Beiträge von Blizzard

    Hallo Oliver,

    der Patient soll durch diese Übung nicht darauf "vorbereitet" werden, dass er sich wieder Vodkaflaschen oder ähnlichen aussetzen muss - sondern es soll ihm zu Bewusstsein gebracht werden, wie sein eigenes Suchtgedächtnis arbeitet - das es funktioniert und im Nu Suchtdruck auslösen kann. Das ist der Zweck der Übung - und der wird meines Erachtens in dem gezeigten Beispiel sehr gut transportiert. Es geht doch nicht darum, abstinente Alkoholiker "abzuhärten", sondern es geht vielmehr darum, sie zu sensibilisieren. Sensibilisierung durch Selbsterfahrung!

    In diesem Zusammenhang ist auch das Statement des jungen Mannes zu sehen ("Ich stehe jetzt wieder da, wo ich am Anfang der Therapie stand"). Es wurde ihm also deutlich vor Augen geführt, dass es vom Alkoholismus keine Heilung geben kann. Das auch am Ende der stationären Therapie eben keine "Heilung" steht. Das er ein Leben lang auf sich acht geben muss.

    Der Patient wird ja nicht dazu angeleitet, sich zu Hause regelmäßig eine Vodkaflasche zur Hand zu nehmen um zu checken, was das Suchtgedächtnis so macht.... :roll:

    Viele Grüße,

    Blizzard

    Hallo zusammen,

    die Wörter "Alkoholtherapie" und "Konfrontationstherapie" passen prinzipiell nicht zueinander, sie "beissen" sich geradezu. Und so war auch mein erster Gedanke, als ich das Threadthema las "Was für ein gefährlicher Schwachsinn". Ich dachte auch zuerst an eine Konfrontationstherapie im Sinne eines Kneipenbesuchs mit abstinenten Alkoholikern, die versuchen müssen "hart" zu bleiben und den Alkohol abzulehnen - so wie der Claustrophobiker in der Konfrontationstherapie lernen soll, öffentliche Verkehrsmittel oder Aufzüge zu benutzen....

    Aber dann sah ich den Bericht und nun stellte sich mir die Sache ganz anders dar. Hier geht es nicht um die Konfrontation mit einer Situation (die "Konfrontation" findet ja in einem Therapeutenzimmer statt), sondern um die Konfrontation mit einem Gefühl, auf was der zu Therapierende vorbereitet werden soll - dem Suchtdruck.

    Diese Art von Konfrontation halte ich sogar für sehr sinnvoll, weil sie dem Patienten zeigen soll, wie schnell Suchtdruck entstehen kann und wie sensibel das Unterbewusstsein auf äußere Reize reagiert! Erst so kann dem Patienten ja bewusst gemacht werden, wie wichtig es ausserhalb der Käseglocke der stationären Therapie es für ihn sein wird, solche Situation schon im Ansatz zu vermeiden!!

    Platt gesagt: Der Patient weiß nach einer solchen Konfrontationstherapie im geschützten Rahmen der Therapie: "Oh, oh, ich brauche eine Vodkaflasche nur zu sehen und schwupp sind die alten Gefühle verbunden mit dem Suchtdruck wieder da. Das habe ich gelernt. Besser also, ich halte mich in Zukunft völlig fern von solchen Situationen. Es könnte überlebenswichtig für mich sein". Theoretisches Wissen wird somit durch persönliches, bewusstes Begreifen und Empfinden untermauert.

    Der Therapieansatz ist daher durchaus sinnvoll und nachvollziehbar. Ich befinde ihn für sehr durchdacht und konstruktiv.

    Herzlichst,

    Blizzard

    P.S. Der Alkohol wurde nur von der Reporterin (die mit großer Sicherheit keine vom "Fach" ist) als "Feind" bezeichnet. Man sollte dies nicht überbewerten.

    Hallo Leute,

    vielen Dank für eure Antworten und Ansichten.

    Dagmar

    selbstverständlich geht die von mir aufgeworfene Fragestellung auf jeden Menschen zu - Alkoholiker und Nicht-Alkoholiker. Das ist ja gar keine Frage.

