Beiträge von simmie

    hallo,

    nachdem ich ja gestern mehr oder weniger übel drauf war, hat sich das heute gelegt, die schwarze-loch-phase ist kurzfristig vorüber.
    ich habe noch einmal nachgedacht und habe versucht diese liste mit den vorzügen und den nachteilen für meinen partner aufzustellen. ich habe allerdings schnell aufgehört, weil ich gemerkt habe, dass bei den nachteilen und negativen punkten mir insbesondere dinge einfielen, die mit seinem alkoholkonsum in zusammenhang standen.
    ansonsten bin ich, was meine gefühle betrifft, zur zeit eher taub. ich lasse weder geschehene verletzungen noch positive emotionen an mich heran.
    es kommt da wenig an.
    das einzige, was ich wahrnehme ist, dass ein vertrauter mensch im momentan nicht präsent ist.
    bis vor ein oder zwei jahren habe ich den alkoholkonsum auch nicht problematisiert. ich selber habe gerne wein getrunken und war daher tolerant.
    das hat sich jetzt allerdings auch geändert. ich habe meinen konsum zurückgefahren, um einen möglicherweise schleichenden beginn in eine alkoholabhängigkeit zu unterbinden.
    im übrigen ist mir aufgefallen, dass keinen alkohol zu trinken, in meiner familie nicht als erstrebenswertes ziel galt. klingt vielleicht komisch, weil man denkt, wie soll das auch gehen in einer alki-familie. in den auswirkungen heißt das aber, man selbst begreift das leben auch so, als gehöre alkohol dazu und kann sich das anders überhaupt nicht vorstellen.
    ich selbst habe mich auch schon manchmal gefragt, wieso ich eigentlich nicht nichts trinke, bei meiner geschichte.
    kurzum, das heißt, dass ich diesbezüglich bei meinem partner ganz lange sehr blind war.

    grüße
    simmie

    hi,

    das liest sich lang, aber ich kann das rad nicht zurückdrehen. ich verbringe jetzt das zweite wochenende alleine.
    mit dem alleinsein habe ich echte probleme, ich gerate in einen lähmungszustand, fühle mich stark isoliert, verlassen, erschrecke leicht, habe wahrnehmungsstörungen.
    als ich mit meiner schwester telefonierte, hatte ich teilweise mühe ihren sätzen zu folgen und hatte auf einmal panik, dass ich die wörter nicht richtig ausspreche. das hört sich verrückt an.
    diese phänomene kenne ich schon lange und habe sie hingenommen bzw. mich damit weitestgehend arrangiert.
    jedenfalls muss ich das auch irgendwie in den griff bekommen, wenn es mit der loslösung klappen soll.
    grüße
    simmie

    hallo,

    ja in einer nicht so privaten beziehung habe ich es in der tat geschafft. ich habe gesagt, dass ich das so nicht mehr aushalte. das habe ich vorher nie getan, da habe ich mich eher bemüht, auf die situation angepasste verhaltensweisen zu praktizieren oder überspielen und darüberhinwegsehen. angesprochen hatte ich es zwar auch immer schon, aber nie in der form, dass ich gesagt hätte, dass ich darunter leide.
    in zwei anderen situationen ist mir das ebenfalls gelungen, mich herauszuziehen oder zu artikulieren, was mir missfällt.
    dabei hat mir die therapie geholfen. ansonsten hätte ich weiter wie bisher alles brav erduldet, mit innerem grollen zwar, aber mich aus meiner sicht ins unvermeidliche gefügt.
    seit dem tod meiner mutter und seit ich diese therapie mache, merke ich, dass in solchen belastungssituationen, wenn ich mache, was ich eigentlich nicht möchte, bzw. andere mich in anspruch nehmen mit etwas, was ich eigentlich nicht möchte, bei mir diese massive innere wut entsteht.


    zu meinem partner. das sind jetzt 17 jahre. das ist eine lange zeit. wenn mich jemand fragen würde, wie konntest du das aushalten, wo du doch so darunter leidest, was würde ich sagen?
    ich habe es nicht als leiden gesehen oder wahrgenommen. in erster linie habe ich meine eigenen unzulänglichkeiten gesehen, für die ich mich geschämt habe. eine zeitlang war ich psychisch sehr instabil, meine partner hatten immer die funktion, mir sicherheit und halt zu geben. ich war so mehr oder minder ein nichts, wackelig ohne ende. mein selbstwertgefühl war arg im keller. das hat sich, denke ich, auf jeden fall gebessert.
    mit der loslösung: ich weiß nicht, ob ich das schaffe. ich weiß aber, dass ich mich dafür, sehr auf mich konzentrieren muss und es auch ohne hilfe nicht schaffe.

