Beiträge von Ette

    Hallo Immerdrauf,

    das mit dem so überzeugend daherreden, das kenne ich nur allzu gut. Es ging bei mir so weit, dass ich begann, an meinen eigenen Wahrnehmungen zu zweifeln, weil er immer wahnsinnig überzeugende Erklärungen hatte für all das, was geschah.

    Hast du in deiner Therapie angesprochen, dass dein Mann ein Alkoholproblem? Denn mit einem hat er vielleicht recht. Wir haben auch unsere Gründe dafür, dass wir mit solchen Männern zusammen sind. Die sind uns aber nicht unbedingt bewusst und da kann eine Therapie sehr hilfreich sein, um sie herauszufinden. Eine etwaige Therapie deinerseits entbindet ihn aber nicht davon, sein Alk-Problem in Angriff zu nehmen. Es kann aber sein, dass du durch ein Stillhalten das System aufrecht erhältst, dass es ihm ermöglicht, ohne Konsequenzen weiterzutrinken. Vor allem aber lass dir bitte nicht einreden, dass du Schuld an seiner Trinkerei bist. Oder trichterst du ihm das Zeug vielleicht ein? Das macht er ganz alleine und letztendlich gibt es keine Gründe für sein Trinken, die außerhalb seiner Person liegen.

    Ich kann gut verstehen, dass es dir schwer fällt, zu gehen. Aber letztendlich ist es wohl nicht zu verhindern, wenn er sich nicht auf den Weg macht, trocken zu werden, solange du da bist. Ich weiß sehr gut, welches Auf und Ab der Gefühle das mit sich bringt. Ich falle immer mal wieder zurück in meinen Empfindungen ( https://beispiel.rocks/beispiel.rocks…ftopic5908.html ) und könnte nur noch weinen, weil ich ihn ganz einfach vermisse. Schließlich lieben wir unsere Männer ja, sonst wären wir nicht mit ihnen zusammen oder zusammen gewesen.

    Aber in der Situation hilft die Liebe weder uns noch ihnen. Wir reiben uns auf, ohne etwas zu bewirken. Im Gegenteil, solange wir immer wieder verzeihen, glauben und hoffen und unsere Enttäuschungen wegstecken wenn ihre Versprechen wieder einmal gebrochen werden, schaffen wir mit die Voraussetzungen, dass nichts geändert werden muss.

    Es tut mir wirklich leid, dass ich dir keine andere Hoffnung machen kann, weil ich weiß, was es für ein Sch....gefühl ist, machtlos zu sein. Machtlos dem Trinken gegenüber und oftmals auch machtlos dieser Liebe gegenüber, die da ist und nicht weggehen will, obwohl wir selber weggehen müssen. Aber du selbst und dein Verhalten ihm gegenüber ist der einzige Hebel, den du ansetzen kannst, um die Situation für dich zu verbessern. Das geht aber nicht ohne Schmerzen, habe ich für mich festgestellt.

    Liebe Grüße

    Ette

    Guten Morgen Herr Dissimilationsfahrer und all ihr Anderen,

    nein, es tut mir nicht gut und das weiß ich selber, weil ich es immer wieder spüre. Jedoch bin ich der Meinung, dass der Dissimilationsprozess schon recht gut im Gange ist. Wenn ich jedoch diese Loslösung wie eine Verstoffwechselung meiner Empfindungen betrachte, dann gibt es einfach auch mal eine Art Bauchkneifen dabei. Es gärt und brodelt, dann geht es wieder mal ein Stück völlig ohne Komplikationen ruhig vorwärts. Intensives kann vielleicht nicht so einfach „verdaut“ werden, jedenfalls von mir. Ich vermisse ihn ganz einfach und ich werde durch Vieles an ihn erinnert. Ein Lied im Radio, das er ganz besonders mag, eine Pflanze, die er gerne haben wollte, der Duft seines Rasierwassers an einem vorrübergehenden Passanten, schon ist „er“ wieder präsent.

    Glaub mir, mein Kopf ist sich schon darüber im Klaren, dass es wohl so sein muss, dass er das braucht, will, tun muss. Die Gehirnwäschetheorie ist mir auch nicht fremd und Gedankenstopps bekomme ich mit viel Willen auch hin. Wenn ich mir vorstelle, wie er war als er trank, habe ich auch überhaupt kein Problem, zu akzeptieren, was passiert. Jedoch sind mir die schönen Augenblicke viel präsenter, denn sie sind in trockener Zeit geschehen. Aber das Problem habe ich schon bei Mehreren gelesen. Sag mir nicht, dass du deine Frau nicht auch vermisst und dass es so einfach für dich ist, geschehen zu lassen, was immer da kommt.

