Hallo zusammen!
So, die Staubinspektion hat wie erwartet einen ¾ Hund im Inneren meines Rechners zu Tage gebracht, welcher von mir fachmännisch mit Druckluft und Staubsauger daraus entfernt wurde. Man glaubt kaum, was sich da so in ein paar Monaten alles sammelt
!
Na ja, ich wollte noch mal einige Gedanken zum Thema Kapitulation loswerden und an den Individualitätsthread von Spedi anschliessen. Dabei mag ich von vorn herein noch einmal kurz meinen Eindruck schildern, dass sich der sprachliche Austausch unter trockenen Alkoholikern offenbar nicht immer eines allgemein verständlichen (und somit für den Otto-Normal-Menschen auch nachvollziehbaren) Ausdruckes bedient.
Ein Beispiel:
Der seit langen Jahren trocken lebende Alkoholiker sagt zum frisch Entgifteten: Du musst vor dem Alkohol kapitulieren, sonst holt er Dich eines Tages wieder ein!
Prima! Viele Betroffene werden jetzt sagen: Jupp, das is genau so!, aber viele, viele andere Menschen, die nämlich ohne Alkoholabhängigkeit durch ihr Leben wandern, werden sich denken: Watt dat denn für’n Blödsinn!
So, nun bin ich in der schönen Situation, mich selbst als Alkoholiker zu definieren, aber die spezielle Semantik unserer Gemeinschaft vielleicht noch nicht vollends begriffen zu haben (nennt mich ruhig dumm, ich steh dazu
!).
Also versuche ich mal mein eigenes Kapitulationsverständnis hier kurz zu umreißen und hoffe, dass sich vielleicht der ein oder andere Gedanke dazu in meinen Thread verirrt.
Beginnen möchte ich mal mit der klassischen Kapitulation. Diese findet man primär in kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen die unterlegene Partei zwecks Verlustminimierung die Kampfhandlungen einstellt und sich dem Diktat des Gegners unterwirft. Diesen Vorgang könnte man jetzt weiter differenzieren, aber im Grunde genommen bleiben wir immer bei einem militärischen Akt und befinden uns nicht in der Kneipe nebenan. Auch meine immer weiter verblassenden Erinnerungen an Bierflaschen und –Kästen beinhalten keine kleine Panzerbrigaden oder Infanterieeinheiten, die mit erbarmungsloser Kampfeslust über mich hergefallen sind! Alkohol ist dumm, war dumm und bleibt dumm. Ein Molekül ist nicht in der Lage, kriegerische Handlungen zu vollführen und wird es auch niemals sein!
Aber was bedeutet denn Kapitulation dann im Bezug auf Alkohol? Für mich steht in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sich mein Trinkverhalten zu einem selbstverstärkenden Prozess entwickelt hat, den ich nicht mehr kontrollieren kann. Ich trinke, weil es mir schlecht geht und mir geht es schlecht, weil ich getrunken habe, na da trinke ich doch lieber noch mal einen …
Die einfache Lösung: Prozessabbruch durch Trinkstopp. Klingt gut, aber offensichtlich handelt es sich dabei um keine besonders erfolgreiche Strategie, wie ich so oft zu lesen und zu hören bekomme. Warum ist das so? Warum reicht dieses Ich trinke jetzt nicht mehr nicht aus, um erfolgreich und anhaltende Abstinenz zu etablieren? Hier kommt sicher zum Tragen, dass dieser selbstverstärkende Prozess des abhängigen Trinkens nicht schwupp-di-pupp aufgetaucht ist, sondern ein mehr oder weniger langer Weg war, an dessen Anfang die Wirkung des Alkohols noch als positiv empfunden wurde. Ich kann von mir jedenfalls sagen, dass es so war – das Rauscherleben empfand ich positiv, denn sonst hätte ich ja nicht immer wieder zur Flasche gegriffen. Es mag sein, dass ich damit ein wenig weit theoretisiere, aber ich glaube, dieses positive Erleben der ersten Zeit ist das, was die Abhängigkeit und vor allem die Dauerhaftigkeit derselben ausmacht: Tief unten und fest eingebrannt in meinem Hirn sitzt diese Information, die ich weder durch Willen noch durch ein Neuronalradiergummi aus dem Spezialversand wieder löschen kann.
Nun, wie komme ich da wieder heraus? Die Zeiten, in denen ich mich ganz entspannt und voller Freude auf meinen kleinen Rausch am Wochenende noch gefreut habe, die sind doch längst vergangen! Die Realität zeigt mir doch schon seit Jahren, dass mir mein Trinken um ein vielfaches mehr schadet, als dass es mir Spaß bereitet. Warum will ich als Abhängiger so lange Zeit nicht wahrhaben, dass ich mir mit meinem Verhalten der treueste Totengräber bin?
Mein Stichwort an dieser Stelle ist: Reizüberflutung! Ob in der Werbung, im Biergarten, der Kneipe an der Ecke, im Zappelschuppen (für die jüngeren von uns), oder bei Tante Kunigundes Geburtstag: Überall können wir Menschen sehen, die auf uns den Eindruck machen, als hätten sie Spaß am Konsum alkoholischer Getränke. Und sicher haben manche sogar ihr ganzes Freizeitverhalten so ausgerichtet, dass sie andere Aktivitäten überhaupt nicht mehr gesehen haben, sondern nur noch trinkende Menschen.
Ich glaube also, dass aus dieser nicht mehr zu löschenden und tief im Unterbewussten positiv bewerteten Rauscherfahrung der ersten Jahre (wir können es auch Suchtgedächtnis nennen
) und der Wirkung von gut gelaunten Menschen, die Alkohol trinken, die größte Gefahr besteht, sich gedanklich wieder in die Nähe des Alkohol zu bewegen und irgendwann wieder mit einem Trinkwunsch da zu sitzen :?.
Was bedeutet die Kapitulation jetzt für mich?
Für mich bedeutet das, dass ich zunächst einmal anerkenne, dass ich diese Prägung meines Gehirns nie wieder löschen kann, und dass sich dieser Teil in meinem Hirn IMMER wieder melden wird, wenn ich mich in trinkende Gesellschaft begebe. So gesehen bedeutet Kapitulation für mich, dass ich mich Reizsituationen, die für andere Menschen unbedenklich erscheinen, zu meiner eigenen Sicherheit nicht mehr aussetzen werde, weil ich ein alkoholfreies Leben leben möchte, und das auch ganz gerne ohne die störende Intervention meines Suchtgedächtnisses. (Die Fragestellung, ob das Suchtgedächtnis eines jeden einzelnen jetzt exakt immer auf die gleichen Reize in der gleichen Weise reagiert, also schon wie ein Computerprogramm algorithmische Züge trägt, ist dann wieder eine ganz andere ...)
Hmmm, das ist meine von Dämonen und Goblins befreite Sicht auf meine Abhängigkeit und den Grundlagen, damit alkoholfrei in Frieden leben zu können. Keine Ahnung, ob das passt, oder totaler Unfug ist?
Liebe Grüße
J.