.

    Erst wollten wir uns wie sonst draußen beim Italiener hinsetzen, aber als ich da die ganzen Menschen mit ihren Gläsern gesehen habe, merkte ich sofort, dass das gar nicht geht. Mein Mann hat dann vorgeschlagen, ein ganz neues Café auszuprobieren. Es gab dort unglaublich viele ausgefallene, alkoholfreie Getränke, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe mir eine Himbeer Rosmarin Limonade bestellt und entgegen meiner sonstigen Art, weil ich eigentlich gar nicht auf Süßes stehe, eine Zimtschnecke. Mein Mann hatte einen Matcha. Es war einfach ein richtig schönes Erlebnis, das ganz bewusst und ohne Alkohol zu genießen.

    Als wir uns auf den Rückweg gemacht haben, kam die Unruhe aber wieder auf. Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, höre ich das ganze bunte Treiben der Nachbarschaft. Mein Mann hat dann super reagiert, ist mit mir direkt in die nächste Buchhandlung marschiert und meinte, ich soll mir ein Buch aussuchen. Er hat gesagt, er übernimmt heute den Kinder Radar, während ich mir oben einen Tee mache und gemütlich lese. Das hat wunderbar funktioniert und mir extrem geholfen.

    Der Sonntagmorgen war dann ein richtiger Belohnungsmoment. Die Kinder und mein Mann waren noch völlig platt vom Abend und die ganze Straße hat noch friedlich geschlafen. Ich bin um 7 Uhr morgens topfit aufgestanden, habe mir meine Laufschuhe angezogen und wollte eine Runde um den See joggen.

    Allerdings gab es auf dem Weg dorthin noch eine fette Erkenntnis. Ich musste vorher tanken und das entpuppte sich als riesiger, unerwarteter Triggerpunkt. Die Tankstelle ist einfach scheiße. Da steht ein Getränkeautomat, an dem man sich jederzeit mit allen möglichen alkoholischen Getränken versorgen kann. Den habe ich früher natürlich auch immer extrem gerne genutzt, wenn ich nach der Arbeit heimgefahren bin. Das ist mir in dem Moment beim Tanken wirklich massiv ins Auge gestochen.

    Gott sei Dank war es Sonntag und ich hatte nur die EC Karte dabei, weil der ganze Geldbeutel ja nicht in die Laufhose passt. Sonntags kann man nicht rein zum Zahlen, sondern zahlt am Tankautomaten. Aber dieser verschissene Alkoholautomat nimmt eben leider auch Kartenzahlung. Da war ganz kurz dieser Gedanke da: Ach, so ein Döschen könntest du dir doch mitnehmen.

    Ich bin Gott froh, dass ich nicht an diesen Automaten gegangen bin, sondern wirklich ganz fokussiert getankt habe und sofort weg bin. Die Runde laufen danach hat extrem gutgetan. Gerade durch die Bewegung konnte ich diesen Moment an der Tankstelle noch mal richtig sacken lassen, reflektieren und diesen kurzen Suchtdruck einfach wunderschön weglaufen. Aber für die Zukunft muss ich mir da bezüglich der Tankstelle echt noch was überlegen.

    Auch für meine Arbeit habe ich jetzt eine wichtige Entscheidung getroffen. Ich werde das Gespräch mit der Pflegedienstleitung suchen. Ich werde sagen, dass der Spagat mit den drei Kindern extrem anstrengend für mich ist, da mein Mann selten zu Hause ist. Ich bitte ihn dann darum, mich vorerst aus den Nachtschichten rauszunehmen.

    Gerade die Nachtschichten sind für mich nach wie vor ein gewaltiger Triggerpunkt. Ich komme völlig erschöpft nach Hause und muss erst noch die Kinder versorgen, bis sie um Viertel vor acht aus dem Haus sind. Bis ich dann um 9 Uhr endlich im Bett liege, weiß ich schon genau, dass die Kids um 12 Uhr wieder da sind. Das war bisher genau der Punkt, an dem ich mir dann immer ein Schlummertrünkchen gegönnt habe, um überhaupt schlafen zu können. Genau aus so einer Situation heraus ist ja auch der Vorfall mit der Schule entstanden, von dem ich euch schon erzählt hatte, als ich wegen des Sektkonsums nach der Schicht dann angetrunken losmusste. Diesen Teufelskreis will ich jetzt endgültig durchbrechen und mich vor solchen Situationen schützen.