    Ich will mir jetzt auch nicht länger Gedanken darüber machen, sondern etwas Vernünftiges tun. Und natürlich die Lederhose ganz hinten aus dem Schrank kramen für die Dissimilationsfahrt ;-).

    Einen schönen Sonntag wünsche ich allen!

    Ette

    Ich lasse den Kopf nicht hängen, na gut – zwischendurch schon mal - und habe einen radikalen Schnitt gemacht. Aber gerade Schnitte schmerzen eine Weile. Kaltblut hat an anderer Stelle geschrieben, dass ich, so wie es aussieht, an meiner Wunde immer wieder herumpule und den Schorf abkratze. Ich weiß nicht, ob der Vergleich stimmt. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, was in einer Partnerschaft für mich wichtig ist. Und ein ganzes Teil der Aspekte, die es sind, hat „er“. Vor allem nun, da er nicht mehr trinkt und seit fast zwei Jahren trocken ist. Nur will er, seit er trocken ist, keine Beziehung mehr haben. Es macht mich fertig, dass er scheinbar die positiven Dinge nicht sieht und sich daran freuen kann. Aber das hat sicherlich mit seinem Weg zu tun und dies zu akzeptieren, ist ein Kraftakt für mich.

    Ich hätte mir einen anderen Weg gewünscht, denn ich habe das Gefühl, dass wir eine ganze Menge zusammen auf die Reihe bekommen könnten. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich nichts alleine bewerkstelligen kann. Mag sein, dass ich mich da zu langsam bewege. @ Kaltblut: Seit der Grundschule, wo ich im 100-Meter-Lauf zu langsam war, hat mir das niemand mehr gesagt!!! Und das ist fast über 40 Jahre her!!! Ich denke aber, dass diese Zeit für mich erforderlich ist. Ich möchte mich, weiß Gott, nicht quälen, jedoch muss ich für mich auch herausfinden, warum Dinge passieren, wie sie passiert sind. Ich denke nicht, dass mir nichts Neues mehr begegnen kann, möchte mich aber davor bewahren, wieder in gleiche Bahnen zu kommen.

    Sehnsüchte, Wünsche, wie ich Beziehung leben möchte, wurden womöglich schon vor sehr, sehr langer Zeit manifestiert. Wie soll ich sie schnell und ohne schmerzliche Rückfälle ignorieren und vorwärts gehen können? Ich weiß inzwischen, wo die Ursachen liegen und will überhaupt nichts beschönigen von dem, was bei der ganzen Geschichte auf meine Kappe geht. Und der Wille, vorwärts zu gehen, ist schon sehr präsent bei mir. Nur zu gern hätte ich diese Entwicklung zusammen mit ihm durchlaufen, denn er ist mir wichtig. Wenn ich das Gefühl habe, dass dies der Mann ist, mit dem ich leben möchte und kann, und er von der ganzen Geschichte nichts mehr wissen will, dann ist das einfach erst einmal ein Loch, das mich bodenlos fallen lässt.

    Und da suche ich für mich die Grenze. Wo kann ich hoffen? Wie lange will ich hoffen? Und besteht überhaupt die Aussicht, dass er nach seiner Selbstfindungsphase unsere Gemeinsamkeiten als genauso bereichernd empfindet wie ich? Ich habe mich längst selber auf den Weg gemacht. Jedoch habe ich eben für mich festgestellt, dass der Kopf und der Bauch nicht immer die gleiche Sprache sprechen.

    Er hat sich mir, zu verschiedensten Zeiten, in seinen unterschiedlichen Facetten gezeigt. Und er ist einfach so, wie ich mir den Mann vorstelle, mit dem ich leben möchte. Selbst in Anbetracht der Tatsache, dass da ein ständiges Risiko vorhanden ist. Für ihn scheint das nicht so zu sein. Die Akzeptanz dieser Tatsache ist es, die mich sehr viel Kraft kostet. Aber ich bin sicher, dass ich das hinbekomme. Schließlich habe ich in meinem halben Jahrhundert Leben schon eine ganze Menge hinbekommen. Aber noch nie, so habe ich den Eindruck, war etwas so anstrengend und hat mich so viel Energie gekostet.

    Ach ja – werden Motorradhelme eigentlich schlecht, wenn sie eine Weile im Keller liegen? Ansonsten stünd´ ich für einen Wheely oder Kurven und Kehren, in denen ich mich der Schwerkraft hingeben kann, gern zur Verfügung. Als Sozia mir den Wind um die Nase wehen zu lassen, dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Früher, vor Jahrhunderten, wie es mir vorkommt, musste mich ein Ehemann durch die Landschaft biken, wenn ich Kopfschmerzen hatte, weil der Wind sie mir weggeweht hat. Feijoada allerdings scheint, wenn ich mir das Rezept dazu durchlese, nicht so ganz mein Fall zu sein. Ich stehe nicht auf Schweineextremitäten in der Suppe.

