Im Herbst überschlugen sich die Ereignisse zwar nicht, aber ich hatte so eine Art persönlichen Erntedank.
Die vielen Gespräche, die ich in den letzten Monaten geführt hatte, mein bewusstes Wahrnehmen, meine Fähigkeit, zuzuhören und meine Gedanken und Vorstellungen klar zu äußern… …all das trug jetzt Früchte.
Ich bekam den von mir gewünschten Arbeitsplatz in der Firma und konnte dadurch meinen Tag und vor allem meine Freizeit ganz anders, nämlich strukturiert, gestalten. Die neue Tätigkeit war mit der vorhergehenden nicht zu vergleichen. Vorbei die Enge, in der ich mich den ganzen Tag bewegte UND: Schluss mit den zahlreichen Überstunden und der Wochenendarbeit. Geregelte Arbeitszeiten!
Wie sehr diese Änderung mein Leben beeinflusste (und damit auch mein “trocken bleiben”) fiel mir recht bald beim Schreiben meines Tagebuches auf. Die Gewichtung Arbeit/Freizeit hatte sich massiv verschoben. Waren früher drei Viertel meines geschriebenen Tages mit “Arbeit” gefüllt, waren jetzt 25 geschriebene Prozent von "Freizeit" umzingelt.
Wobei ich betonen möchte, dass mir meine neue Tätigkeit sehr viel Freude macht. Sie ist ganz anders als die alte, und doch so ähnlich: Ich habe viel mit Menschen zu tun (als Dienstleister) und kann somit mein gMb (für Neuleser: gesteigertes Mitteilungsbedürfnis) voll ausleben.
Natürlich galt es auch, mich durchzusetzen. Es gab in der Anfangszeit viele Situationen, die ich früher nur mit trinken kompensiert hätte. Jetzt stand ich zu meiner Meinung, auch wenn es zu ein paar “ernsten” Gesprächen führte.
Ich wurde nicht kontrolliert, doch ich bemerkte schon, dass wenige mich mit einem gewissen Misstrauen beobachteten. Mir war´s ehrlich egal, ich versuchte meinen Weg gerade zu gehen. Machte ich Fehler, dann stand ich dazu. Keine Ausflüchte, keine Beschönigungen: “Ja, so war´s” und die Luft war raus!
Beflügelt von dieser Entwicklung machte ich jetzt auch Dampf auf der anderen Baustelle. Die Wohnungsfrage musste vom Tisch. Genauer: Eine andere Unterkunft gefunden werden. Ich ließ meine Kontakte spielen und binnen einer Woche hatte ich Erfolg. Keine Luxusherberge, aber preiswert, in der richtigen Größe und in ruhiger Lage. Leider musste ich nach kurzer Zeit feststellen, dass in diesem Haus ein nasser Alkoholiker wohnt. Kontakt gibt es aber nur über die übliche Grußfloskel, und das auch recht selten.
So bin ich also noch einmal ein “Neunmonatskind” geworden. Solange war es nämlich her, dass ich aus der Käseglocke entlassen war.
Ein Großteil meiner Therapieziele für die Zeit danach war erfüllt.
Aber gleichzeitig war ich ja auch in der Zeit davor: Im Laufe der Wochen hatte sich mit kommaline eine rege Email- Korrespondenz und bald auch Telefonkonferenzen (gMb) entwickelt. Wir haben uns schließlich verabredet und ich hatte mir gut überlegt, wo wir uns treffen könnten. Es sollte natürlich ein Ort sein, wo ich mich auskannte, möglichst zwischen unseren beiden Wohnorten gelegen (wegen der Fahrerei) und unverfänglich. Ich wählte den Park, wo ich in den letzten Monaten so oft gewesen war.
Wir trafen uns an einem Sonntagmorgen und ich hatte den Eindruck, dass sie recht unglücklich war. Dabei bleib es aber erst einmal, denn anschließend habe ich nicht mehr viel von ihr gesehen. In meiner ganzen Aufgeregtheit bin ich wohl wie ein Langstreckler losgelaufen, sodass sie mich erst bei einer Tasse Kaffee (ihr Vorschlag) wieder einholen konnte. DAS fand ich toll. Vorher hatte ich immer neidisch auf die Leute geschaut, die gemeinsam auf der Terrasse an den Tischen saßen. JETZT saß ich auch hier- falsch: WIR! 
Ein tolles Gefühl.
Wir wiederholten an den nächsten Wochenenden unsere Treffen an verschiedenen Orten, was dazu führte, dass ich auch wieder mehr unterwegs war. Und es tat unheimlich gut, die Zeit zweisam zu verbringen. Zumal sich herausstellte, dass wir auch gemeinsame Interessen haben. U.a. den Wald. Mir war klar, dass ich ihr von meiner Krankheit erzählen wollte. Aber nicht am Telefon! Ich wollte sie nicht belügen, indem ich etwas verschweige- warum auch?
Nächstes Wochenende bei mir, so war die Verabredung und dann wollte ich “es” ihr sagen.
Hätte ich doch nur gewusst, wie sie reagiert… 


Eine Woche- ich war ganz schön nervös...
...unterwegs