    Trotz allem ziehe ich ein super positives Fazit aus dem Wochenende. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, Grenzen gezogen, tolle neue Momente erlebt und bin gesund und nüchtern geblieben.

    Danke euch fürs Zuhören!

    Hallo Morgenrot,
    wie ich ja vorhin schon geschrieben habe, ist das Thema für mich extrem schambehaftet und ich bin absolut nicht bereit, meine Krankheit im Außen zu teilen. Und genau das hat einen ganz bestimmten Grund:
    Ich habe im Kollegenkreis live miterleben müssen, wie mit einem betroffenen Kollegen umgegangen wurde. Nach außen wurde zwar Hilfe signalisiert, aber hintenrum wurde extrem getratscht. Am Ende wurden Kollegen von der Chefetage sogar angehalten, bei ihm nach einer „Fahne“ zu schnüffeln. Der Kollege kam irgendwann gar nicht mehr.
    Zwar bin ich eigentlich super im Team integriert und auch recht "beliebt", weshalb ich gar nicht weiß, ob man mit mir genauso umgehen würde. Aber das Vertrauen ist durch diese Erfahrung einfach komplett weg. Die potenziellen Auswirkungen, gerade was das Getratsche ins weitere Umfeld angeht , kann ich nicht abschätzen. Ich habe drei Kinder zu Hause und möchte deren soziales Umfeld unter keinen Umständen gefährden.
    In meinem privaten Kreis bin ich offen und habe tollen Rückhalt. Aber Berufliches und Privates muss ich hier zum Schutz meiner Familie und meiner eigenen Grenzen absolut strikt trennen.
    Danke dir aber trotzdem von Herzen für deinen lieben Impuls!
    Liebe Grüße
    Hannah

    Ein liebes Hallo an alle anderen,

    erst mal ein riesiges Danke in die ganze Runde. Ich bin gerade einfach nur überwältigt, wie viele von euch sich hier hinhocken, sich mit mir auseinandersetzen und so tolle Ratschläge dalassen!

    Nayouk Deine Nachricht hat mich besonders intensiv beschäftigt. Ich möchte da direkt mal ein kleines, potentielles Missverständnis ausräumen, damit das nicht nach einem wankelmütigen Widerspruch aussieht:

    Der Vorschlag, überhaupt mit meiner PDL zu reden, kam ja hier aus der Runde, darüber hatte ich mir vorher noch gar keine Gedanken gemacht. Als ich dann geantwortet habe, dass ich "offen und ehrlich" sein will, klang das vielleicht so, als wollte ich mich dort direkt outen.

    Das war aber überhaupt nicht meine Absicht. Wie ich in meinem allerersten Post geschrieben habe, sind die Hemmungen und die Scham da viel zu groß, und ich bin absolut nicht bereit dazu, meine Krankheit im Außen zu teilen. Dazu fehlt mir einfach das Vertrauen.

    Meine Grundintention war von Anfang an: Wenn ich diesen Schritt gehe und das Gespräch suche, dann ausschließlich, um die allgemeine Überlastung anzusprechen. Aber selbst das ist für mich ein riesiger Schritt. Ich bin einfach ein Mensch, der extrem ungern zugibt, wenn er an seine Grenzen stößt...ich will immer alles irgendwie alleine wuppen. Aber ich werde jetzt über meinen eigenen Schatten springen, diese Überlastung ansprechen und dann ganz nach Bauchgefühl schauen, was zurückkommt. Nach eins kommt zwei.

    Ein riesiger Meilenstein für mich zu Hause:

    Um direkt im Alltag ein Zeichen für mich zu setzen, habe ich gestern mein komplettes Schlafzimmer umgeräumt. Das war bisher meine typische „Saufhöhle“ und mein geliebter Ohrensessel die absolute Zentrale, in der ich meinen Wein getrunken habe.

    Rausschmeißen wollte ich den gemütlichen Sessel zum Reinkuscheln natürlich nicht, aber ich habe jedes einzelne Möbelstück, das irgendwie verrückbar war, an einen anderen Platz gestellt... Habe mir gestern sogar noch eine neue Tagesdecke besorgt, den Sessel mit neuen Kissen ausstaffiert und völlig andere Bettwäsche aufgezogen , komplett gegen mein sonstiges Farbmuster. Der Raum fühlt sich jetzt völlig neu und frisch an.

