Guten Morgen Hartmut,
diesen deinen Thread finde ich sehr interessant. Wenn ich mich mit diesem Thema nämlich richtig auseinandersetze, habe ich plötzlich überhaupt keinen Grund mehr, mich über das Verhalten „meines Alkis“ auszulassen. Mein ganz eigenes Verhalten und Empfinden rücken in den Mittelpunkt. Aber genau das ist es, was vielen Co´s noch fehlt. Auch nach einer räumlichen Trennung bleibt die emotionale Bindung in hohem Maße bestehen. Die Aussagen „tu etwas für dich“ und „bleib bei dir“ mutieren zu leeren Floskeln, wenn ihnen keine Taten folgen. Du hast recht, sie sind dann nicht mehr als eine Art Stammtischparolen nur ohne Alkohol.
Die, die mir zu Anfang diese „Parolen“ immer wieder herunterbeteten, waren der Meinung, nicht mehr co-abhängig zu sein, weil ihr Partner nicht mehr trinkt oder sie sich von ihm getrennt hatten. Pustekuchen!
Ich habe für mich festgestellt, dass dann die Arbeit erst anfängt. Nämlich die Arbeit an MIR! An meinem Verhalten, meinem Selbstbewusstsein.
Lange ausgehalten habe ich in meiner Suchtbeziehung nicht. Nicht verheiratet, keine gemeinsamen Kinder, keine gemeinsamen Schulden – so waren einige „Begründungen“ eines Ausharrens gar nicht erst gegeben. Trotzdem konnte ich meine Androhung, mich zu trennen, wenn „er“ wieder trinkt, nicht gleich in die Tat umsetzen. Im Laufe von vier Jahren ließ ich mich immer wieder „belatschern“ weil ich es ganz einfach wollte. Ich wollte der Welt beweisen, dass wir beide es schaffen. Für bestätigtes Trinken hatte ich immer eine gute Erklärung parat und wenn ich nur das Gefühl hatte, dass er trank, glaubte ich ihm gern, wenn er mir das Gegenteil erzählte. Er war Spiegeltrinker und nie so zugeknallt, dass es offensichtlich war. Eine Fahne ist bei Wodka relativ gering und wurde mit Heringssalat oder Zwiebeln und Knoblauch überdeckt. Und ich glaubte ihm gern – und eine ganze Weile.
Hätte ich ihm nicht mehr geglaubt, hätte ich schließlich etwas verändern müssen. Meine Drohung wahrmachen. Und das hätte geheißen, mich allein durchs Leben zu schlagen. Eine Vorstellung, die mir zu dieser Zeit Angst machte. Aus verschiedenen Gründen. Angefangen mit so ganz pragmatischen Überlegungen, wer denn dann die kleinen Reparaturen im Haushalt machte bis hin zu der Tatsache, dass womöglich meine Umwelt sagen könnte, wir haben es ja gleich gewusst.
Aber eines Tages war es eben doch genug. Er hatte sich, um in Ruhe trinken zu können, in eine andere Wohnung in einer anderen Stadt zurück gezogen. Das fand ich aber erst durch die Polizei heraus, die ich bei seinem Verschwinden alarmiert hatte, da schon mehrfach Suiziddrohungen und auch –versuche stattgefunden hatten. Da war für mich dann der Punkt erreicht, an dem ich handelte. Umzugskartons organisierte und seinen ganzen Kram einpackte, seine Möbel zerlegte und alles in den Keller schaffte, damit er es irgendwann abholen konnte.
Trotzdem konnte ich die erste Zeit nur mit Beruhigungsmitteln überstehen. Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. An manchen Tagen dachte ich, ich könnte nie wieder aufhören zu weinen. In mir war ein Gefühl von Verlust und Sehnen, das, so sehe ich es im nachhinein, dem Craving eines Alkis sicherlich nicht unähnlich war. Ich hatte das Empfinden, dass ich dieses Gefühl alleine nicht mehr in Schach halten konnte und ging zum Arzt. Natürlich auch in meine reale SHG, in der ich dann die o. g. „Stammtischparolen“ zu hören bekam.
Inzwischen habe ich für mich diese „Parolen“ mit Leben gefüllt. Und das ist eine Arbeit, die mich womöglich mein Leben lang begleiten wird. Im Laufe einer eigenen Therapie habe ich nämlich festgestellt, dass das, was ich mit „meinem Alki“ erlebt und gelebt habe, nur die Potenzierung einer bereits lange vor seiner Zeit vorhandenen Konditionierung war. Ich habe schon mein Leben lang besser für andere als für mich gesorgt, mir Bestätigung über Leistung und der dadurch entstehenden positiven Rückmeldung meines Umfeldes gesucht. Und ich wusste immer, was für jeden das Richtige war, nur für mich wusste ich das nicht. Wie denn auch? Schließlich verwandte ich meine ganze Energie darauf, auf andere zu schauen, für andere zu sorgen, für andere zu denken – kurz Verantwortung für alles mögliche zu übernehmen. Nur dann hatte ich das Gefühl, wichtig und anerkannt zu sein, „Etwas“ dar zu stellen .In der Therapie habe ich gelernt, mich auf mich selbst zu beschränken und auch dann zu mögen, wenn mich keiner mag, wenn ich nichts leiste, wenn ich mein Leben „entschleunige“ und nur einfach „bin“.
Ich lebe inzwischen mehr als 4 Jahren alleine und kann es genießen. Eine Tatsache, die ich mir ein paar Jahre vorher nicht hätte vorstellen können. Jahre, in denen mich immer einmal wieder die Depression heimsucht, in denen ich mich immer wieder einmal totsterbenstraurig fühle, weil meine Leben anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Und – anders als es uns die Medien und die Gesellschaft immer wieder erzählen wollen. Ich bin nicht unvollständig, weil ich alleine lebe. Ich bin nicht weniger wert, weil ich mich nicht mehr vor jeden Karren spannen lasse und ich bin auch dann liebenswert, wenn ich mir die Freiheit nehme, nicht zu „funktionieren“. Jedenfalls für mich und das macht mich souveräner. Und seltsamerweise nimmt mich meine Umwelt dadurch ernster als zu der Zeit als ich mich immer Liebkind machen wollte.
So gesehen war mein Zusammenleben mit „meinem Alki“ trotz all des Negativen, das ich erlebte, auch etwas Gutes. Ansonsten wäre ich nie auf die Idee gekommen, an meiner eigenen Entwicklung zu arbeiten. Zu sehr war ich ja mit Anderen beschäftigt.
LG
Ette