    Diese Woche, ich glaube am Mittwoch, gab es einen Bericht im Fernsehen über Kinder und Jugendliche, die sich hemmungslos betrinken. Die sich auf Flatrate-Parties und Schützenfesten, auf Feten oder einfach nur so abfüllen bis sie nicht mehr stehen können und damit ihr Leben aufs Spiel setzen und einer Abhängigkeit so richtig fruchtbaren Boden bereiten.

    Mich hat dieser Bericht sehr erschreckt. Mir macht dieser Trend, dass immer mehr junge Menschen immer früher damit anfangen, sich auf dieses Teufelszeug einzulassen, geradezu Angst.

    Nach meinem Gefühl müssten sämtliche Selbsthilfeorganisationen hier Alarm schlagen und Präsenz zeigen, um aufzuklären. Irgendwie habe ich das Empfinden, alle gucken zu und sagen: ach wie schlimm! Und keiner tut etwas. Politiker reden schlau daher, aber wirklich etwas unternommen scheint nicht zu werden. Die Altersgrenze für den Erwerb von Alkohol ist meines Erachtens Augenwischerei, da nichts leichter ist, als sie zu unterlaufen.

    Machtlosigkeit und auch Wut empfinde ich darüber, dass überall darüber berichtet und Betroffenheit formuliert wird, aber scheinbar keine Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Wir alle hier wissen, was der Alkohol verwirken kann. Wie seht ihr die ganze Geschichte? Was meint ihr, wie man diesem unseligen Trend entgegensteuern kann?

    Ette

    Ich wünsche ebenfalls allen einen gute Morgen!

    Speedy, ja, wir sollten umdenken, was die Erziehung von Kindern hinsichtlich Rollenverhalten betrifft, keine Frage. Jedoch sind die Menschen, die als Abhängige und Co-Abhängige hier so schreiben, zumeist nach Jahren schon recht erwachsen. Und wenn ich mich zum Beispiel selbst betrachte, sehe ich ganz klar Erziehungsmuster, die mich auf eine Co-Abhängigkeit quasi vorbereitet haben.

    Was die Co-Abhängigkeit von Männern und ihren Umgang damit betrifft, denke ich, dass es verschiedene Faktoren gibt, warum sie hier nicht unbedingt schreiben. Ich habe ziemlich viel Pragmatismus und Lösungsorientiertheit bei Männern feststellen können, während wir Frauen doch eher unseren Gefühlen Raum geben. Wir möchten, dass Beziehungen funktionieren und fühlen uns dafür zuständig, für dieses Funktionieren zu sorgen. Das hält uns vielleicht länger in Beziehungen als es für uns gut ist. Währenddessen Männer vielleicht einfach schneller die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens akzeptieren und somit schneller das „Problem“ für sich lösen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, jedoch denke ich schon, das es geschlechtsspezifisches Verhalten und den Umgang mit Problemen gibt. Von daher bin ich nicht sehr verwundert, dass hier so wenige co-abhängige Männer schreiben.

    Aber wir können eben nur vermuten, warum es so ist. Klarheit bekämen wir nur, wenn sich mehr Männer äußern würden. Vielleicht kann sich ja doch noch der ein oder andere, der womöglich hier mitliest, überwinden, von sich und seinem Umgang mit einer abhängigen Partnerin zu schreiben

    Liebe Grüße

    Ette

    Ich danke dir, Spedi, für die liebe Rückmeldung. Die tat mir heute gut, denn ich hatte einen Tag, aus dem man gut hätte zwei machen können.

    Es ist nur leider erst der erste Schritt, zu begreifen, wie Co-Abhängigkeit funktioniert. Das Umsetzen ist weitaus anstrengender. Aber da geht es uns Co´s nicht anders als euch. Schließlich seid ihr auch nicht trocken, sobald ihr nichts mehr trinkt.

    Liebe Grüße

    Ette

    ...und dem Kaltblut wünsche ich eine weniger arbeitsreiche Nacht :D

    Immerdrauf, vielleicht ist dein Mann noch nicht so weit, dass er gesund werden möchte. Er sucht Gründe, die außerhalb von ihm liegen, die ihn seiner Meinung nach am gesund werden hindern. Wenn er selbst nicht den Willen hat, trocken zu werden, dann kann er von Klinik zu Klinik wandern, ohne dass ihm jemand helfen kann. Zufällig weiß ich, dass es in NRW durchaus Einrichtungen gibt, wo die "Sucht im Kopf" behandelt wird. Was jeder daraus macht, der in einer therapeutischen Einrichtung war, liegt an ihm selbst. Er muss es wollen. Erst dann wird er auch in der Lage sein, professionelle Hilfe anzunehmen und das, was ihm gegen die "Sucht im Kopf" beigebracht wird, auch umzusetzen.