    Gestern Abend saß ich dann mit einer Kanne Tee in meinem „neuen“ Sessel und habe ein Buch gelesen. Und das Beste: Ich habe endlich mal wieder kapiert, was ich da eigentlich lese, ohne jede Seite dreimal lesen zu müssen, weil der Pegel im Kopf alles vernebelt.

    Danke euch allen für den großartigen Rückhalt!

    Liebe Grüße,

    Hannah

    Hallo zusammen,

    danke für das liebe Willkommen und eure ehrlichen Worte! Das tut unheimlich gut.

    Um direkt auf euch einzugehen:

    Tabsi Dein Gedanke mit dem „stabilen Außen“ ist so wahr. Den Schichtdienst loszuwerden, würde enorm viel Druck rausnehmen. Mein Bauchgefühl meldet sich auch langsam wieder.

    Alex_aufdemweg : Danke für deinen Zuspruch. Dass du den harten Schnitt damals nie bereut hast, macht mir richtig Mut ...auch wenn ich es jetzt erst mal langsam angehen lasse.

    Bolle : „Tun muss man tun“ ...das hat gesessen. Das Gespräch mit der PDL anzugehen, kostet Überwindung, aber dein Zuspruch baut mich echt auf.

    Zu euren Fragen:

    Alleinerziehend bin ich zwar nicht, aber mein Mann ist als Fernfahrer oft tagelang in ganz Europa unterwegs. Im Alltag bin ich mit den drei Kids also meistens auf mich allein gestellt.

    Wie es jetzt weitergeht:

    Ich bin gerade noch krankgeschrieben und überstürze nichts ,nach eins kommt zwei. Ich werde erst mal mit meiner Ärztin sprechen und dann das Gespräch mit meiner PDL suchen, um zumindest das ständige Einspringen im Frei zu stoppen.

    Ein kleiner Lichtblick heute: Ich habe mich aufgerafft und war seit Ewigkeiten mal wieder im Fitnessstudio. Es hat mir wahnsinnig gutgetan!

    Danke für eure tolle Begleitung hier. Ich halte euch auf dem Laufenden!

    Liebe Grüße,

    Hannah

    Hallo Bibi,

    danke dir für deine schnelle und so liebe Antwort!

    Das mit dem Stunden reduzieren an meiner jetzigen Stelle ist leider keine wirkliche Option. Wenn ich die Stunden offiziell runterfahre, verdiene ich natürlich weniger Geld , arbeite am Ende durch das ständige Einspringen aber wahrscheinlich trotzdem das gleiche Pensum und treibe nur meine Überstunden in die Höhe. Am Hauptproblem ändert das also leider gar nichts: Man wird im Frei trotzdem ständig angerufen.

    Bei uns läuft es im Moment leider wie fast überall in der Pflege: Viele Kollegen gehen und die, die noch da sind, müssen das Ganze irgendwie auffangen. Da herrscht einfach ein enormer sozialer Druck im Team.

    Man kann zwar theoretisch „Nein“ sagen, aber praktisch bleibt es ja nie bei dieser einen Absage. Man wird mehrfach angerufen, bis hin zu Argumenten wie: „Du bist unsere allerletzte Option, du kannst das Team jetzt nicht hängen lassen.“ Dieser Druck ist brutal. Am Ende ist es oft fast einfacher, ja zu sagen und den Dienst irgendwie durchzuziehen. Sagt man nämlich doch mal Nein, hockt man den ganzen Tag mit einem quälenden schlechten Gewissen zu Hause und kann sich eh nicht erholen. Und genau dieser emotionale Stress und die Schuldgefühle füttern am Ende natürlich wieder massiv den Suchtdruck.

    Die Arztpraxis meiner Freundin habe ich mir tatsächlich schon mal angeschaut, das ist wirklich sehr nett dort.

    Zum Glück bin ich aktuell noch ein paar Tage krankgeschrieben. Das gibt mir gerade den nötigen Abstand und die Ruhe, um mir ohne den direkten Alltagsstress im Nacken Gedanken darüber zu machen, wie es für mich und meine Familie am besten weitergehen kann.

    Danke dir jedenfalls für den lieben Rat, meine Abstinenz jetzt erst mal ganz klar an Prio 1 zu setzen. Das tut unheimlich gut zu hören und genau das versuche ich gerade auch.

    Liebe Grüße,

    Hannah