    In einer Zeit der materiellen Überversorgung (und ja, unsere Gesellschaft lebt nun mal im absolutem Überfluss - allen Unkenrufen zum Trotz) stellt sich die Sinnfrage und die Frage der persönlichen Selbstmotivierung mehr denn je. Die große Frage: Wozu? - sie ist eindringlich und nicht immer und nicht für jeden sofort und eindeutig zu beantworten. Wie Viktor Frankl sinngemäß schon feststellte, sagen dem Menschen, im Gegensatz zu den Tieren, keine Instinkte mehr, was er tun muss und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen ihm keine Traditionen mehr, was er tun soll. Nicht wissend, was er tun muss oder tun soll, weiß er - so scheint es mir immer häufiger - was er eigentlich tun will!

    Und genau hier setzt die Frage der Unter- oder Überforderung an! Denn der Mensch - zumal der Alkoholiker, der ja in einem ganz besonderem Sinne vor einem "Neustart" in seinem Leben steht, kann - etwas verallgemeinert - 2 falsche Wege einschlagen, wenn er keine sinnvolle Aufgabe für sich findet: Weil er nicht weiß, was er tun will, verfällt er einem blinden Aktionismus, verpulvert seine Energie und ist alsbald wieder ausgebrannt (Rückfallgefahr!) oder er weil er nicht weiß was er tun will, scheut er erstmal vor jeder möglichen Herausforderung kategorisch zurück, mit dem Hinweis, sie könnte ihn/sie überlasten und damit auch zum Rückfall führen.

    Meiner persönlichen Einschätzung nach laufen Alkoholiker auf dem Weg zur Abstinenz in unserer Gesellschaft (in der - wie gesagt - ganz allgemein die Menschen mehr denn je mit der Frage der richtigen, der sinnvollen Tätigkeit konfrontiert sind) eher Gefahr, sich dauerhaft zu unter- als zu überfordern.

    Viele Grüße,

    Blizzard

    Hallo,

    auch ich denke, dass Bücher, die sich mit dem Thema Alkoholismus beschäftigen, dem Abstinenz-Willigen helfen können. Ich habe einige dieser Bücher gelesen (leider nicht das von Allen Carr, von dem ich aber das Nicht-Raucherbuch gelesen habe und deshalb zum Rauchen aufgehört habe - aber das lässt sich meiner Meinung nach keinesfalls vergleichen) und habe es nie bereut.

    Ein paar Bücher empfinde ich besonders hilfreich. Mein persönlicher Tipp: "Jetzt ist es genug. Leben ohne Alkohol" von Viktor Sommer. Auch in diesem Buch wird unsere Linie hier meines Erachtens sehr gut vertreten und auch viele Verhaltensweisen und Illusionen wunderbar "entlarvt", die der noch-nasse Alkoholiker so an den Tag lehnt. Empfehlenswert.

    Viele Grüße,

    Blizzard

    Hallo liebe Forumsgemeinde,

    seit ich abstinent lebe, und (v.a. hier im Internet) in der Selbsthilfe tätig bin, begleitet mich die Frage, wie ein trocken lebender Alkoholiker seinen Alltag am besten umstellen kann bzw. muss, um eine stabile, sich-selbst-tragende Abstinenz zu erreichen.

    Sehr oft lese und höre ich dann davon, dass sich abstinent lebende Alkoholiker auf keinen Fall "wieder überfordern" wollen, lernen "mehr auf sich selbst zu achten" usw. Vieles geht also tendenziell in die Richtung, dass man sich während der nassen Zeit, sukzessive und systematisch selbst überfordert habe - und dies daher nun (als abstinent lebender Alkoholiker) abstellen wolle.

    Ich möchte darüber gerne eine Diskussion anregen.

    Meiner Meinung nach ist die Gefahr einer Unterforderung für den trockenen Alkoholiker mindestens genauso gegeben, wenn nicht sogar höher, als die der Überforderung. Denn seien wir mal ehrlich: Natürlich haben wir uns während unserer nassen Zeit überfordert - und zwar solange, bis nichts mehr ging: Wir wollten unsere Sauferei unter einen Hut bringen mit Familie, Arbeit, Freizeit, Freundschafts- und Beziehungspflege, Autofahren usw. Das konnte nicht ewig gutgehen - es musste uns irgendwann überfordern. Lange versuchten wir unsere Alkoholsucht gleichermaßen durch immer massiveren Konsum zu befriedigen und zeitgleich unsere Fassade nach aussen zu wahren. Damit ist man früher oder später ÜBERFORDERT, keine Frage.

