Hallo desperateS,
herzlich willkommen hier im Forum. Es ist ein gutes Medium, um sich mit sich selbst und der Co-Abhängigkeit auseinander zu setzen. Meine Vorschreiberinnen haben dir schon ein paar ihrer Erfahrungen geschrieben.
Du schreibst zu Anfang, dass du deinen Partner in der Psychiatrie kennen gelernt hast, wo du wegen Depressionen in Behandlung warst. Ich leide selbst immer wieder unter depressiven Episoden und weiß, dass ich mich in diesen Phasen oftmals allein und verlassen fühle. Ich kann also nachvollziehen, dass du dich mit jemanden zusammen getan hast. Wenn du jetzt schreibst, du liebst diesen Menschen, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ich so manches als Liebe bezeichnetet, was mir meine Einsamkeit nehmen sollte. Ich will nicht deine Gefühle in Frage stellen, weiß aber aus meiner eigenen Situation, dass ich mir oft die Liebe eines anderen Menschen wünschte, weil ich selbst alleine nicht so gut klarkam.
Ihr habt beide gesundheitliche Probleme. Wie soll dann euere Beziehung gesund sein? Wie kannst du dich auf deine eigene Genesung konzentrieren, wenn du dich um deinen ebenfalls kranken Partner sorgst, er zum großen Teil deine Gedanken und deinen Tagesablauf bestimmt? Du schreibst, du willst dich nicht verlieren? Wie weit hast du dich denn bereits gefunden? Du fragst, ob es sich lohnt, ihm Wege aufzuzeigen, damit er aus seiner Sucht kommt. Hast du für dich Wege gefunden, wie du mit deiner Krankheit umgehen und ein halbwegs gesundes Leben führen kannst? Ich für mich brauche noch immer viel Kraft, für mich selbst zu sorgen. Das war mir, in der Zeit als ich mit „meinem Alki“ lebte, gar nicht so bewusst. Es fiel mir leichter, für ihn zu sorgen als für mich. Hab hinter der Sorge für ihn mein eigenes Unwohlsein versteckt. Erst seitdem ich nicht mehr mit ihm zusammen bin, kann ich achtsam mit mir umgehen. Und das ist alles andere als einfach. In der Rückschau waren die Schmerzen und Enttäuschungen, die ich mit ihm erlebte, relativ leicht zu ertragen. Schließlich hatte ich damals immer jemanden, den ich dafür verantwortlich machen konnte, dass es mir schlecht ging. Wenn es mir jetzt schlecht geht, muss ich bei mir selbst gucken und auch für mich selbst sorgen, selbst für mich die Verantwortung tragen. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass mir das unbequemer und schwerer ist, als damals, als ich ihm die „Schuld“ für meine Situation zusprechen konnte.
Ich weiß nicht, wie genau du auf dich guckst, wenn es deine Lebenssituation betrifft. Mir wurde von einem Therapeuten gesagt, dass wir als Paar wie zwei hungrige Kinder wären, die versuchen, einander zu nähren, obwohl sie nicht in der Lage sind, sich selbst satt zu bekommen. Solange wir beide nicht gesund wären, würden wir uns gegenseitig mehr schaden als nützen und würden es als „lieben“ bezeichnen, obwohl es Abhängigkeit ist.
Du siehst, ich habe mich sehr wenig auf deinen Partner bezogen. Denn ich gehe davon aus, dass du hier schreibst, um für DICH Hilfe zu finden. Deine Situation zu verbessern, ist das, was DU tun kannst. Sein Leben, seine Situation, das ist SEIN Ding. Dein Thread heißt „schon verloren?“. Nun, wenn du den Fokus weiterhin mehr auf ihn als auf dich richtest, hast du eins mit Sicherheit verloren – dein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben.
LG
Ette