    Klaro hat recht. Das Einzige, was du tun kannst ist, dich um dich selbst und dein Wohlergehen zu kümmern. Es gibt auch Selbsthilfegruppen für Angehörige, in denen du Hilfe und Unterstützung finden kannst. Mach dich selbst auf den Weg dein eigenes Leben zu leben und lass dich nicht durch sein Alkoholleben leben.

    Liebe Grüße

    Ette

    Mann, Mann, Mann - gut, dass es hier keine Kameras gibt! Wer so wenig schläft wie du, muss ja Augenringe wie Klobrillen haben! *gg* Mich hat Morpeus gestern abend schon um neun entführt. Ansonsten hätte ich mir wirklich ernste Gedanken über meine quasi senile Bettflucht heute morgen gemacht.

    Nun aber ab in den Tag!

    LG
    Ette

    Jungs werden einfach anders erzogen als Mädchen. Mädchen sind die braven, die sorgen und sich kümmern. Die selbstlos die Beziehungen zu pflegen haben und in der entsprechenden Konstellation einfach bis zur Selbstaufgabe für andere da sind. Jungs wird von Anfang an erzählt „wehr dich!“ und somit, denke ich, wehren sie sich auch dagegen, in co-abhängige Strukturen zu rutschen. Folglich ist die Zahl derer, die sich hier vielleicht outen könnten, wohl entsprechend geringer.

    Anderseits müssen sie halt immer die tollen, die starken sein. Auch ganz schön anstrengend, finde ich. Vielleicht macht dieses Bild, das Männern oft anerzogen wird, dass mehr von ihnen in die Abhängigkeit geraten als in die Co-Abhängigkeit.

    Guten Morgen Kaltblut,

    ich musste schmunzeln, als ich heute morgen las, dass du dir Sorgen wegen meines traurigen Stöhnens machst, das nicht weggehen will. Im Grunde bin ich nämlich alles andere als ein trauriger Mensch. Aber ich denke, dass ich jedes Recht dazu habe, traurig zu sein und diese Trauer auch ihre Zeit dauert. Freue dich wenn es dir nicht so geht. Ich versuche schon seit einiger Zeit, die Tage zu nehmen, wie sie kommen. Über die fröhlichen freue ich mich und die traurigen lasse ich zu. Wenn ich meine Trauer übertünche mit hektischen Aktivitäten, tue ich mir keinen Gefallen, habe ich gemerkt. Zu Anfang habe ich dagegen angekämpft, wollte fast mit Gewalt nicht zulassen, dass sie mich im Griff hat.

    Auch bei dir hab ich manchmal den Eindruck, dass du kämpfst. Um deine Frau, um euere Beziehung, darum, gut über die Tage zu kommen. Das kenne ich gut. Ich habe mich die erste Zeit „danach“ dauernd verabredet, war ständig auf der Flucht vor den schlechten Gefühlen, hab mich in Aktivitäten gestürzt, fast bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Es hat nichts genützt. In ruhigen Momenten war alles wieder da. Nun gehe ich es halt anders an.

    Genau wie du, bin ich der Meinung, dass es vorwärts geht und "es" irgendwann vorbei ist. Ich kann eine ganze Menge auf die Reihe bekommen und überstehen. Ich habe aber das Empfinden, wenn ich meine negativen Gefühle, auch die der Trauer, nicht zulasse, dann bleiben sie umso länger, nur eben versteckt. Und wenn ich sie jetzt, wo sie präsent sind, geschehen lassen, denke ich, dass sie mich irgendwann in Ruhe lassen und nicht mehr unverhofft auftauchen. Du nennst es Ohnmacht, was dich überfällt, wenn du bestimmte Kleinigkeiten siehst. Ich nenne es Trauer. Vielleicht, weil ich auch über die Ohnmacht traurig bin und zusehen muss, wie etwas, das ich für wunderschön halte, einfach nicht passieren kann. Akzeptanz kann nicht nur über den Kopf geschehen. Es dauert nur im Fühlen, so habe ich gelernt, etwas länger, bis sie sich manifestiert.

