Ich möchte kurz berichten wie es mir in den letzten zwei Wochen ergangen ist.
Was das Projekt "Umziehen" anbetrifft, habe ich jetzt tatsächlich die Initiative ergriffen und bei drei Vermietern angefragt. Von einem habe ich eine Absage bekommen, von zweien steht noch ein Rückruf aus. Allein das Gefühl, dass ich mich "kümmere" ist überwältigend.
Ich merke auch von Tag zu Tag mehr, dass ich hier nicht bleiben kann. Bestandsaufnahme: Meine Familie denkt, ich würde mich nur anstellen und tut einiges, um mich wieder ins sichere Boot des Alkohols zurück zu holen. Meine Mutter meint immerzu "das schaffst du sowieso nicht" und findet meine Anwandlung albern, meine Wasserkästen aus dem Keller mit in meine kleine Wohnung nach oben zu schleppen.
Mein Bruder meint, ich sei hysterisch, es gäb tausende die mehr trinken würden als ich und auch keine Alkis seien (inzwischen zweifele ich derartige Aussagen stark an - was ist noch normal?).
Mein Vater lässt keine Gelegenheit aus mir aufzuzählen was er alles getrunken habe und wie gut es doch geschmeckt habe
. Gehe ich abends runter um irgendwas zu holen ist mir der Kommentar sicher "Möchtest du was trinken? Ich hab drei Bierchen in den Kühlschrank gestellt." Mache ich ihn darauf aufmerksam, entschuldigt er sich - und macht es einen Tag später wieder. Altersdemenz?
Andererseits: Mein Freund hält zu mir. Des weiteren habe ich den Ratschlag des Suchtberaters befolgt und wärme alte Freundschaften wieder auf. Die meisten finden meine Abstinenz super, vor allem weil sie selbst kaum was trinken.
Resümee: Mein Weg wird mich weg von meiner Familie führen in einen neuen Freundeskreis - der gerade im Entstehen begriffen ist.
Ich versuche meinen Tag stärker durchzustrukturieren. Das Ergebnis ist, dass ich mehr geschafft kriege und deshalb zufriedener bin. Schuldgefühle haben dem Saufdruck bisher viel Angriffsfläche geboten, dadurch, dass ich sie reduziere geht es mir viel besser.
Dennoch ist er immer da. Es sind keine Anfälle von Saufdruck - mehr ein Zipen und Zerren an meinen Nerven. Ständigs Flüstern in meinem Kopf.
"So schlimm war es doch gar nicht, andere trinken mehr. Du kannst das. Stell dich nicht so an."
"Ein Radler ist ja gar kein Alkohol. Ein Radler schadet nichts."
"Jetzt kann deine Masche aber mal wieder vorbei sein. Ohne Alkohol ist das Leben doch doof, oder? Wäre doch viel schöner mit Alkohol."
Klar, diese Gedanken kommen von dem "veralkten" Haus in dem ich lebe. Das hatte mir der Suchtberater schon prognostiziert. Ich bin froh, wenn ich hier weg bin.
Noch eine Merkwürdigkeit: Gestern hatte ich das starke Gefühl, mir würde es so gut gehen, weil ich es geschafft habe nur eine Flasche Bier zu trinken
. Ich musste mir immer wieder sagen "Es geht mir so gut, weil ich keinen Alkohol getrunken habe und GAR KEINEN Alk mehr trinke werde und will!" Trotzdem ließ sich das Gefühl nicht abschütteln. In der Nacht hatte ich einen Rückfall-Traum, in dem ich ein großes Glas Wein gekippt habe. Man, war ich froh als ich aufgewacht bin
.
Ich muss echt auf der Hut sein. Jede Minute. Diese Gedanken sind fürchterlich.
Immerhin habe ich ein neues Ziel: Ich habe hier in der Nähe ein suchtmittelfreies Cafe ausfindig gemacht, in dem regelmäßig SHGs offene Infoveranstaltungen abhalten. Mein Ziel ist es, diese Woche dort hin zu gehen. Ich bin sehr gespannt, aber auch ein bisschen ängstlich...
LG
Plejaden