Hallo Leute,
ich bin im Prinzip völlig eurer Meinung.
Ich sehe Alkoholismus als eine schwere Krankheit, die man nicht heilen sondern durch Abstinenz nur stoppen kann - und die - wenn man sie nicht stoppt - in irgendeiner Weise tödlich verläuft. So einfach ist das. So einfach?
Offensichtlich nicht. Ich bin 27 Jahre jung und ich möchte mir selbst zu gute halten, das ich diese Krankheit in ihrem Umfang geistig verarbeitet habe und mir eingestanden habe, das ich an ihr erkrankt bin. Aber das ist in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich. Alkoholismus gilt in weiten Teilen unserer Kultur immer noch nicht als Krankheit, sondern als Willensschwäche, Charakterschwäche, Personen die an ihr Leiden als "Taugenichtse", die sich "gehen lassen" usw. Ihr kennt die Bilder und Klischees die ich meine.
Gerade lese ich ein interessantes Buch, mit großem statistischem Anteil über die Zahlen rund um Alkoholismus/Therapie usw. Da steht z.B. das der Anteil der unter-30-jährigen von allen Leuten die sich in Suchtberatungsstellen vorstellen bei 1% liegt. Was schließen wir daraus? Das der Anteil der Süchtigen in dieser Altersgruppe bei nur 1 % liegt - das also 99 % der Süchtigen in unserer Gesellschaft über 30 Jahre alt sind? Sicher nicht. Vielmehr scheint es daran zu liegen, das viele in dieser Altersklasse noch zu keiner Krankheitseinsicht gekommen sind. Ist das jetzt verwerflich? Ich glaube nicht.
Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, deren Eingeständnis innere Bereitschaft und viel Reflexionsvermögen benötigt. Und natürlich noch viel innere Kraft um sich gegen die Widerstände in unserer Gesellschaft, im eigenen sozialen Umfeld zu stellen, die sich mit der Diagnose Alkoholismus automatisch einstellen. Ich bin in gewisser Weise ein sehr provokanter Mensch und komme mir manchmal richtig verwegen vor (und äußerst provokant!) wenn ich meinen Gegenüber damit konfrontiere, das ich Alkoholiker bin. Die meisten glauben mir das sowieso nicht, selbst wenn ich ihnen versuche das zu erklären. Unsere Gesellschaft ist offensichtlich noch nicht reif für Alkoholiker, die jung und gesund sind und zu ihrer Krankheit stehen.
Wir sprechen hier in diesem Forum nicht umsonst von der eigenen Tiefpunkterfahrung, die jeder Alkoholiker offensichtlich benötigt, um sich die Krankheit einzugestehen. Grundtenor: Erst wenn man alles vergeigt hat und ganz unten ist, ist man oft erst bereit, Hilfe von aussen anzunehmen.
Auch sprechen wir oft hier darüber, wie wir uns selbst schwer getan haben, uns unsere Krankheit einzugestehen. Lange Zeit haben wir das doch selber geleugnet, oder nicht?
Ich bin 27 und habe mir meine Krankheit in einem Stadium eingestanden, wo ich noch bei weitem nicht alles vergeigt hatte. Bin ich jetzt stolz darauf? Jein. Es ist gut so, aber manchmal wünschte ich mir, ich wäre schon mit 20 oder 22 zu dieser Einsicht gekommen. Denn da hätte ich es im Prinzip auch schon gewusst - aber eben nicht wahrhaben wollen. Mein Trinkmuster war da das gleiche, teilweise noch schlimmer, als mit 26.
Aber genau das gehört eben auch zu unserer heimtückischen Krankheit: Die Einsicht an der Krankheit zu leiden dauert eben manchmal jahre- oder gar jahrzehntelang. Nicht umsonst stehen in vielen Alkoholiker-Selbsthilfetests fragen wie diese: "Werden Sie aggressiv wenn Sie jemand auf ihren Alkoholkonsum anspricht" oder "Blocken Sie Gespräche über Alkoholismus grundsätzlich ab?".
Alkoholismus ist eine lebensgefährliche Krankheit, die einen gewaltigen Teil ihrer Mortalitätsrate daraus bezieht, das die Betroffenen erst sehr spät (oft genug zu spät) bereit sind, sich ihre Krankheit einzugestehen. Und das betrifft doch im Prinzip fast jeden, oder? Oder wieviele User hier im Forum haben nur ein paar Wochen in ungesunder Weise Alkohol konsumiert und dann gesagt: "Ups, ich bin wohl Alkoholiker - werde ich gleich mal allen eingestehen und mir eine Selbsthilfegruppe suchen". Keiner! Wir alle haben doch jahrelang, manche jahrzehntelang gesoffen, ohne jegliche Krankheitseinsicht.
Wie gesagt, das ist wohl Teil unserer Krankheit.
Hoffe, ich bin nicht zu weit vom Thema abgekommen.
Übrigens: Um welchen Beitrag gehts denn hier? Wie heisst denn der User? Hab mir jetzt nicht alle Beiträge angesehen.
Herzlichst,
Blizzard