MORGEN IST DER 19. MAI
Ich musste dahin, ich wollte noch mal DA hin.
Da, wo alles begann und wo ich die Wartezeit auf meine Therapie überbrückt hatte: In die Klinik.
Vor genau einem Jahr: Entgiftung
Es war Samstag, vormittags so gegen zehn Uhr, als ich auf dem Gelände ankam. Alles war mir noch so vertraut, als wäre ich erst gestern hier weggefahren. Mich hat´s nicht gewundert, schließlich habe ich hier vier entscheidende Monate meines Lebens zugebracht. Inklusive einer tragischen Liaison, die mich damals zwar ein paar Wochen emotional sehr belastet hatte, letztendlich für meinen weiteren “Werdegang” eine anständige Lehre war.
Mit etwas mulmigem Gefühl betrat ich die Entgiftungsstation. Würde ich “alte Bekannte” aus meiner Zeit wieder sehen? Kopfkino aus und rein. Nein, es waren zwar keine Bekannten unter den Patienten, die dort saßen, aber den Ausdruck in ihren Gesichter, den kannte ich von früher: Angst, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, ein wenig Neugier (“ein Neuer?“)…
Die Spuren jahrelangen Alkoholkonsums.
Das anwesende Pflegepersonal war mir ebenfalls unbekannt, sodass ich nach einem kurzen Gespräch die Station wieder verließ.
Schließlich musste ich ja doch noch dem Ruf einer hier begonnenen Liebe folgen. Und ich hörte ihn rufen: Den Wald! Wie viele Stunden hatte ich hier verbracht? Immer größere Kreise gezogen, die Nähe zur Natur wiederentdeckt, mit dem Fotografieren begonnen… Mich eingelaufen für die Therapie.
Auch hier hatte Kyrill seine Spuren hinterlassen. Abgeknickte und umgestürzte Bäume, die Aufräumarbeiten noch lange nicht beendet. Wie anderswo.
Und während ich so um einen entwurzelten Baum herumkletterte und dabei an meinem Fotoapparat herumnestelte, geschah es: Ich rutschte aus und hatte mit meinem Unterboden einen recht abrupten Bodenkontakt. Und da der Waldboden, insbesondere wenn er nass ist, besonders Oberbekleidung anzieht, sah ich entsprechend aus.
Ich erreichte unbemerkt mein Auto und setzte mich hinein. Aber irgendwie hatte die Schwerkraft bei meiner plötzlichen Richtungsänderung ein paar Rädchen in meinem Kopf animiert, sich wieder zu drehen.
Ich fuhr nach Hause, zog mich um und wollte mir einen ruhigen Nachmittag machen. Vielleicht ein bisschen mit dem Fahrrad fahren, Besuche, fernsehen, lesen…
Aber mein Abflug im Wald ging mir nicht aus dem Kopf. IRGENDWAS hatte das zu bedeuten. Meine Gedanken rotierten. Bis ich auf die Lösung kam. Ich war jetzt gut ein Vierteljahr aus der Therapie zurück. Was hatte ich in dieser Zeit verändert? Was hatte ich unternommen, außer nicht getrunken zu haben?
Gut, die Arbeitszeiten hatten sich zum Positiven geändert, das war aber eher eine Folge des Vertretungsplanes, weniger mein Verdienst. Ich war zweimal in “meinem” Wald gewesen. Einmal, um mir die Folgen von “Kyrill” anzusehen und zum Zweiten, um mich von den letzten drei Mitgliedern “meiner Gruppe” zu verabschieden. Die Nachsorge besuchte ich regelmäßig und gerne, ich war wieder mehr unterwegs, auch regelmäßig in meinem Park. Ich hatte Kurse belegt und manchmal auch besucht, aber im Grunde genommen bin ich nüchtern in meiner Vergangenheit rumgerannt und keinen entscheidenden Schritt weitergekommen.
ICH WAR IMMER NOCH ALLEIN.
Und in meinem Hinterkopf hörte ich die Stimme meines Therapeuten: “Warum denn nicht?!”
Ich ging ins Internet, suchte mir in einem Vergleich den vermeintlich seriösesten Anbieter heraus und meldete mich bei einer freundlichen “Kontaktbörse” an.
Und ich glaube, da ging es mir wie so manchem und mancher hier im Vorstellungsbereich (bitte entschuldigt den Vergleich): Was schreib ich dahin???
Ich habe es oft geändert.
Heute war ich übrigens wieder DA. Ich musste wieder mal dahin. Ich war noch nicht ganz auf dem Parkplatz, da wusste ich, warum. Es war Sommerfest- und ich war alleine da. Ich habe nur eine kurze Runde gedreht und bin wieder gefahren.
Kommaline habe ich schmerzhaft vermisst. Mir wurde bewusst, was ich an ihr habe. Aber spätestens Montag haben wir uns wieder und sind weiter gemeinsam
unterwegs…