    Dann aber - an unserem individuellem Tiefpunkt angelangt - haben wir uns entschlossen, diese grauenhafte Ambivalenz aufzulösen - und uns vom todbringenden Ballast des Alkohols zu trennen. Wir brauchten eine Phase der körperlichen Rehabilitation/Genesung/Entgiftung und einen gewisse Anlaufzeit unser Leben neu zu ordnen. Und dann?

    Mir kommt es so vor, als ob viele trocken lebenden Alkoholiker davor zurückscheuen, ihre neu gewonnene Freiheit und ihre dazugewonnene Energie und Gesundheit dazu zu nutzen, sich aktiv und engagiert in die verschiedenen Bereiche des Lebens einzubringen: Familie, Beruf, Freiheit. Stattdessen ist vielerorts das Gefühl vorherrschend "bloss sich nicht wieder zu überfordern", "sich nicht zuviel zuzumuten" "mehr Zeit für sich selbst zu haben" usw. Auch wenn da im Einzelfall da was dran sein möge - mir kommt es bei manch einem wie eine Ausrede für die eigene Angst vor, endlich mal durchzustarten, etwas neues anzugehen - sich ganz allgemein etwas zuzutrauen!

    Gestern abend viel mir dazu folgendes, bildhaftes Gleichnis ein: Stellen wir uns den Alkoholkranken als einen Marathonläufer vor, der seinen Weg durch den Marathon des Lebens mit einem schweren Rucksack voller spitzer und Steine versucht zurückzulegen. Ganz klar: Im Gegensatz zu den anderen Marathonläufern, die keinen Rucksack mit sich rumschleppen überfordert sich der Alkoholiker. Letzterer wird mit der Zeit immer müder, langsamer, immer schwächer und vereinsamter - weil die meisten um ihm rum die Herausforderungen der Strecke angenommen haben, und sich längst nach vorne verabschiedet haben.

    Unser Marathonläufer merkt, dass er so nicht weitermachen kann. Dass er mit seinem Rucksack sein Ziel nicht erreichen wird. Er legt den Rucksack also ab (=hört auf zu trinken). Die neugewonnene Leichtigkeit verunsichert ihn vorerst - und ausserdem schmerzt noch der Rücken und der Rest des Körpers. Nach ein paar ruhigen Schritten bessert sich aber langsam seine Situation. Und er überlegt, ob er nun auch damit beginnen soll, was die anderen Marathonläufer tun - anfangen zu laufen! Er hat aber Angst sich zu überfordern und lässt es daher sein und schleicht weiter vor sich hin. Dabei hat er doch keinen Rucksack mehr! - und könnte laufen. Aber er traut es sich nicht zu.

    In dieser Situation - das ist meine Wahrnehmung - befinden sich unzählige trockene Alkoholiker.

    Die Gefahr liegt vielleicht darin (um beim bildhaften Vergleich zu bleiben), dass sich unser Marathonläufer, der jetzt zwar ohne Rucksack und gesünder, aber immer noch so langsam wie ein nasser Alkoholiker auf dem Weg, irgendwann denkt - wozu mache ich das eigentlich? Ich bin ja doch nicht schneller/erfolgreicher usw. - und dann sich wieder seinen alten Rucksack umschnallt - also wieder anfängt zu trinken.

    Um es auf dem Punkt zu bringen: Ich sehe statt einer Überforderung viel mehr die Gefahr einer Unterforderung, der trockene Alkoholiker mittel- bis langfristig anheim fallen können.

    Was haltet ihr davon?

    Gruß,

    Blizzard

    Hallo Karsten,

    ich danke dir für deinen Kommentar und gebe dir recht. Einen lebenslangen Austausch halte auch ich für sehr wichtig.

    Ich werde ja auch gerne weiter hier schreiben und lesen tue ich sowieso regelmäßig. Ich weiß momentan nur nicht so genau, was ich in meinem eigenen Strang so schreiben soll. Seit, wie gesagt, gut 9 Monaten geht es mit mir sehr stark bergauf und ich fühle mich wohl und weiß auch woran das liegt. Habe es hier auch schon vielfach geschrieben. Und irgendwie liest sich dass dann irgendwie immer gleich....wenngleich ich ja auch verdammt froh bin, dass es so ist!

