Guten Morgen,
na, da hab ich ja wohl wirklich einen Stein angestoßen! Ich finde es interessant, was hier so zu lesen ist. Allerdings gehe ich auch mit dem Spedi-Zitat konform
@ Dagmar: für mich ist es kein Widerspruch, durch meine Trauer zu gehen und bei mir zu bleiben. Ganz im Gegenteil. Sobald ich trauere, verarbeite ich. Währenddessen hier oftmals wütend über all die schlimmen Dinge erzählt wird, die der trinkende Angehörige getan hat. Wut kann ein guter Motor sein, vorwärts zu gehen. Allerdings nicht, wenn man darin verharrt, denn dann sind wir Opfer dessen, was um uns passiert ist.
@Nora: Richtig, Menschlichkeit beinhaltet zu helfen. Deshalb fühlen wir uns in unserer Co-Rolle ja auch lange Zeit so wohl. Schließlich sind wir gut, stark und menschlich. Wenn uns die Hilfe aber selbst zuviel wird, zumal sie im Kontext zu einem Alkoholkranken vollkommen aussichtslos ist, dann erklären wir uns zum Opfer. Wir schieben die Verantwortung für unser Leben auf den Alkoholiker.
Ich ging so weit, dass ich behauptete, er hätte mich krank gemacht, in dem ich im Zusammenleben mit ihm co-abhängig lebte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir eingestand, dass diese Krankheit schon lange vor ihm da war. Lediglich waren ihre Symptome nicht so offensichtlich.
Nancy : co-abhängiges Verhalten kann sich auch in anderen Situationen zeigen, als dann, wenn man mit einem Abhängigen lebt. Das stimmt. So ganz neu würde ich unsere Krankheit jedoch nicht bezeichnen wollen. „Co-Abhängigkeit-Die Sucht hinter der Sucht“ von Anne Wilson Schaef erschien das erste Mal 1986. In Amerika ist unsere Krankheit, im Gegensatz zu Deutschland, auch als Krankheit anerkannt. So ganz neu ist sie also nicht mehr. Wenn du vom Fach bist, müsste sie dir darüber hinaus auch als Beziehungsabhängigkeit begegnet sein.
@ Frozen tears: Es sind nicht unbedingt die, die heulen und Vorwürfe machen, die sich in ihrer Opferrolle gefallen. Oftmals geht das viel subtiler. Über Schwäche, z. B. Darüber wird manipuliert und Macht ausgeübt und trotzdem der Eindruck erweckt, dass man das kleine, schwache Weib ist, das keine andere Wahl hat, als sich auf die Spirrenzchen des Alkis einzustellen. Mit meinem Beitrag wollte ich auch nicht in Frage stellen, dass manche Menschen, die wirklich körperlicher Gewalt ausgesetzt sind im Zusammenleben mit einem Alkoholiker in dieser Beziehung nicht Opfer sind. Vielmehr geht es darum, dass viele Frauen viele Punkte formulieren, die es ihnen nicht ermöglichen, etwas an ihrer Situation zu verändern. Sie quasi gar keine andere Möglichkeit haben, als in der Situtation zu bleiben, weil sie die Verantwortung dafür an vielerei Umstände übertragen.
@ Hartmut: Du hast das schon gut ausgedrückt. Es hat JEDER selbst in der Hand, seine Situation zu verändern. Aber dafür muss er sie für sich akzeptiert haben. Diese Akzeptanz kann jedoch nicht eintreten, wenn ich meine Situation dem trinkenden Angehörigen anlaste. Dann betrachte ich mich als Opfer, das vom Verhalten des Alkis abhängig ist. Und – die Ansicht einer länger „trocken“ lebenden Co-Abhängigen liest du immer, wenn du mich liest ;-).
LG
Ette