    Und auch die Co-Abhängigkeit ist nicht einfach weg, nur weil der oder die Andere nicht mehr trinkt oder nicht mehr da ist. Auch wenn ich mir radikal bestimmte Dinge verbiete, sind sie erst nur im Kopf, die Verbote. Das Empfinden, das anders leben, anders mit bestimmten Dingen umgehen, das dauert einfach seine Zeit. Schließlich hat es auch Jahre und Jahrzehnte gedauert, bis ich co-abhängige Strukturen entwickelt habe. Wie sollen sie dann so schnell wieder weg sein, nur weil ich mir mit dem Verstand sage, dass es keinen Sinn macht?

    Ich wünsche dir einen zufriedenen Tag.

    Ette

    Kaltblut, es ist, wie es ist. Und wir werden einfach lange daran zu knabbern haben, an dem was passiert ist und an dem was passieren wird. Sicherlich hast du nun Zeit für dich und deinen Weg nach vorne. Diese Zeit kann aber genauso quälend und belastend sein, wie es die nasse Zeit war. Mein Kopf sagt mir immer wieder, ich solle etwas für mich tun, Freude haben, das Leben genießen. Ganz so leicht habe ich es nicht empfunden, aus dem Co-Karussell auszubrechen.

    Aber ich kann gut nachfühlen, dass es schmerzt, wenn der Abschied so verläuft, wie er bei dir verlaufen ist. Sieh es ihr nach, sei nicht zornig auf sie. Ich denke, sie kann nicht anders und sie wird auch nach der Therapie womöglich nicht gleich so können, wie ihr es euch vielleicht wünschen würdet. Ich habe es damals versäumt, voll der Hoffnung wie ich war, mich auf die Zeit danach einzustellen. Es ist auch dann noch an dir selbst, zufrieden zu sein. Der Alkohol wirkt lange. Nicht mehr benebelnd, sicher. Aber die Persönlichkeit hat sich durch das Trinken verändert und sie wird sich nach der Therapie verändern. Und das womöglich ganz anders, als du es dir vorstellst oder erhoffst.

    Ich glaube, dass Alkoholabhängigkeit sehr tief in die Psyche eines Menschen eingreift. Wir vergessen dies nur zu leicht, denn wenn „unser“ Alkoholiker nicht mehr trinkt, wirkt er ja wieder vollkommen „normal“. Aber ich denke, dass es in der Regel noch eine ganze Zeit dauern wird, bis ein Mensch wieder soweit sein kann, zusammen mit einem anderen Menschen zu leben, auch wenn er ihn noch so gerne hat.

    Mir fällt es schwer, diese Euphorie zu entwickeln, die Stoffel vermittelt. Erst habe ich es sicherlich als erleichternd empfunden, als mein Freund nicht mehr trank. Es kam und kommt dann aber noch ganz schön viel hinterher. Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich mich fühle, wie zu der Zeit als er trank. Dass ich zweifle, ob bestimmte Verhaltensweisen von mir nur ein Helfen sind oder ein Zeichen von wieder erwachtem Co-Verhalten, ob ich ihn vermisse, weil ich ihn liebe oder weil ich ihn brauche. Ziehe ich meine Grenzen auf eine gesunde Art und Weise oder bin ich übervorsichtig oder zu verständnisvoll? Das Lernen, zu spüren, was ich selbst will, ist etwas, was nicht damit erledigt ist, dass der oder die Andere nicht mehr trinkt. Es ist eine recht mühselige Angelegenheit und Rückfälle sind genauso vorprogrammiert und gehören zu unserem gesund werden dazu, wie bei den Menschen, die getrunken haben.

    Kraft brauchen wir und Unterstützung und den Mut, die Realität als solche anzunehmen, egal, wie sie aussieht.

    Liebe Grüße

    Ette

    Kaltblut, ich habe in der Realität die Erfahrung gemacht, dass es co-abhängige Männer scheinbar nicht gibt. Jedenfalls treten sie nicht in Erscheinung. Ich gehe in eine gemischte Selbsthilfegruppe. Angehörige und Betroffene. Es gibt sowohl betroffene Männer also auch Frauen dort. Der Teil der Angehörigen setzt sich jedoch ausschließlich aus Frauen zusammen. Vielleicht ist es nicht männlich, sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen oder zuzugeben, dass man Probleme hat?

    Vielleicht ziehen aber Männer, die in Beziehung mit abhängigen Frauen leben, auch eher die Reißleine. Gehen ihren eigenen Weg, bevor sie sich emotional aufreiben. Ich kann die Gründe nur vermuten. Aber auffällig finde ich es jedoch schon und es macht mich nachdenklich.

    Liebe Grüße

    Ette

    Guten Morgen Susan,

    die Geschichte, dass ein Streit vom Zaun gebrochen wird, damit es einen Grund gibt zu trinken, die kenne ich auch. Und genauso kenne ich auch dein Gefühl des Hin- und Hergerissenseins. Wir lieben diesen Menschen schließlich. Und er trinkt nicht immer oder hat nicht immer getrunken. Wie alle Menschen, haben sie auch ihre liebenswerten und liebevollen Seiten. Nur halt leider werden diese immer wieder „ertränkt“.