    Hmm...Vielleicht muss ich hier für mich den Strang in Zukunft anders gestalten....ich werde mal genauer darüber nachdenken.

    Herzlichst,

    Blizzard

    Hallo zusammen,

    nach längerer Zeit wieder mal ein Lebenszeichen von mir.

    Alles läuft weiterhin ganz gut - mal abgesehen davon, dass ich heute eine wichtige Lehre gezogen habe: Finger weg von Diät-Konfitüre!!! Nachdem ich heute morgen 4 Scheiben Toast mit Erdbeer-Diätmarmelade gegessen hatte, rumorte es die folgenden 8 Stunden in meinem Magen-Darmtrakt wie noch nie zuvor, gepaart mit schweren Bauchschmerzen. Nun ja, mittlerweile habe ich es wohl überstanden und freue mich schon wieder auf das Abendessen beim Fussball.

    Letztes Wochenende war ich wieder in München bei meiner Ausbildung in Logotherapie. Dabei handelte es sich um einen besonderen Termin und zwar um einen sogenannten Methoden/Selbsterfahrungsbaustein. Die Veranstaltung ging von Freitag Abend bis Sonntag Nachmittag und wir wohnten während dieser Zeit im Kloster St. Ottilien in der Nähe von München. Neben den sehr interessanten fachlichen Inhalten des Seminars und den produktiven, spannenden Gesprächen und Kleingruppenarbeiten, war es vor allem die Atmosphäre des Klosters, die mich tief beeindruckte. Kloster sind tatsächlich Orte, an denen man wunderbar zur Ruhe kommen kann, dass weiß ich jetzt. Alles läuft irgendwie bewusster ab. Es war eine tolle Erfahrung und ich freue mich auf den nächsten Seminarbaustein dieser Art im Spätherbst. :D

    Die Job- und Wohnungssuche schreitet ebenfalls voran. Nächste Woche habe ich in 2 Tagen 3 Vorstellungsgespräche in München. Mit meiner Frau habe ich gestern dann auch eine Liste mit in Frage kommenden Wohnungen erstellt und die Anbieter kontaktiert. Eine Wohnung würden wir besonders favorisieren. Zwischen den Vorstellungsgesprächen werde ich dann wohl auch die eine oder andere Besichtigung dazwischenschieben. Ende nächster Woche sind dann hoffentlich die "Eckdaten" geklärt.

    Ein anderes Thema was mich ein wenig beschäftigt, ist meine Präsenz hier im Forum. Die wird nämlich zunehmend geringer, das fällt mir natürlich selbst auf. Da es sich um meine einzige Selbsthilfegruppe handelt, frage ich mich, inwieweit ich hier gegenlenken sollte oder nicht. Seit 15 Monaten bin ich nun abstinent und seit ca. 9 Monaten sehr zufrieden und glücklich.

    Viele sagen, dass man sich irgendwann zu sicher fühlt, als Folge davon dann rückfällig wird. Ich frage mich: Ist das so? Und wenn Ja: Haben diese Leute verinnerlicht, dass Sie keinen Alkohol trinken "dürfen" und ein kontrolliertes Trinken eine Illusion ist? Ich habe das in den letzten Monaten sehr intensiv getan.

    Ich habe einen großen Respekt vor der Droge Alkohol und bin mir sicher, das es so bleibt. Ich werde selbstverständlich auch hier im Forum bleiben, allerdings verspüre ich nicht mehr so oft den Drang, mich regelmäßig in meinem Strang zu äußern.

    Viele Grüße einstweilen!


    Blizzard

    Hallo Oliver,

    wenn überhaupt, dann denke ich, dass es jüngere Menschen sogar einfacher haben, trocken zu werden als Ältere.

    Ich denke es ist ein Unterschied, ob sich ein Trinkverhalten über mehrere Jahrzehnte oder eben nur über, sagen wir mal 6-10 Jahre eingeschliffen hat. Klar, Alkoholiker kann man auch innerhalb von ein paar Monaten werden, wer will da schon solche zeitlichen Grenzen ziehen?

