Hallo zusammen,
jetzt mag ich mal meine Gedanken zum Thema Suchtgedächtnis in den Raum werfen und wäre natürlich dankbar zu erfahren, ob sich die mit Euren Meinungen decken, oder ob ich mich da eher auf einem Holzweg befinde.
Grundsätzlich finde ich es zunächst wichtig, zwischen Suchtgedächtnis und Suchtdruck zu unterscheiden. Unter dem Suchtgedächtnis verstehe ich -jetzt mal ganz grob gesagt- die gesammelten Erinnerungen an mein Trinkverhalten, unter Suchtdruck hingegen das aus diesen Erinnerungen resultierende Verlangen, mir wieder etwas ‚gönnen’ zu wollen. Ich habe jetzt mal ganz bewusst das Wort ‚gönnen’ verwendet, weil die Erinnerungen an den Alkohol im Suchtgedächtnis, die dieses Verlangen wecken, grundsätzlich von positiver Natur sind.
Das wäre dann auch schon meine erste These zum Thema: Der Alkohol und seine Wirkung sind im Suchtgedächtnis prinzipiell positiv assoziiert! Kein ‚Kater’, keine kaputte Beziehung und auch kein Krampfanfall haben je den Weg in das Suchtgedächtnis hinein geschafft, um diesen speziellen Erinnerungen ihren Glanz zu nehmen.
Aber warum ist das so?
Am Anfang einer Trinkerkarriere ist das wohl noch ganz einleuchtend: Ich denke wohl, dass so gut wie jeder erwachsene Mensch hierzulande bereits Alkohol konsumiert hat. Für die meisten ist der Schwipps oder auch der Rausch in irgendeiner Form ein positives Erleben und dieses ‚Positive’ wird dann auch schnell als Erinnerung gespeichert. Aus dieser Erinnerung resultiert die Bereitschaft, bei ähnlichen Anlässen erneut zum Glas zu greifen. Wir sind hier noch ganz am Anfang und weit entfernt von der Sucht, aber die ersten Einträge im Suchtgedächtnis werden bereits hier gemacht.
Nun kann es aber auch passieren, dass man sich ein Glas zuviel gegönnt hat und am Ende mit einem Kater zusammen leidvoll den nächsten Morgen verleben muss.
Kommen solche Erlebnisse denn auch in das Suchtgedächtnis?
Ich denke nicht und bringt mich auch zu meiner zweiten These zum Thema: Unser Hirn ist dümmer als der Intellekt, den es selbst produziert! Wir mögen mit unserem Verstand zwar erfassen, dass Schmerz und Übel eines Katers die Folge eines übermäßigen Alkoholkonsums sind, eine direkte Verknüpfung mit dem am Vortag entstandenen Trinkverhalten gelingt jedoch nicht mehr. Zu der Zeit, als man sich die Basis für den Kater geschaffen hat, hat man getrunken und dadurch ein Wohlgefühl erlangt. Dieses Wohlgefühl war dann offensichtlich so groß, dass es zu weiterer Alkoholaufnahme animiert hat. Genau dieser Prozess wird im Suchtgedächtnis gespeichert, jedoch nicht das Leiden am folgenden Tag. Wie oft habe ich im Alter von 16 oder 17 Jahren an einem ‚dunklen’ Sonntagmittag die Worte ‚Nie wieder!’ gedacht und selbige bereits am nächsten Wochenende wieder vergessen.
Wir sind hier aber immer noch weit vom süchtigen Trinken entfernt. Wie sich das jetzt genau entwickelt, ist sicher sehr individuell – zumindest vom Standpunkt der eigenen Wahrnehmung aus betrachtet. Ich glaube jedoch, dass sich das Ego irgendwann einmal über die Informationen im Suchtgedächtnis hermacht und analysiert, ob der ein oder andere ‚Effekt’ nicht vielleicht im Alltag ganz gut zu gebrauchen sein könnte. Dabei spielt es auch gar keine Rolle, an welchem Punkt man den Alkohol als ‚gewinnbringende Medikation’ einsetzen möchte: Einsamkeit, Ängste, Kummer … egal! Wenn die positive Wahrnehmung alkoholischer Wirkung hilfreich erscheint, dann beginnt man damit, die eigenen Trinkregeln immer weiter zu unterwandern und so landet man dann letztlich in der Sucht. Aber auch hier gilt, dass man im Trinken immer einen positiven Gewinn sieht, den man auch im Suchtgedächtnis ordentlich hinterlegt. Hier fehlt mir dann zwar die eigene Erfahrung, aber ich spekuliere jetzt einfach einmal, dass selbst im fortgeschrittenen Stadium mit zwanghaftem Konsum immer noch positive Elemente im Rausch vorhanden sind. Wenn es nur der Verhinderung eines Krampfanfalles dient, dann ist es doch schon etwas Gutes.
Und das bringt mich jetzt auf meine finale These zum Thema: Das Suchtgedächtnis lügt nicht! Wenn sich ein Alkoholiker über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg der positiven Assoziationen des Suchtgedächtnisses bedient hat, dann erscheint es doch auch völlig logisch, dass bei bestimmten Reizlagen die Erinnerung an die lang gehegten Kompensationsstrategien immer wieder auf ein Neues aktiviert werden.
Das hat jetzt allerdings noch nichts mit Suchtdruck zu tun! Der entsteht erst eine hunderttausendstel Sekunde später, wenn die Erinnerung im Bewusstsein wach wird und wir nun die Wahl treffen müssen, ob wir auf neuen Pfaden wandern, oder doch wieder in die altbekannten Gewohnheiten zurückfallen wollen. Neue Pfade zu entdecken, ihren Liebreiz zu erkennen und die immer wieder aufkommende Wahl immer selbstverständlicher zu gestalten, das nennt man dann wohl Trockenheitsarbeit
.
OK, das war jetzt lang und sicher auch noch etwas wirr, aber ich hoffe trotzdem, dass Ihr damit etwas anfangen könnt.
Liebe Grüße
J.