SEINE Nähe ist mir immer noch wichtig. Und es ist sehr, sehr schwer für mich, dass ER nicht mehr mit mir leben mag. Er möchte nur mit mir befreundet sein. Ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, alleine klar zu kommen und vielleicht so genug Stärke zu entwickeln, irgendwann nicht mehr voller Sehnsucht an ihn zu denken. Und irgendwann werde ich auch stark genug sein, eine Entscheidung zu treffen nach dem Motto: ganz oder gar nicht.
Ich habe das Gefühl, dass ER mich immer noch „in Besitz“ hat, trotzdem er von mir als Frau nichts wissen will. Vielleicht ist es seine eigene Angst oder Unfähigkeit, Beziehung zu leben, die ihn in Distanz gehen lässt. Aber genauso, wie ich ihn nicht vor dem Saufen bewahren konnte, kann ich ihm nicht beibringen, wie man herzlich und liebevoll miteinander leben kann. Also wieder einmal loslassen... Und es ist wie verhext, jeden anderen Mann vergleiche ich mit ihm. Und ich finde immer etwas, bei dem ER besser abschneidet.
Mein Blick ist auch sehr, sehr kritisch geworden. Haut, Augen, Geruch, wie Menschen trinken, wie „echt“ ich sie empfinde, dauernd finde ich Hinweise, Kleinigkeiten manchmal, die mir das Gefühl geben, dass in meinem Gegenüber ein ähnliches Problem versteckt ist, wie in dem Mann, mit dem ich zusammen war. Gebranntes Kind? Oder sehe ich nur Negatives, um mich nicht umorientieren zu müssen?
Co-Abhängigkeit ist nicht vorbei, wenn der Mensch, der getrunken hat, nicht mehr trinkt oder geht. Sie ist in uns, in mir und ich wünsche mir nichts mehr als diese Unbeschwertheit zurück, die ich vor ihm hatte, die mich voller Zuversicht hat leben lassen und die mir im Zusammenleben mit ihm abhanden gekommen ist. Ich weiß, dass ich stark genug bin, alleine zu leben. Trotzdem habe ich immer das Empfinden von Mangel. Für mich ist ein Leben zu zweit einfach schöner. Reden, lachen, spüren, zusammen etwas unternehmen, sich einfach nach einem schweren Tag aneinander kuscheln oder sich nach getrennt verbrachter Zeit auf einander freuen. Es fehlt mir.
Für mich ist Partnerschaft ein ständiges Projekt. Ich bin der Meinung, man kann lange miteinander glücklich sein, wenn man es nur in Angriff nimmt und die Beziehung nicht aus den Augen verliert. Dabei habe ich gerade bei IHM das Gefühl, dass es immer nur nach IHM geht. Ich habe nicht das Empfinden, dass es ihm etwas bedeutet, miteinander klarzukommen. Vielleicht muss das sein, damit er trocken bleiben kann. Es ist nur schrecklich anstrengend, Hoffnung und Zuneigung loszulassen. Noch schwerer, finde ich, als loszulassen, weil er trinkt.
Wenn ich hier lese, dass es Betroffene gibt, die froh darüber sind, dass ihre Partner und Partnerinnen sie nicht endgültig verlassen haben, könnte ich weinen, weil ich genau die gegenteilige Erfahrung machen muss.
Ette