    grüße
    simmie

    hi bambue,

    das ist sicherlich die stärke von alki-kindern, trotz alledem gewisse rollen erfüllen zu können. bei mir läuft auch alles super, so weit persönliche beziehungen nicht berührt sind.
    das ist aber nicht so, dass das nur geschauspielert ist.
    ich erkläre mir das so: schon als kind war ich froh, dass es so etwas wie schule, vereine gab, wo für mich nichts schlimmes passierte.
    ich fühlte mich da aufgehoben und geborgen, hatte schulfreundinnen etc. später bei der arbeit war das für mich ähnlich, strukturierte beziehungen, die mir einen halt gaben. das studium + anonymität waren für mich eher ungünstig.
    der preis dafür ist hoch, ausblendung der gefühle, würde ich sagen.
    sich den eigenen gefühlen zu einem späteren zeitpunkt zu stellen, ist unangenehm bzw. bei mir hatte/habe ich das problem, sie überhaupt ernst zu nehmen.

    grüße
    simmie

    hi,

    ich habe ja schon ein bisschen im bereich der erwachsenen kinder geschrieben. mein zweites problem besteht in meinem partner. ich weiß ja jetzt, dass gerade alki-kinder sich ungute beziehungen, auch alkoholiker, als partner suchen und dann viel zu lange in dieser beziehung verharren.
    mein partner, geselligkeitstrinker, partytyp, schießt sich schon mal gerne ab und wird dann verhaltensauffällig, fällt auf jeden fall in dieses muster.
    hinzu kommen noch einige andere macken, die ich nicht so toll finde, z.B. unzuverlässigkeit.
    ich bin finanziell unabhängig, habe eine eigene wohnung, fahre sogar alleine in den urlaub. allerdings ist er auf emotionaler ebene meine hauptbeziehungsperson.
    im moment fahre ich eine distanzphase, rufe nicht an und nicht zurück. das habe ich in der vergangenheit auch schon getan. daraus haben sich dann aber keine änderungen ergeben. ich möchte, dass das diesmal anders ist.
    bei der arbeit habe ich mich aus einer sechs jahre währenden für mich belastenden bürokonstellation lösen können.
    ich beobachte überrascht, dass ich nun ohne innere wut zur arbeit gehe, was sonst sehr oft der fall gewesen ist.

    hi,

    über meinen schatten springen ist schön ausgedrückt. damit habe ich jetzt quasi nach dem tod meiner mutter angefangen, ich hatte vorher immer das gefühl, dass ich so einfach nicht schlecht über sie reden kann. also ich assoziierte jemanden als alkoholiker bezeichnen = etwas schlechtes über jemanden sagen.
    das darüber hinwegsehen, verleugnen habe ich also auch für mich so gehandhabt und habe dieses bild auch nach außen transportiert, indem ich bei anderen den eindruck erweckte, dass meine eltern ganze normale eltern gewesen sind.
    außerdem vermittele ich nach außen den eindruck, als sei bei mir alles im lot. wenn ich arbeiten gehe, dann klappt das auch, da lasse ich allen müll hinter mir. im privaten bereich habe ich jedoch selbstzweifel, ängste etc.

    grüßle simmie

    hallo,

    vielen dank für die willkommensgrüße.
    ja, ich trage keine schuld daran. trotzdem ist dieses gefühl da, dass ich hätte einfluss nehmen können. vielleicht ein kindergedanke, die sind so, weil ich nicht das richtige tue oder irgendetwas mache ich falsch.

    heute hatte ich wieder ein bezeichnendes erlebnis. es betrifft den punkt des nicht nein sagen könnens. bei der arbeit, es gab ein missverständnis, ich habe daraufhin ein zugeständnis gemacht, bin auf die erwartungen des anderen eingegangen. meine kollegen meinten alle reihum, das sie dies nicht getan hätten. ich jedoch hätte da nie nein sagen können. warum nicht?
    ich kann nur schwer mit der enttäuschung von anderen aufgrund meines verhaltens leben, oder mit dem, was ich als enttäuschung annehme.
    ich möchte andere nicht frustrieren und gehe daher vorschnell auf ihre wünsche ein. dabei habe ich gleichzeitig sehr zwiegespaltene gefühle, weil ich es auch nicht gut finde, dass ich anderen so stark nachgebe und teilweise mitbekomme, dass wiederum andere dieses verhalten nicht nachvollziehen können.

    zweites erlebnis, ich war bei einer freundin, sie kennt meine geschichte. ich hätte eigentlich auch von den neuesten entwicklungen erzählen können. habe ich nicht getan. ich hatte das gefühl, es hätte nicht gepasst, irgendwie hätte es dem abend eine andere färbung gegeben, eine belastung eingeführt.

    was mir jetzt auffällt: bei beiden erlebnissen habe ich mich mit rücksicht auf andere zurückgenommen. das läuft sehr automatisch ab.
    manchmal merke ich, dass da etwas nicht stimmt.
    ich führe dieses verhalten auch auf die familiengeschichte zurück.

