Guten Morgen Sternderl,
ja, die Situation ist verfahren, ich kenne das. Oft waren die Tränen mein Ventil, um mit allem klarzukommen. Hin- und hergerissen war ich, weil ich ihn gern hatte und auch noch habe, und weil ich andererseits so nicht mehr leben wollte. Ich konnte mir ganz schlecht vorstellen, wie es ohne ihn gehen sollte. Nicht wirtschaftlich, aber emotional. Keiner abends da, der sich mit mir über den Tag unterhält, der sich mit mir freut. Aber auch Keiner da, der mich nach anstrengenden Tagen in Therapiegespräche verwickelt. Gespräche, in denen ich mir das selbstmitleidige Gerede eines „Nassen“ anhören musste und in meinem Willen, dass alles gut werden sollte, stundenlang versuchte, ihn aufzubauen. Versuchte, ihm Suizidgedanken auszureden, ihm Lebensmut zu geben, ihn auf seine positiven Seiten hinwies, die er selbst für sich scheinbar nicht mehr wahrnahm. Das Alles, weil ich Angst davor hatte, den Schritt zu gehen, der mich von seiner Krankheit wegbringen konnte.
Dann hab ich angefangen, mir zu überlegen, was alles zu verändern wäre. Viele Dinge waren es, wie mir schien. Ein unüberwindbarer Berg. Aber in kleinen Häppchen habe ich ihn gemeistert. Und heute bin ich über diesen Berg, fühle mich wohl. Nicht jeden Tag gleich, aber ich denke, das ist normal. Niemand ist jeden Tag gut drauf und zuversichtlich. Ich kann die schwere Zeit ohne Groll sehen, denn ich weiß, er hat nur so gehandelt, wie er zu diesem Zeitpunkt konnte. Ich habe mich all die Zeit viel um mich gekümmert. Und ich habe gelernt, ihn mit seinen Ecken und Kanten zu akzeptieren, versuche nicht mehr, ihn zu verbiegen, damit er so ist, wie ich ihn gesehen habe. Ich lasse ihn, wie er ist. Er ist nun über zwei Jahre trocken, wir verstehen uns gut, sind allerdings kein Paar mehr.
Vielleicht hilft es dir, zu überlegen, was du alles verändern müsstest, vielleicht eine Liste zu machen. Oftmals sind die Veränderungen nur so schlimm, weil wir uns nur das Schlimmste ausmalen. Schritt für Schritt gegangen, ist der Weg jedoch machbar. Gestern zum Beispiel, ging mir abends durch den Kopf, dass ich zufrieden bin. Ohne Reichtümer, ohne dicke Urlaubsreisen, aber mit dem Gefühl, mein Leben zu meistern. Dinge zu tun, die mir gut tun und die zu lassen, bei denen ich ein schlechtes Gefühl habe. Wenn es mir nicht so gut geht, mache ich es wie die AA´s. Versuche über die nächsten 24 Stunden zu kommen, weil ich weiß, dass auch wieder andere Tage kommen.
Dein Weg hat angefangen. Die Tatsache, dass du dich im täglichen Zusammenleben distanzierst und ihn nicht mehr auf sein Trinken ansprichst, ist ein guter Anfang. Vielleicht reicht es schon aus, dass er über sich und seine Krankheit nachdenkt. Vielleicht aber musst du weitere Maßnahmen ergreifen. Mir hat es mein Leben lang geholfen, wenn ich mir vorgestellt habe, was das Schlimmste ist, was passieren kann und mich darauf eingestellt habe. Mach dich schlau, wo du Unterstützung bekommen kannst. Guck dir Stellenanzeigen an und bewirb dich, dann kannst du feststellen, ob du die Möglichkeit hast, Arbeit zu finden. Wer jahrelang eine Pension geführt hat, hat Fähigkeiten, die auch andernorts gefragt sind. Trau dich einfach....
Du wirst sehen, es kommt eines zum anderen und es macht dich sicherer, wenn du selbst agierst, als wenn du auf den großen Knall wartest. Jedenfalls kenne ich das so von mir.
LG
Ette