Hallo Hartmut,
deine Frage ist für mich gar nicht so leicht zu beantworten. Denn sie berührt mein gesamtes Leben. Das Trinken meines Partners war nur die Spitze des Eisberges. Dass „darunter“ noch ganz viel im Argen lag, konnte ich erst annehmen, als es mir ziemlich schlecht ging und ich eine eigene Therapie machte.
Die Strukturen, die mich helfen ließen, fast bis zum Umfallen, waren schon immer in mir vorhanden. Und doch hatte ich zu Anfang den Eindruck, dass mein Partner mich krank gemacht hat. Genau die gleiche Wut auf den Partner, die ich hier oft lesen kann, hatte ich als sich die Situation zuspitzte und er wieder richtig drauf war nach einem Rückfall. Erst in der Therapie begriff ich, dass ich ein eigenes Problem habe. Ein kleines Ego, dass sich hinter Ratschlägen für alle versteckt, das sich stärkt durch Helfen, ohne dass diese Hilfe konkret eingefordert wird. Leistung, etwas schaffen müssen, um anerkannt zu werden, waren ein weiterer Gesichtspunkt, den ich an mir feststellte. Ich wollte die Frau sein, mit der ER nicht mehr trinkt. Als er es doch wieder tat, hatte ich ein Versagensgefühl und Wut, weil er mir das antat.
Zufrieden war ich im Grunde nie wirklich. War das eine Ziel erreicht, musste es gleich weiter gehen. Immer den Thrill des Neuen, nur keine Zeit alleine verbringen, denn das war für mich verlorene Zeit, mit der ich nicht wirklich etwas anfangen konnte. So, wie ein Alkoholiker trinkt, um seine Situation erträglich zu machen, so habe ich mich mit Menschen umgeben, um die für mich unerträgliche Situation des Alleinseins nicht ertragen zu müssen.
Es war für mich ziemlich schwer, erkennen zu müssen, dass das, was ich ihm angekreidet habe, letztendlich schon ganz lange vor ihm da war. Ich musste mir eingestehen, dass meine Selbstsicherheit, die ich nach außen zeigte, so etwas wie ein Potemkinsches Dorf war. Aus diesem Grund fiel es mir auch sehr schwer, mit Kritik umzugehen, sie nicht persönlich zu nehmen sondern lediglich auf die Fakten zu reduzieren, die kritisiert wurden.
All das hörte auch nicht schlagartig auf, als ich von ihm getrennt war. Aber dann hatte ich keinen „Schuldigen“ mehr. Das zu erkennen, dass alles in MIR liegt, war für mich wirklich heftig. Und endlich, nach fast einem halben Jahrhundert Leben, wurde es mein Ziel, das zu verändern. Souveränität, Zufriedenheit und die Fähigkeit, ohne meine Suchtmittel „Beziehungen“ klarzukommen, wurden nun endlich MEIN Ziel. Meine Schwachpunkte akzeptieren und daran zu arbeiten stellte ich mir zur Aufgabe. Und es ist eine langwierige Aufgabe. Lebenslänglich, vergleichbar mit der Alkoholkrankheit, die ja auch nicht aufhört, nur weil jemand mit dem Trinken aufhört.
Keiner will gerne krank sein, und schon gar nicht in der Psyche. Abhängigkeiten basieren aber auf psychischen Problemen. Mir das einzugestehen, war für mich das schwerste. Aber erst als ich das getan hatte, konnte ich an mir selbst etwas verändern. Denn etwas, was ich nicht sehen will, kann ich nicht verändern. Eine Beziehung zu einem Alkoholiker ist eine hervorragende Möglichkeit, die eigenen Defizite auszublenden. Schließlich nimmt seine Krankheit einen breiten Raum im Familien- oder Paarleben ein. Und solange der Fokus auf seiner Krankheit, seinem Fehlverhalten liegt, brauch Frau Co im Leben nichts zu verändern. ER ist ja schließlich der Kranke, an dessen Verhalten alles hängt.
LG
Ette