    grüße simmie

    hallo stern,

    ja die wogen haben sich geglättet, sagen wir einmal so. eine rolle spielte sicher auch, dass ich immer ein paar hundert kilometer entfernt gewohnt habe.
    die distanz war mir auch wichtig. irgendeine szene wie aus meiner kindheit habe ich immer gefürchtet wie der teufel das weihwasser, vermieden und nicht unbedingt gesucht.
    damals als jugendliche, als ich auf dem "wahrheitstrip" gewesen bin, konnte ich das nur, weil ich im ausland war, aus der ferne. das ist schwierig genug gewesen. das war ebenfalls ein ausnahmezustand. kräfteraubend.
    ich habe alles geschrieben, an meine mutter, in briefen. sie hat zurückgeschrieben. die briefe habe ich lange, lange nicht mehr hervorgeholt.
    sie hatte damals ehrlich geantwortet. gut, es war dann nicht mehr so schlimm, sie hat sich aber nicht komplett aus der sucht befreit.
    allein schon diese briefe zu lesen, kostet mich anstrengung. und es sind nur briefe.
    du schreibst von stärke, die bei mir durchklingt, diese stärke, war auch schon thema in der therapie, hat sich ja bei mir zwangsläufig entwickelt.
    das funktioniert bei mir unter schlechten bedingungen erstaunlich gut.
    zum beispiel hatte ich neulich eine arbeitskollegin gebeten, mir ihren teefilter zu leihen. das passierte drei oder vier mal, weil ich noch keine neuen papierflter besorgt hatte. sie äußerte ihr erstaunen darüber, dass ich etwas von ihr nehme oder brauche. so nach dem motto, ich hätte doch sonst immer alles und bräuchte niemanden zu fragen.
    genau so ist es. ich habe gelernt mit allem alleine ohne fremde hilfe klar zu kommen. in den entscheidenden situationen als kind gab es ja auch keine hilfe. ich hätte nicht zu anderen erwachsenen gehen können, nachbarn, lehrer und sagen können: hallo, ich hab da mal ein problem, meine eltern und so weiter. da war eher die unbewusste haltung: na, hoffentlich bekommt das keiner mit, wie schlimm das bei uns zu hause ist.
    ich habe immer gedacht, weil ich so vieles alleine bewältige, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. ich finde es selbst nicht ganz in ordnung.
    meine familiengeschichte kannte ich andererseits auch. doch habe ich mich lange zeit vielleicht auch dagegen gesträubt, eine verbindung zu ziehen, von da zu meinen defiziten. ich wollte einfach auch keine defizite haben sondern so sein wie andere auch.

    grüße
    simmie

    Hallo,

    wie schon in der Vorstellung geschrieben, ist durch den Tod meiner Mutter vor ca. einem Jahr, sie ihr Leben lang Alkoholikerin, meine Vergangenheit noch einmal an mich herangerückt.
    Ich mache seit einem Jahr eine Therapie, die jetzt noch mal ein Jahr lang gehen wird.
    Ihr Tod, dem eine Krebserkrankung voranging, hat mich stark erschüttert. Trotz der Alkoholkrankheit hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihr. Doch nun, wo sie nicht mehr lebt, kommen auch die negativen Teile wieder hoch.
    Sie war Spiegeltrinkerin und der absolute Höhepunkt des Konsums war während meiner Kindheit, als mein Vater noch lebte. Es gab viele Konflikte und Auseinandersetzungen. Meine Mutter benutzte den Alkohol, um ihre Aggressionen auszuagieren, ansonsten war sie eine sehr nachgiebige und friedfertige Frau.
    Das wurde nicht besser. Schließlich nahm sich mein Vater das Leben. Er war kein Alkoholiker. Ich hatte trotzdem kein gutes Verhältnis zu ihm.
    Letztendlich war ich damals in gewissem Maße erleichtert über den Tod, weil damit die Konflikte aufhörten und die Qual. Das ist möglicherweise nicht nachzuvollziehen.
    Gesprochen wurde darüber nicht. Das Thema war tabu. Ich habe allerdings meine Mutter als Jugendliche in Briefform mit der Wahrheit konfrontiert. Es hat sich, außer dass das Trinkverhalten sich gemäßigt hat, nichts geändert.
    Es wurde weiterhin ab vormittags getrunken.
    Ich habe ziemlich viele typische Verhaltensmuster aus dieser Geschichte, wie ich jetzt mehr und mehr bemerke: z.B. keine Ansprüche an andere stellen, übertriebenes Verantwortungsbewusstsein, Zurückstellen der eigenen Gefühle bzw. Ausblenden, Aushalten unangenehmer Beziehungen, Schuldgefühle ohne Ende, Probleme mit Nähe...
    Alles kommt nun hoch. Als meine Mutter noch lebte, war da irgendwie der Deckel drauf. Wir waren normal, nein, die Aussage meiner Mutter war, dass sie früher getrunken hätte. Das wars. Letztendlich wusste ich, dass das so nicht stimmte, habe es trotzdem geglaubt oder diese Lüge akzeptiert. Ich habe nicht gesagt, nein, das ist nicht wahr, du trinkst ja immer noch.
    Was hätte sie gesagt? Sie hätte das als Angriff gewertet. Sie hätte nicht gesagt, o.k. ich brauche das Zeug, es geht nicht anders, ich komme da nicht mehr heraus.
    Was bedeutet das? Ich selbst sehe es als Fehler oder Versagen von mir an, sie nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu haben bzw. das Trinken toleriert zu haben.