    An mir selber habe ich beobachten können, dass es mir offensichtlich - z.B. im Vergleich zu den anderen Klienten in meiner ambulanten Therapie - leichter gefallen ist, mein Leben umzugestalten, alkoholfrei zu gestalten, Gewohnheiten abzulegen usw. Das Argument deines Gruppenleiters ("Jüngere werden durch Parties, Discos mehr zum Trinken motiviert") ist Unfug. Das sage ich so deutlich und verweise dabei auf die Gegenargumente Joe Doe's. Und das ein Alkoholiker sowieso keine Parties braucht, um seinen Trinkgewohnheiten nachzugehen, dass weiß jeder Alkoholiker selbst.

    Letztendlich denke ich, dass es auch einen biologisch/körperlichen Aspekt gibt, der berücksichtig werden sollte. Natürlich gibt es überall auch gegenteilige Ausnahmen, aber: Je länger einer trinkt, desto öfter entwickelt sich eine körperliche Abhängigkeit - wodurch die psychische Abhängigkeit auch stärker werden kann, da der Suchtdruck, das "Craving" wohl deutlich höher ist.

    Viele Grüße,

    Blizzard

    Hallo Andreas und Andy,

    ich verstehe nicht ganz den Sinn eurer angesetzten Kritik am Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft, bzw. dessen folgerichtiger Instrumentalisierung durch die Werbeindustrie?

    Irgendwie scheint euch das ziemlich zu schaffen zu machen. Warum eigentlich? Für mich klingt da eine ganze Menge Selbstmittleid - und dadurch schwingen letztendlich auch noch (was viel gefährlicher ist) Verzichtgedanken mit. Andy, wer dein letztes Posting liest (zumindest geht es mir so), den beschleicht das unbestimmte Gefühl, dass du den vielen Fussballfans da draußen ihre EM-Party nicht gönnst, v.a. jetzt, wo du nicht mehr mitsaufen kannst. Ist das so?

    Da draußen sind Millionen Deutsche, die mit Alkohol umgehen können und die sich auf Ihre alkoholschwangere EM freuen (mit hoffentlich viel deutschen Siegen). So what? Warum bleibst du nicht einfach bei dir und überlegst dir, was DU für DEINE Trockenheit tun kannst und gleichzeitig die EM ohne Rückfallrisiko überstehst?

    Herzlichst,

    Blizzard

    Hallo Leute,

    nach längerer Zeit möchte ich mich mal wieder melden.

    Ich bin weiterhin sehr zufrieden mit mir und meinem Leben und alles läuft soweit gut bis sehr gut. Trotzdem hatte ich heute Nacht einen sehr lehrsamen, nicht so schönen Traum.

    Natürlich hatte ich im Verlauf dieser Träume mal wieder getrunken (wie schon öfters angesprochen - davon träume ich sehr regelmäßig). Was diesmal aber dazu kam, war ein Gefühl, was ich nur aus meinen schlimmsten, depressiven Tagen kannte - das Gefühl des absoluten Mühsal, der Depression, der Sinnlosigkeit. Ich hatte dieses Gefühl kurz vor meinem letzten Rückfall im Februar 2007. Damals hatte ich eine Arbeit, die mir so überhaupt keinen Spass machte. Auch ansonsten fragte ich mich jeden Morgen beim Aufstehen "wozu?". Warum soll ich mich jetzt durch einen Tag quälen, dessen Anstrengungen mir keinen erkennbaren Sinn bieten?

    Wie kam dieser Traum zustande? Nun, ich denke er hatte 2 mögliche Ursachen, die in Gedankenspielen der letzten Tagen begründet lagen: Einerseits habe ich gestern gelesen, dass man, wenn man nur lang genug in der eigenen Vergangenheit sucht, irgendwann schon etwas pathogenes, etwas Krankhaftes finden werde - das (zumindest lt. Psychoanalytikern) unbedingt behandelt gehört. Es handelte sich bei dem Artikel um eine leidenschaftliche Kritik an so mancher überkomenen Anschauung der Psychoanalyse, die zwanghaft krankhaftes sucht, selbst dort, wo es sich um natürliche Wechselfälle des Lebens handelt...Trotzdem hat mich die Sache natürlich daran erinnert, wie schlecht es mir psychisch im Februar 2007 ging..

