Guten Morgen Betty,
dieses Gefühl, nicht über bestimmte mit meinem Partner reden zu wollen, um nichts kaputt zu machen, kenne ich sehr gut. Ich habe aber auch gemerkt, dass es sehr gefährlich ist, mich so zu verhalten. Die alten Muster abhängig-co-abhängig haben dann überhaupt keine Chance, durchbrochen zu werden. Ich habe mich auch einfach nur an der Tatsache gefreut, dass er nicht mehr trank und gehofft – gehofft, dass wir wieder zueinander finden, so wie ich früher gehofft habe, dass er aufhört zu trinken. Ich habe für mich daraus gelernt, dass wir nur eine Chance gehabt hätten, wenn wir all das, was in unserm Innern ist, benannt und somit offen gemacht hätten.
Wir haben beide die harmonischen Stunden genossen und jeder hatte seine eigenen Gedanken darüber und hat sie für sich behalten. Er dachte vielleicht, dass ich ihn annehme, auch wenn er mir bestimmte Dinge nicht gibt. Und ich hatte immer die Hoffnung, dass er irgendwann den Dreh bekommt, so zu mir zu sein, wie ich es mir wünsche. Wieder einmal die Hoffnung also, dass er zu dem wird, den ich in seinem Innern vermute. Dass ich glücklich wäre, wenn er sich noch ein klein wenig verändern würde. Es klappt so nicht, stellte ich für mich fest. Wenn ich nicht anspreche, was in mir passiert gedanklich und emotional, laufe ich Gefahr, illusionär zu leben. Und das hindert mich daran, gesund und zufrieden zu sein. Ich weiß nicht, wie es ihm dabei geht. Wie gesagt, wir haben nie darüber gesprochen.
Inzwischen habe ich das Gefühl, ihn meiden zu müssen, so wie er seinen Stoff meiden muss. Ich will erst einmal mit mir selber klarkommen. Ich vermisse ihn sehr und versuche immer in mich hinein zu spüren, ob dieses Vermissen etwas damit zu tun hat, dass ich ihn einfach gern habe und mit ihm zusammen sein möchte. Oder ob es eher so ein Gefühl ist, dass mein Glück und meine Zufriedenheit davon abhängt, ob er da ist.
Ich glaube, das Schmerzhafte ist gar nicht so sehr die Trennung, sondern die Tatsache, dass wir mit der Trennung auf uns selbst zurückgeworfen sind. Somit müssen wir feststellen, dass wir einem Phantom hinterher jagen. Dem Phantom „Glück“, das scheinbar nur da ist, wenn wir mit jemandem zusammen sind. Denn alleine, so haben wir in unserem Innern das Gefühl, sind wir nichts. Und durch unser Sorgen und helfen wollen, unser Jammern und Hoffen vermeiden wir es, dieses Gefühl wahrzunehmen.
Ich habe für mich festgestellt, dass nicht darüber zu reden, was ich fühle, eine Art Vermeidung ist. Ich wollte mir das schöne Bild erhalten, um nicht sehen zu müssen, wo es krankt.
Vielleicht solltest du deinen Wunsch, dass du von deinem Sohn geholt werden möchtest, mit deinem Psychologen besprechen. Ich hatte die ähnliche Todesgedanken, als meine Depression am tiefsten war und bin inzwischen sehr froh, sie wieder aus meinem Kopf verbannt zu haben. Ich will leben, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist.
Ette