    Mit dem Lügen, glaube ich, ist das eine ganz besondere Geschichte. Auf der einen Seite ganz bewusst, um Dinge zu verbergen, zu beschönigen. Und auf der anderen Seite, so habe ich es empfunden, eine Art Selbstschutz. Manchmal dachte ich, mein Ex hat selber geglaubt, was er über seine angebliche Trockenheit erzählt hat. So nach dem Motto, wenn ich es oft genug erzähle, wird es wahr. Ich glaube, das gehört einfach dazu, zu dieser Krankheit. Ich konnte erst damit umgehen, nachdem mir bewusst wurde, dass Lügen zu Alkoholabhängigkeit gehört wie eine laufende Nase zum Schnupfen. Es ist ein Symptom dieser Krankheit.

    Ich habe viel über meine Co-Abhängikeit gelesen und versucht zu lernen. Ich glaube, das was uns am schwersten belastet, ist das ewige Hoffen darauf, dass er oder sie sich ändert aus Liebe zu uns. Oder dass wir ihn oder sie mit unserer Liebe retten können. Lieben nützt gar nichts. Im Gegenteil. Aber genau das ist die Krux für uns Angehörige. Entgegen all unseren Erziehungsmustern können wir hier eben nicht mit umsorgen, kümmern und lieben etwas bewegen. Der oder die Abhängige muss sich selbst bewegen wollen. Wir können nur uns bewegen und verändern. Und das ist schließlich schwer genug. Dazu brauchen wir unsere ganze Energie. Jedenfalls ist es mir so ergangen und ergeht es mir noch.

    Liebe Grüße
    Ette

    Nein, Kaltblut, so einfach ist es leider nicht! Rotz und Wasser brauchen ganz schön lange, bis sie weniger werden und weniger weh tun. Immer und immer wieder kommt der Schmerz. Erzähl mir nix! Immer wieder kommen Tage, an denen es kaum auszuhalten ist! Der Wille, unser Wille, dass es uns gut gehen soll, ist es, der uns davor bewahrt, in der Trauer, der Melancholie zu versinken. Aber ich empfinde es nach wie vor als schweineschwer, mich aufrecht zu halten. Mit ihm leben will ich, so wie du mit ihr. Aber es ist nicht einfach so zu bewerkstelligen. Auch ohne Alk ist nicht auf einmal alles in Ordnung. Er hat seine Spuren hinterlassen, auch wenn er nicht mehr jeden Tag allgegenwärtig ist.

    Ich kämpfe immer noch. Nicht mehr gegen den Alk sondern dagegen, was er hinterlassen hat. Und ICH habe verloren und stehe vor den Resten von etwas, von dem ich dachte, es dauert ein Leben lang. Der Kopf begreift manche Dinge, aber die Gefühle kommen nicht schnell genug hinterher. Ich bin zu langsam im Fühlen, im Begreifen, im Leben. Vielleicht dauert es auch ein Leben lang, bis ich es begreifen kann.

    Es berührt mich immer wieder tief, wenn ich lese, was du schreibst. Mein Erleben nach „seiner“ LZT, es hat mich gelehrt, dass es danach nicht vorbei ist. Ich wünsche dir, dass du bessere Erfahrungen machst und rate dir, die Hoffnung klein zu halten. Die Hoffnung, die mich immer aufrecht gehalten hat, macht es mir nun schwer, denn ich muss sie loslassen. Machtlos stehe ich dem gegenüber, was sich mir entgegenstellt. Und dabei dachte ich, den Gipfel der Machtlosigkeit hätte ich bereits in "nassen" Zeiten erlebt.

    Kaltblut, ich kann gut nachfühlen, was in dir vorgeht, kenne ähnliche Situationen und das Gefühl, dass es mein eigenes Herz zerreißt, weil ich die Liebe nicht loslassen kann. Denn schließlich gab und gibt es trotz alle dem immer wieder Moment, in denen ich "ihn" nur zu sehen brauche und ich mir nichts mehr wünsche, als dass wir alles auf die Reihe bekommen könnten. Aber ich sehe mich als Einzelkämpferin. Für ihn scheint alles keine Bedeutung mehr zu haben, was Gemeinsamkeit betrifft.

    Warte ab, wie es nach der Therapie aussieht. Vielleicht hast du dann mehr Glück als ich es hatte. Ich wünsche es dir von Herzen.