    Andererseits habe ich jüngst beschlossen, Ende Mai bis Mitte Juni unsere Wohnung zu kündigen um den Umzug nach München vorzubereiten, obwohl wir (meine Frau und ich) dort noch keinen Job haben. Durch mein derzeitiges Gehalt wären wir aber zumindest bis Mitte September abgesichert - und finanzielle Reserven hätten wir ja auch noch. Der Umzug haben wir für August geplant, sodass wir nun langsam an die Kündigung unserer Wohnung denken müssen, wenn wir nicht irgendwann 2 Mieten bezahlen wollen.

    Diese Kündigung birgt zwar ein gewisses Risiko (was dann natürlich mit einem gewissen Druck verbunden ist), dieses ist aber für mich akzeptabel. Um nochmal die Brücke zu meinem Traum zu schlagen: Ich könnte mir halt vorstellen, das mir mein Unterbewusstsein damit zu verstehen geben will "sachte mein Junge, ganz langsam".

    Hm, ich werde noch darüber nachdenken müssen...

    Euch allen einen guten Start in die neue Woche,

    Blizzard

    Hallo Jackofthedrawer,

    ich komme gerade vom 1. Tages eines Zehnkampfes nach Hause und habe gerade diesen Thread gelesen.

    Für mich (bin jetzt 14 Monate trocken) war der Sport schon die letzten 5 Jahre schon wichtig, und hat mir in dieser Zeit auch den notwendigen Halt/Stabilität gegeben, um nicht vollends abzusacken. Wenigstens den körperlichen Schaden konnte ich dadurch, das ich trotz nassester Lebensgewohnheiten, weiterhin regelmäßig trainierte einigermaßen im Rahmen halten.

    Am wichtigsten war der Sport wohl in den ersten Monaten meiner Abstinenz, aber auch heute nimmt er einen wichtigen Teil meines Lebens ein....und trocken macht Sport auch viel mehr Spass, weil die Leistungen dadurch besser und stabiler werden.

    Sport ist, neben meiner Frau und meiner beruflichen Tätigkeit ein ganz wichtiger Grundpfeiler in meinem Leben, den ich keinesfalls missen möchte. Mehr aber auch widerum nicht.... :wink: ...hast du bei dir das Gefühl, das Sport mehr als ein Grundpfeiler in deinem Leben ist? Dann hört sich das auch für mich irgendwo nach Suchtverlagerung an. Ich kann mich aber natürlich auch genausogut irren.

    Viele Grüße,

    Blizzard (der sich jetzt gleich in die heiße Wanne legt und auf den 2. Wettkampftag vorbereitet - hart genug wird's...)

    Hallo Joe,

    kräm dich nicht, wenn nicht mehr sooft von anderen in deinem Thread geantwortet wird. Da gehts mir genauso. Ist aber insofern auch nicht schlimm, da es uns doch zeigt, dass wir offensichtlich aus "dem Gröbsten raus" sind und einen vorzeigbaren Grad an Stabilität erreicht haben. Trotzdem tut es uns noch ganz gut, denke ich, uns ab und zu schriftlich zu reflektieren. :wink:

    Schönes Wochenende!

    Herzlichst,

    Blizzard

    Zitat von DarkSoul

    Wenn du deine "perfekten" Freunde gefunden hast, die auch absolut nichts trinken, dann möchte ich dir herzlich gratulieren. So perfekt sind meine dann wohl nicht ;) Zumindest in deinen Augen. Den einen kenne ich seit der elften Klasse, mittlerweile auch schon 10 Jahre. Den anderen seit 22! Jahren. Der dritte im Bunde ist seit 5 Jahren mein Freund. Ich kann mir vorstellen, dass für dich die Länge und Dauer der Freundschaften wahrscheinlich mehr als zweitrangig ist. Mir ist sie das nicht.
    Andy

    Hallo Andy,

    ich finde es ziemlich befremdlich, wie du auf mein Posting reagierst. Hast du es überhaupt richtig gelesen? Oder bist du gerade etwas durch den Wind?

