Beiträge von Sleepless72

    Hallo Caro,

    warum nur erleben wir Kinder - wo wir doch offenbar gewollt waren - einen Psychoterror! Meine Mutter war früher eine so starke Persönlichkeit, sie stand über allem, war selbstsicher, war liebevoll, konnte anpacken wie ein Kerl, schuften wie ein Ackergaul. Und heute? Heute ist sie nur am jammern, sie hat den grössten Haushalt, die meiste Wäsche, die schlimmsten Krankheiten. Ganz grausam.

    Wenn es mir nciht gut geht, weil ich beispielsweise krank bin, dann erzählt sie mir nur, wie schlimm ihre Knochen weh tun. Sie sagt dann zwar schon, dass sie mir helfen kommen mag. Aber das will ich gar nicht. Ich will sie gar nicht so viel um mich haben und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass wenn sie dann hier ist, dann jammert sie nur darüber, dass sie jetzt ihre viele Hausarbeit hat liegen lassen müssen. Sehr nett!

    Na ja, ich könnte hier seitenweise nur berichten und schreiben und berichten und schreiben, so viele Dinge sind geschehen.

    Aber ich fühl mich auch irgendwie befreit, jetzt wo ich hier bin. Wenn du sagst, dass ich deine Geschichte erzähle, weisst du ja genau was ich fühle oder empfinde wenn es um Mama geht und was ich fühle und empfinde wenn es um die betrunkene Frau geht. Denn so sehe ich diesen Menschen. Es sind eigentlich zwei Menschen. Damit komme ich dann ganz gut klar.

    LG Tanja

    Hallo Caro,

    danke für deine Worte, ich hab Gänsehaut bekommen und mir sind auch die Tränen in die Augen geschossen. Irgendwie fühl ich mich gerade wie zu Hause angekommen.

    Meine Therapeutin war für mich schon mehr Mama als meine eigene. Alkohol ist echt ein böses Zeug. Ich muss oft aufpassen, dass ich nicht alle anderen, die mal ein Bier trinken oder auch mal ein Glas Wein, mit meiner Mama vergleiche und Streit provoziere.

    Es ist irgendwie seltsam, dass es überall so gleich ist. Ich kenne kaum jemanden, der keinen Alkoholiker in der Familie hat. Aber ich bin die Einzige, bei der es die Mutter ist. Ansonsten ist es der Vater, der Großvater, der Onkel, aber nie die Mutter.

    Meine Therapie hat mich weit gebracht und ich mich selbst auch. Mein Mann steht zu mir und hält zu mir und meine Kinder sind einfach zuckersüss. Ich werde meinen strikten Weg gehen, auch wenn er schwer ist. Am schlimmsten ist es, wenn sie es immer abstreitet. Wenn ich vor ihr stehe, sie eine Fahne hat, mir gar nicht in die Augen sehen kann, weil sie so betrunken ist und dann behauptet, sie hätte nix getrunken, sie hätte eine Schmerztablette genommen. Da könnte ich platzen. Und ich war schon oft so weit, dass ich ihr gerne eine Ohrfeige gegeben hätte. Ich habe den Respekt vor meiner Mutter komplett verloren. Ich habe Seiten an ihr gesehen, die ich nie sehen wollte. Sie hat mich aus ihrer Wohnung geworfen, hat mich übelst beschimpft, nur weil ich ihre Flaschen ausgeleert habe. Es war ganz ganz schlimm und damals eine ganz schlimme Phase für mich. Dorthin will ich niemals mehr zurück.

    Ich habe ihr klare Ansage gemacht, bei mir gibts nix zu trinken und sie soll mich a uch nie wieder fragen, ob ich Wein oder sonstwas für sie habe. Sie hatte nämlich die Angewohnheit auf Omas Geburtstag o.ä. heimlich zu trinken (die Flasche war in der Handtasche oder sonstwo versteckt) und mich dann zu beleidigen, vor versammelter Familie. Als ich hochschwanger war plärrte sie laut, dass ich einen fetten A... bekommen hätte und mein Bauch so extrem fett sei. Das hat mir sooo weh getan. Ich konnte drei Wochen lang nicht mit ihr reden. Zumal das nicht das erste mal war. Ansonsten erzählt sie überall, wir hätten nix im Kühlschrank usw. Einfach grausam. Boah, beim schreiben hier kommt grade wieder eine Wut hoch....*koch!

    Na ja, jedenfalls komme ich mittlerweile besser damit klar. WEnn wir zu ihr fahren, weil ich es einfach nicht schaffe, den Kontakt ganz zu brechen und sie hat getrunken (was heutzutage ja nimmer täglich vorkommt), dann gehen wir sofort wieder. Wie geschrieben, mein Mann steht da voll und ganz hinter mir. Aber ich sage ihr auch, warum wir gehen. Dann gibts Schreierei, jedenfalls von ihr und wir gehen wortlos. Früher wäre ich dann in Tränen ausgebrochen, heute gehen wir nur. Es frisst schon an mir, aber lange nicht mehr so schlimm. Denn erstens mag ich vor den Kindern nicht wegen Omas Trinkerei weinen und zweitens investiere ich meine Kraft lieber in meine eigene Familie.

