Hallo zusammen,
der Geburtstag meiner Partnerin ist vorüber und ich mag nun gerne berichten, wie der Abend gelaufen ist und welche Emotionen mich dabei überkommen haben.
Zunächst möchte ich aber eines vorweg schicken: Mich selbst an einem solchen Abend mit alkoholkonsumierenden Menschen auseinanderzusetzen hat nichts mit einer falsch eingeschätzten Belastungsfähigkeit zu tun. Frei nach dem Motto "Das macht mir doch nichts aus!". Auch unbedachter Leichtsinn hat mich nicht dazu getrieben: Alles was ich vor, während und nach der Veranstaltung an Gefühlen wahrgenommen habe, habe ich versucht, so bewusst wie möglich wahrzunehmen.
Der Hintergrund für dieses Experiment (wenn man es denn so nennen mag) war die für mich notwendige Definition von Distanz, die im Bezug auf eine erfolgreiche Trockenheit gegenüber dem Alkohol bewahrt werden sollte. Nun ist das mit der möglichen Distanz so eine Sache: Ich kann niemandem verbieten, Alkohol zu trinken. Auch kann ich der Industrie nicht verbieten, für ihre alkoholischen Produkte Werbung zu schalten. Insofern werde ich damit leben müssen, dass mich Bier, Wein und Schnaps in einer gewissen Distanz weiter begleiten werden. Nun gilt es herauszufinden, ab welchem Punkt diese Anwesenheit für mich gefährlich wird!
Sicher: Ich könnte versuchen, ein Maximum an Gefahrenreduzierung zu erreichen, indem ich Alles, aber auch wirklich Alles aus meinem Leben verbanne, was mit Alkohol zu tun hat. Nur könnte das leicht obskure Formen annehmen. An einem kleinen Beispiel mag ich das kurz verdeutlichen:
Wenn ich zur Straßenbahn möchte, dann muss ich an einem Kiosk vorbei und einen etwa 4 Meter breiten Weg entlang. Dieser Weg bietet die Möglichkeit zur Rast und diverse Mitmenschen (eigentlich immer die gleichen!) bevölkern auch die Sitzplätze. Das umgebende Grün wird dabei von ihnen liebevoll mit zahlreich aus dem Kiosk herbeigeschafften Bier- und Vodkaflaschen dekoriert. Je nach Windlage ist der Ort auch in eine entsprechende Geruchswolke gehüllt. Nun muss ich aber da durch, also was tun? Natürlich könnte ich mir zwei Dachlatten zurecht sägen, diese schwarz bemalen und beim Durchgang dieser Passage ein Kreuz formend vor mich halten! Dazu könnte ich ein paar mächtige Beschwörungsformeln vor mich hin murmeln und die Gefahrenabwehr dadurch weiter erhöhen. Aber ganz ehrlich: Das hilft mir nicht und auf Dauer steigt damit die Wahrscheinlichkeit, eines Tages mächtig auf die Fresse zu bekommen! So what? Ich werde also lernen müssen, diese Konfrontation mit dem Alkohol unkommentiert ertragen zu müssen!
Vor diesem Hintergrund also nun das kleine Experiment.
Im Vorfeld habe ich natürlich noch einmal die Thematik mit meiner Partnerin durchgesprochen und letztlich wäre sie auch einverstanden gewesen, gar keinen Alkohol anzubieten. Nachdem ich jetzt seit fast drei Monaten alle Gelegenheiten und Personen konsequent gemieden habe, die mich einem Bier oder Ähnlichem hätten näher bringen können, fand ich es aber nun doch an der Zeit, zu erforschen, wie ich auf Alkoholkonsum in meiner Nähe reagiere. Auch dieser Rahmen erschien mir dafür als durchaus geeignet: Zum einen würde sich niemand in der Runde betrinken, zum anderen wissen alle über meine Erkrankung Bescheid (auch wenn nicht alle ein realistisches Bild vom Alkoholismus haben, aber das ist ein anderes Thema!). Also haben wir uns auf folgendes geeinigt: Es gibt kein Bier, aber Sekt für diejenigen, die danach verlangen.
Um den Abend jetzt verkürzt wiederzugeben: Von etwa 20 Gästen haben vier einen Sekt trinken wollen. Unter anderen Umständen wäre die "Ausfallquote" deutlich geringer ausgefallen, zeugt also schon von einem gewissen Respekt gegenüber meiner Krankheit und auch meiner Person (wenn auch nicht von allen!).
Interessanterweise war es gar nicht so sonderlich schwierig, andere beim Trinken zu beobachten: Während die Gäste anwesend waren, hat sich in mir nicht einmal der Ansatz von Verlangen bemerkbar gemacht. Anders war es jedoch im Vorfeld (beim Gläser herausstellen) und besonders nach der Veranstaltung: Die benutzten Gläser suggerierten mir tatsächlich so ein Gefühl von "Hier hat jemand Spaß gehabt!". Unschön! Das hat mich auch dazu veranlasst, alle Spuren des Abends direkt zu beseitigen, nachdem der letzte Gast gegangen war. Dieses leicht mulmige Gefühl wurde dann auch deutlich besser, dennoch erwächst aus dieser Erfahrung die Gewissheit, einen solchen Abend nicht noch einmal zu wiederholen.
Es mag dem ein oder anderen sicher leichtsinnig erscheinen, überhaupt eine solche Aktion zu starten, ich fand es für mich jedoch wichtig und richtig. Ich glaube auch nicht, dass ich blauäugig oder gar überheblich an die Sache gegangen bin. Trotzdem möchte ich nicht dazu auffordern, so etwas nachzuahmen! Ich habe mich sicher genug gefühlt, mich auf's Eis zu wagen. Aber: Ich habe festgestellt, dass es glatt ist, und werde so etwas sicher nicht noch einmal tun.
In diesem Sinne.
Liebe Grüße
J. (der zwar viel liest und auch glaubt, aber doch manchmal ein wenig zu borniert ist, einfach anzunehmen
)