    Gruß,

    Blizzard

    Hallo Andy,

    bin gerade mal in deinen Thread reingestolpert - und würde gerne wissen, wo hier eigentlich das Problem liegt. Die von mir Fett markierten Textteile drücken genauso meine Ansicht der Dinge aus. Gewisse Freunde bzw. Freundeskreise würde ich jetzt nicht mehr besuchen, aber das habe ich (aufgrund der räumlichen Entfernung) sowieso nicht vor. Und hier in meiner Umgebung gibt es kein saufendes Umfeld für mich - und hat es auch während meiner nassen Zeit nicht gegeben.

    Eine kritische Anmerkung zu deinem Weg hätte ich dann aber doch: Alkoholismus ist eine multifaktorielle Erkrankung - sie hat bei jedem Menschen sowohl psychische, soziale und sogar biologische (genetische) Ursachen - natürlich in individuell unterschiedlichem Umfang.

    Du hast auf deinem bisherigen Weg, geprägt durch deine Therapie, v.a. an den psychischen Ursachen mit Hilfe psychoanalytischer Techniken gearbeitet. Anscheinend hat dir das auch geholfen (was nicht bei jedem der Fall ist! So geschieht es übrigens nicht selten, das in Psychoanalysen "Ursachen aufgedeckt" werden, die eigentlich gar keine waren, bzw. zumindest nicht für die Suchtkarriere verantwortlich gemacht werden können; aber das nur nebenbei). Alles schön und gut. Aber damit hast du nur eine Ursache der multifaktoriellen Erkrankung Alkoholismus erfolgreich behandelt. Für einen langfristig trockenen Weg sind meiner Meinung nach durchaus auch verhaltens(therapeutische) Maßnahmen zu berücksichtigen und ein fundamentales Bewusstsein zu schaffen, das ein Rückfall auch entstehen kann, nachdem du jetzt deine Ursache (Elternhaus usw.) gefunden hast.

    Und über diesen multifaktoriellen Charakter unserer Krankheit weißt du auch bescheid. Denn wenn es keine biologischen Ursachen gäbe, könntest du doch jetzt wieder saufen - jetzt wo deine persönliche Ursache erfolgreich behandelt wurde?

    Herzlichst,

    Blizzard

    So,

    da bin ich mal wieder. Das letzte Wochenende in München war sehr schön. Die Fortbildung war ausgezeichnet. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging. Sonntag nach Seminarende lag ich noch gut 2 Stunden bei prächtigem Wetter im Englischen Garten. Wäre gerne auch noch in den Eisbach gesprungen, hatte aber keine Badesachen dabei. Abends gings zurück nach Berlin. Montag wieder wie gewohnt kurz nach 5 Uhr aufstehen, arbeiten gehen. Die Woche verlief ganz gut, obwohl ich auf der Arbeit immer ziemlich müde war. Das viele Training ermüdet irgendwann ganz schön. Nun ja, heute in einer Woche ist erst mal alles vorbei. Dann ist Wettkampf, danach wird das Training erstmal in der Prioritätenskala nach hinten gestellt.

    Ansonsten freue ich mich über das wunderbare Wetter und hoffe, das es mindestens noch eine Woche so bleibt.

    Meine Frau ist momentan bei meinen Eltern in Österreich, sodass ich Pfingsten über hier alleine bin. Macht aber nichts. Werde viel schlafen, denke ich. Zwischendurch noch die letzten 3 Trainingseinheiten, einkaufen, aufräumen und für die Suchtberaterprüfung lernen. Langweilig wird mir da sicher nicht. :wink:

    Grüße an euch alle,

    Herzlichst,

    Blizzard

    Hallo Leute,

    bevor ich mich nun wieder für 4 Tage Richtung München aufbegeben werde (morgen 1. Wohnungsbesichtigung, Samstag und Sonntag Fortbildung), möchte ich noch eine Neuigkeit bringen, von der ich selber nicht sonderlich überrascht bin, die mich aber seit gestern doch sehr zum Nachdenken gebracht hat.