    Ich bin froh, dass ich mich auch hier geöffnet habe. Ich danke euch schonmal jetzt fürs "zuhören" :)

    LG Tanja

    Hallo,

    ich bin schon lange hier im Forum angemeldet, schreibe aber jetzt zum ersten Mal. Ich bin 36 Jahre alt und meine Mama ist Alkoholikerin. Leider jedoch streitet sie den Konsum immer ab. Ich habe vor mehr als zwei Jahren starke Depressionen bekommen, hatte echt schlimme Selbstmordgedanken. Wir hatten damals grossen Streit mit meinen Schwiegereltern, mein Mann und ich haben kurz vorher geheiratet und wir wohnten auch bei den Schwiegereltern in einem für uns gekauften Haus in Miete. Also keine leichte Situation. Ich bin jedoch selbst zum Arzt gegangen, habe Antidepressiva genommen und habe eine Psychotherapie gemacht. Im Laufe der Therapie hat sich dann der Alkoholkonsum von Mama herauskristallisiert. Irgendwie bei einem Sprung in die Vergangenheit ist mir klar geworden, dass der Alkohol in unserer Familie schon immer eine grosse Rolle spielte. Egal welche Fotos ich von früher anschaue, es stehen immer Bier und Schnaps aufm Tisch. Erschreckend! Wenn ich meine Periode hatte und mich vor Krämpfen kaum halten konnte, bekam ich von meiner Mutter Cognac. Der half tatsächlich, aber die Lösung ist es nicht. Ich war ja noch minderjährig.

    Na ja jedenfalls habe ich durch meine Therapie herausgefunden, dass meine Mama grösstenteils an meinen Depressionen Schuld ist, bzw. nicht sie, sondern ihre Trinkerei. Bevor ich die Therapie begonn trank sie tagtäglich und zwar nur Schnaps. Sie war oft benommen und auch teilweise bewusstlos, denn zum Schnaps gesellten sich dann noch Schmerz- oder Schlafmittel in Mamas Magen. Ich hatte mich damals von meinem Ex getrennt und musste leider 3 Wochen bei meinen Eltern wohnen. Diese 3 Wochen waren die Hölle. Ich wurde nicht nur direkt mit der Trinkerei konfrontiert, sondern ich erlebte auch den "bösen Suff" meiner Mutter. Ich habe auch bei ihr sauber gemacht, denn dazu war sie nicht mehr in der Lage. Ich kann euch gar nicht sagen, wo überall ich die Flaschen gefunden habe. Es war grausam. Irgendwann fasste ich den Entschluss mich meinem Vater anzuvertrauen bzw. ihn mal darauf anzusprechen. Er bestätigte alles und war froh, dass er auch mal jemandem zum reden hatte, denn für uns war das alles nach aussen hin total peinlich. So sprachen wir natürlich auch die Mama darauf an, mal im nüchternen, mal im besoffenen Zustand. Wobei wir nie genau wussten wann sie denn nüchtern ist. Sie stritt alles ab, wurde frech und gemein und total beleidigend. Wir sprachen auch ihren Arzt an. Der stritt das jedoch auch alles ab. Der schickte sie zu einem Neurologen, der ihr dann sehr starke Tabletten verschrieb. Mit diesen Tabletten wurde aber alles nur noch schlimmer. Na ja, so ging es dann eine ganze Zeit lang. Irgendwann ging es dann vom täglichen Konsum in den Quartalskonsum über, sofern man das wirklich so bezeichnen kann. Denn sie trinkt nimmer regelmässig, sondern zu gewissen Zeiten. Wenn gerade irgendwas passiert ist, wenn es einem von uns (ihren Töchtern) schlecht geht oder wenn sie gerade total depressiv ist. Und leider immer dann, wenn wir sie gebraucht hätten, war sie besoffen.

    Mittlerweile halte ich mich immer mehr auf Distanz. Ich habe ihr offen gesagt, dass ich mit ihr nix zu tun haben will, wenn sie getrunken hat und dass ich sie als Mutter vermisse. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich ihr nicht helfen kann, weil sie keine Hilfe will und dass auf ihrem Grabstein steht, dass sie sich totgesoffen hat. Ich habe mittlerweile 2 süsse Jungs, nicht mal für die kann sie da sein. Mein Vater hat resigniert, der nimmt sie hin, so wie sie ist. Er lässt sie (so sagt er) ihre zwei Gläser Wein trinken, wenn sie mal essen gehen und ansonsten gibt es Schreierei, wenn sie getrunken hat, wenn er nicht da war. Er traut sich nicht, sie fallen zu lassen, auch wenn wir ihn schon oft dazu ermutigen wollten. Aber na ja, jedenfalls geht es mir so wie oben beschrieben und das ist nur ein klitzekleiner Bruchteil von dem, was alles geschehen ist.

    Jedenfalls denke ich, dass das jeder, der trinkende Eltern hat, fast genau so erlebt oder erlebt hat und ich hoffe, dass wir uns hier gegenseitig ein bisschen unterstützen können.


    LG Tanja