    Hallo Bea,

    diese Ambivalenz kenne ich nur zu gut. Wie jeder Mensch, hat dein Freund sicherlich auch seine guten Seiten. Schließlich hast du ihn irgendwann kennen gelernt und bist deshalb mit ihm zusammen gekommen. Und dann ist da das Trinken, bzw. im Moment wohl eher die Angst davor, dass er es wieder tut. Auch das kenne ich nur gut. Durch die Tage zu gehen mit Antennen als wolltest du den Weltraum erforschen. Es bleibt keine eigenes Leben übrig. Alles dreht sich um ihn. Freizeitgestaltung zusammen und alle Gedanken haben mit dem Umgang mit ihm zu tun. Wie ich das kenne!

    Als ich auf dem „Sprung“ war, habe ich angefangen, mir ein eigenes Netzwerk aufzubauen. Nicht viele Leute, aber welche, mit denen ich über meine Problematik sprechen konnte und mit denen ich etwas unternehmen konnte. Ganz ohne ihn. Ich glaube, auch für deinen Freund wäre es wichtig, dass er Sachen alleine, ohne dich, unternimmt. Denn so scheint es mir, dass er dich hätschelt und bewacht, damit sein „Nest“ nicht verloren geht. Die Stärke, ohne dieses Nest klarzukommen, ist aber wichtig. Für dich und genauso für ihn.

    Hör in dich hineine, achte auf das, was dir gut tut und habe keine Scheu, auszusprechen, was dir nicht passt. Der Hass, den du fühlst – ich kann mich erinnern, dass mein Hass aus einer Art Machtlosigkeit kam. Ich sah genau, was er hätte tun müssen und sah ebenso, dass er es nicht tat. Die AA´s sagen, dass man sich die Machtlosigkeit eingestehen muss. Als Abhängiger genauso wie als Angehöriger. Du kannst nicht dafür sorgen, dass er anders mit dir umgeht. Du kannst aber anders mit dir und der Situation umgehen.

    Ich hatte manchmal das Gefühl, dass mein Freund mein Suchtmittel ist. Es gab Tage, da musste ich mich zwingen, keinen Kontakt mit ihm aufzunehmen, obwohl ich dachte vor Liebe und Sehnsucht zerreißt es mir das Herz. Wie eine Art Saufdruck, so kam mir dieses Bedürfnis vor. Heute weiß ich, dass ein großer Teil davon kam, dass ich einfach nur eine ganz besch..... Angst davor hatte, alleine zu sein.

    Was den Willen zum Trocken sein betrifft – den hatte mein Freund damals auch. Der Wille alleine hat bei ihm nicht ausgereicht. Das Loch, das der fehlende Alkohol hinterlässt, sinnvoll ausfüllen, ist glaub ich, das Geheimnis. So wie du es beschreibst, bist du und das Zusammensein mit dir im Moment der einzige „Ersatz“ für die Trinkerei. Kein Wunder also, dass er panisch reagiert, wenn du deinen eigenen Weg gehen möchtest. Auch er muss für sich neue Wege gehen, sich ein Hobby aussuchen, mit anderen Menschen etwas unternehmen, ein eigenes Leben aufbauen. Aber das kannst du nicht für ihn tun. Ich habs damals auch probiert und es ist kläglich gescheitert.

    Den Hass habe ich irgendwann loslassen können. Denn schließlich kann ich niemanden dafür hassen, dass er krank ist. Und das Weglassen des Suchtmittels hat noch keine Heilung zur Folge. Auch das Weglassen meines „Suchtmittels“ hat mich nicht gesund gemacht. Durch tränenreich Nächte und Tage bin ich irgendwann dahin gekommen, mit dem Ganzen besser umgehen zu können. Mich selber in den Fokus genommen, dann konnte ich ihn sein lassen, wie er ist. Und er hat sich dann selber auf den Weg gemacht. Ohne mich – aber wir nähern uns wieder. Jeder von uns hat sein eigenes Leben und an manchen Stellen berühren sie sich. Aber es ist ein langer, schmerzhafter Prozess.

    Kaltblut, es geht nicht darum, auf Altlasten neue Beziehungen aufzubauen. Ganz im Gegenteil. Meine Altlasten, und zwar die ziemlich weit zurückliegenden, haben mich immer dazu gebracht, mir „schwache“ Männer zu suchen. Meine Co-Abhängigkeit steht im kausalen Zusammenhang zu meiner eigenen Geschichte. Wenn ich also meine Defizite, sprich mangelndes Selbstwertgefühl, nicht erkenne, werde ich immer wieder in eine Beziehung mit ähnlichen Mustern geraten. Folglich muss ich an dem, was die Gründe dafür sind, arbeiten.