    Meine Mutter hat mich angerufen und mir ausführlich die derzeitige Situation mit meinem jüngeren Bruder geschildert. Vielleicht habe ich es ja hier schon mal anklingen lassen: Er ist meiner Meinung nach definitiv auch Alkoholiker - und, wie mir meine Mutter gestern geschildert hat, ein sehr nasser und sehr uneinsichtiger. Seine Freundin hat sich jetzt wohl bei meinen Eltern "ausgeweint" und geschildert wie unleidlich und gemein (verbal) er in der Trunkenheit wird und dass er komplett uneinsichtig ist. Auch ansonsten zeigt er all die Verhaltensweisen, die wir hier täglich (v.a. im Co-Abhängigenbereich) lesen können. Er hat dabei schon einiges verloren: Sein Auto hat er zu Schrott gefahren, seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren (hat ihn jetzt wohl aber wieder), seine Beziehung befindet sich in der Krise - und wenn er so weiter macht, ist sein guter Arbeitsplatz sicher auch bald in Gefahr. Er befindet sich also gnadenlos auf dem Weg nach unten.

    Meiner Mutter habe gestern erst mal telefonisch einen Crash-Kurs in Sachen nasser Verhaltensweisen und Co-Abhängigen Verhalten gegeben, damit sie der Freundin meines Bruders vielleicht ein bisschen helfen kann. Ausserdem hat meine Mutter wohl ein gutes Buch über Sucht gefunden, was unsere gängigen Meinungen hier 1:1 vertritt und will es wohl auch der Freundin meines Bruders geben.

    Irgendwie ist es übel, diese Dinge zu hören, zumal ich weiß, was für ein Sturkopf mein Bruder ist, der bei jeglichem kritischen Gespräch wutentbrannt aufsteht und das Weite sucht, oder aggressiv wird.

    Nun ja, ich werde sicher erfahren, wie es weiter geht, habe aber ein ziemlich ungutes Gefühl.

    Nachdenkliche Grüße,

    Blizzard

    Hallo Spedi,

    Zitat von Spedi


    Genau so wenig wie ich empfänglich (weder negativ noch positiv) für Werbung zu Gunsten von z.B. Damen-Monatshygieneprodukten bin, bin ich ansprechbar für/auf Alkoholwerbung. Warum? Nun, beides betrifft mich nicht. Wieso sollte ich mich dann angesprochen fühlen?

    bin etwas überrascht, das aus deinen Fingern zu lesen. Denn wenn du dieses Verhalten rechtfertigst, könnte ich genauso sagen, das es mich null stört, wenn meine Verwandten neben mir im Restaurant Wein trinken. Ich habe selber nie Wein getrunken, habe es damals nicht vermisst und es spricht mich heute auch nicht an. :?:

    Grundsätzlich gebe ich dir da völlig recht. Warum sollte ich mir um etwas Gedanken machen, was mich nicht im geringsten gefühlsmäßig anspricht? Womit wir dann doch wieder beim Thema "individuelle Trockenheitsarbeit" wären..... :wink: Jeder muss individuell schauen, von was er sich während seiner Trockenheitsarbeit fernhält, und was eben kein Problem darstellt.

    Herzlichst,

    Blizzard

    Hallo,

    ich glaube, hier wird viel nebeneinander vorbeigeredet. Von Sucht bzw. Abhängigkeit spricht man laut dem Klassifikationssystem ICD-10, wenn 3 oder mehr von 6 Kriterien erfüllt sind, die auf eine Sucht/Abhängigkeit hinweisen. Diese Kriterien sind auf Wikipedia z.B. nachzulesen.

    Daraus sind 2 Schlussfolgerungen erlaubt, die beide für sich richtig sind:

    1. Sucht ist eine hochgradig individuelle Krankheit, weil unterschiedliche Merkmale bei verschiedenen Abhängigen auftreten, oder auch nicht auftreten.

    2. Sucht ist insofern nicht individuell, da man sie anhand der genannten 6 Kriterien eindeutig einem Patienten zuordnen kann, oder eben die Diagnose verwerfen muss.

    Die angesprochenen Kriterien für das Vorliegen einer Abhängigkeit sind:

    -starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu trinken
    -Kontrollverlust in Bezug auf die Menge, den Beginn oder das Ende des Konsums
    -körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder Konsumreduktion
    -Toleranzentwicklung
    -Vernachlässigung anderer Tätigkeiten, um stattdessen zu konsumieren, Alkohol zu beschaffen, oder sich vom Konsum zu erholen
    -trotz nachgewiesener körperlicher Spätfolgen weiterer Alkoholkonsum

    Also: Jede Sucht ist für sich individuell - und doch gibt es einen "Stammbaum" an Kriterien, durch die sich die Sucht klassifizieren lässt.