Hallo Ketch,
ja da ist guter Rat teuer - zumal wir hier ja deine genaue persönliche Situation und den Charakter/die Art deines Freundes nur erahnen können. Wir können dir daher höchstens unverbindliche Tipps geben, was du tust musst du selber sehr sorgfältig überlegen.
Es gibt aber ein paar grundlegende Überlegungen, die du dir verdeutlichen musst:
Auch wenn es nervenaufreibend für dich ist - du darfst aus deiner offenen Ablehnung seines Alkoholkonsums weiterhin kein Geheimnis machen. Sobald du aufgibst und ihn nicht mehr darauf ansprichst, wird er sich beruhigt zurücklegen und weitertrinken, weil er ja keinen Druck mehr verspürt.
Ich kann dich gut verstehen, da es meiner Freundin mit mir ähnlich ergangen ist. Bei ihr gibt es zwar keine familiäre Vorbelastung mit Alkohol, jedoch reagiert sie auch geradezu allergisch auf Alkohol-Fahnen und Ausdünstung im Schlafzimmer. Das geht also nicht nur Menschen mit einer vorbelastenden Familiengeschichte so! Alkoholiker stinken nun mal einfach. Niemand findet diesen Geruch angenehm. Am wenigsten die Alkoholiker selber sobald sie trocken sind. Wenn sich in der U-Bahn jemand mit einer zum Himmel stinkenden Fahne neben mich setzt, setze ich mich weg, weil das einfach widerlich ist.
Leider kapieren viele von uns erst wirklich, dass die Trinkerei ein Ende haben muss, wenn alles zu spät ist. Die meisten von uns müssen erst richtig tief sinken, bevor sie bereit sind, den Alkohol völlig und überzeugt zu entsagen. Ich hoffe, dass das bei dir nicht so ist, jedoch deutet darauf im Moment vieles hin. Seinen eigenen Alkoholkonsum systematisch herunterzuspielen ist eine der prägnantesten Verhaltensweisen von nassen Alkoholikern. Wir reagieren im Allgemeinen äußerst gereizt darauf, wenn man uns darauf anspricht.
Im Allgemeinen ist es mit dem Trinken so: Am Anfang überwiegen bei uns allen die Vorteile des Trinkens. Der Rausch, die Lockerheit, die wegfallenden Hemmungen usw. Im Laufe der Zeit nehmen dann aber die Nachteile zu (körperliche Schäden, Vergesslichkeit, Desinteresse an anderen Lebensinhalten, Beziehungskrisen, Führerscheinentzug, Arbeitslosigkeit usw.). Dadurch wird unser Leidensdruck irgendwann so groß, dass wir dann - an unserem persönlichen Tiefpunkt angelangt - endlich sagen: Ich muss was ändern.
Der Leidensdruck bei deinem Freund ist offensichtlich noch lange nicht groß genug, um etwas ändern zu müssen.
Was kannst du also tun?
Du könntest ihn mal damit konfrontieren, dass du überzeugt davon bist, dass er ein schweres Alkoholproblem hat. Dies wird er dann energisch abstreiten. Als nächstes forderst du ihn auf, den Beweis anzutreten, und, sagen wir mal, 4 Wochen nichts zu trinken. Ein Mensch der kein Alkoholproblem hat, kann das jederzeit, auch ohne dass er dies explizit für einen anderen Menschen tut (z.B. für den Partner). Provoziere ihn und sage ihm, dass du ihn nicht für fähig hältst, diese Zeit durchzuhalten.
Möglicherweise fühlt er sich davon herausgefordert und geht auf deine Provokation ein. Wenn er dann in den 4 Wochen einknickt, wird er sich sehr schämen (auch wenn er das natürlich nicht zeigt) und das Problembewusstsein wird wachsen. Wenn er nicht einknickt, hast du 4 Wochen Zeit, dich mit ihm im nüchternen Kopf über die Alkohol-Sache zu unterhalten, ihm sagen, wie schön du diese Zeit findest, und dass du dich ehrlich davor ekelst, wenn er wieder anfangen sollte zu trinken und spätestens dann auf die Couch übersiedelst!
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nur meine Gedanken niederschreibe. Ich bin kein Experte für Co-Abhängige! Das sind nur die Gedanken, von denen ich denke, dass sie bei mir auf fruchtbaren Boden gestoßen wären, in der Situation deines Freundes.
Grüße,
Blizzard