    Ursachen für Sucht ist meines Erachtens immer zu großen Teilen auch in unseren Wurzeln zu suchen. In der Sucht suchen wir etwas, an dem es uns mangelt. Egal welcher Art unsere Abhängigkeit ist.

    Sicherlich kann ich nicht alles wieder gut machen, was früher mit mir falsch gelaufen ist. Aber wichtig für mein weiteres Leben ist es schon, mich damit auseinander zu setzen. Und ich will, weiß Gott, nicht meine Altlasten in eine neue Beziehung schleppen. Wobei ich nicht glaube, dass dies so einfach ist. Schließlich hat mich eine Beziehung mit einem alkoholkranken Mann auch geprägt. Die Narben, die ich davon mitgenommen habe, machen sich immer wieder bemerkbar.

    Sicherlich nützt es nichts, über die Vergangenheit zu lamentieren. Vorwärts schauen ist wichtig. Da habt ihr recht. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, zu gucken, warum ich in die Co-Abhängigkeit gerutscht bin. Wenn ich mir nicht klar darüber bin, warum ich mich darauf eingelassen habe, laufe ich ja Gefahr, bei nächster Gelegenheit ähnliche Strukturen an den Tag zu legen und in die gleiche Situation zu kommen. Schließlich gibt es genug Frauen, die immer wieder mit Alkoholikern eine Beziehung eingehen, obwohl sie nach EINER solchen Beziehung doch klüger sein müssten.

    Ich meine schon, dass es eine Ursache hat, die vielleicht sehr früh gelegt wurde, wenn ich mich auf eine mich selbstausbeutende Beziehung einlasse. Wenn ich diese Ursache erforscht habe, habe ich auch die Möglichkeit, etwas zu verändern, um in Zukunft anders mit Beziehungen umgehen zu können.

    Gruß
    Ette

    Hallo Bea,

    ich kenne das Gefühl, hin- und hergerissen zu sein zwischen dem, was ich sah und dem, was mir als Wahrheit wortreich präsentiert wurde. Ich wollte so gern glauben und habe es immer wieder getan. Ich habe so lange geglaubt, bis die Polizei bei einer Verkehrskontrolle Alkohol im Blut meines Freundes feststellte. Damals habe ich mir geschworen, dass ich mich auf MEINE Eindrücke und MEIN Empfinden verlassen werde. Und daran halte ich mich seither.

    Letztendlich ist es auch egal, ob er trinkt oder nicht. Ich konnte es damals nicht ändern und du kannst es heute bei deinem Freund auch nicht. Ganz allein wichtig ist, wie du dich dabei fühlst. Genau wie du, kenne ich dieses Gefühl, dass es endlich ruhig und „normal“ werden sollte, mein Leben. Ich habe es nur ruhiger bekommen, in dem ich nicht mehr mit ihm zusammen bin. Jetzt bestimmen nicht mehr die Gedanken daran, ob er wohl getrunken hat oder nicht mein Leben. Ich mache mir Gedanken darüber, was ich unternehmen möchte, was in meiner Wohnung zu ändern ist oder auch, wie ich über die Runden komme.

    Ich treffe ihn nach wie vor noch. Er wohnt im gleichen Ort wie ich und wir unternehmen Etliches zusammen, so wie Freunde es tun. Klarkommen mit seinem Alltag muss er jedoch in erster Linie alleine und ich auch. Ich habe für mich festgestellt, dass es mir gut tut. Er ist immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens, aber er bestimmt es nicht mehr. Nach unserer Trennung verstehen wir uns besser als vorher, habe ich das Gefühl. Ich glaube, wir brauchten beide den Break, um jeder für sich an sich zu arbeiten. Er, dass er von der Flasche lässt und ich, damit ich lerne, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich alleine lebe. Ich glaube, ich wollte ihn „retten“ und habe ihn in den Mittelpunkt gestellt, damit ich mich mit mir selbst und meinen Mankos nicht auseinander setzen muss.

    Es ist ein Teufelskreis, immer wieder zu glauben und etwas anderes zu fühlen. Ich habe gelernt, auf meine Empfindungen zu hören und ihnen zu vertrauen. Auch wenn ich manchmal gerne etwas anderes geglaubt hätte. Abhängigkeit ist nicht mit dem Verstand zu begreifen, weder seine noch meine oder deine eigene. Ich selbst habe sehr lange gebraucht, um meine eigene Rolle in diesem Spiel zu sehen, anzunehmen und sie zu verändern. Das heißt nicht, dass ich mich immer nur toll fühle und nicht auch meine Rückfälle habe, aber sie werden seltener und mein Leben hat sich deutlich beruhigt, seitdem ich mein eigenes Rückzugsrefugium habe.

    Einen schönen Pfingstmontag wünsche ich dir.
    Ette