Uff, bin ganz schön fertich. Nachdem ich schon seit einigen Wochen ein-, gelegentlich auch zweimal pro Woche zum Sport gehe und mir schon deswegen regelrecht heldenhaft vorkomme, war ich heute zum ersten Mal Laufen – auf dem Sportplatz, schon allein damit ich nicht gleich wieder schlappmache. Ging, ähm lief sich gut, aber ich hab’s auch sehr niedrig dosiert – 1 Minute Laufen, 1 Minute Gehen, immer im Wechsel. Laufen für Feiglinge, sozusagen. Jetzt bin ich gespannt, ob ich es auch längerfristig schaffe, mich aufzuraffen.
Tja, sonst betätige ich mich in meinen verschiedenen Jobs und Projekten und verschicke hier und da Bewerbungen. Bin dabei für meine Verhältnisse erstaunlich zielstrebig, auch das hab ich der Abstinenz zu verdanken. Die Tiefs gibt es weiterhin, aber sie hauen mich nicht so um wie früher. Prima ist auch, daß ich mit Konflikten deutlich besser klarkomme – Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten? Na schön, ich hab’s zwar lieber friedlich, aber so etwas läßt mich nicht mehr in einem Meer aus Selbstmitleid versinken, wie es früher oft der Fall war. Interessant, wie schnell sich die Probleme dann in Wohlgefallen auflösen, meistens jedenfalls.
Irgendwo hab ich gelesen – und bei einem Vortrag hab ich’s auch mal gehört – daß Alkoholiker, sofern sie früh genug mit dem Trinken anfangen, in ihrer seelischen Entwicklung stagnieren; wenn sie dann endlich trocken werden, müssen sie sozusagen auch noch hinter den Ohren nachtrocknen, also die ganze, über Jahre hinweg verpaßte Entwicklung nachholen. Seufz. Fragt sich nur, auf welchem Level ich jetzt gerade bin – 19? 
@Currlinger: Was du da ansprichst, diese Weigerung, die eigene Abhängigkeit zu erkennen und sich und anderen gegenüber zuzugeben, ist das Wesen der Sucht. Oder zumindest ist es ein wichtiger Bestandteil der Sucht, der auch bewirkt, daß man sich mit dem Loskommen so fürchterlich schwer tut. Mir ist selbst gelegentlich aufgefallen, wie ich instinktiv – naja, eher suchtgesteuert – dem Thema Abhängigkeit ausgewichen bin, wenn es irgendwo zur Sprache kam. Das mußte nicht einmal im Zusammenhang mit mir sein, ich hätte mich immer am liebsten weggeschlichen, wenn sich das Gespräch um das Thema Sucht drehte.
Wie gesagt: Diese Vermeidungsstrategie ist mir natürlich ab und zu aufgefallen, aber ich habe das immer ganz schnell verdrängt, es war so ein schrecklich unangenehmer Gedanke. Daß mit mir etwas nicht stimmt, war mir dabei ganz klar, aber hätte ich den Gedanken weiterverfolgt, dann hätte ich etwas tun müssen. Und das wollte ich nicht, bzw. mein von der Sucht gesteuertes Hirn wollte das nicht. Einem “nassen” Alkoholiker erscheint die Vorstellung, für immer abstinent leben zu müssen, nämlich ganz grauenhaft.
Um es zusammenzufassen: ich war auch nicht in der Lage, über meine Alkoholabhängigkeit zu sprechen, auch nicht mit meinem Freund. Es ging einfach nicht, und zwar wegen der dann drohenden Konsequenz, aufhören zu müssen.
Meine Freunde und Bekannten haben offenbar nichts gemerkt, ich gehörte ja auch zu der Gattung “heimlicher Alki”. Also auf Parties was trinken, aber nicht bis zum Umfallen, zuhause dann nachtanken. Was glaubst du, wie eilig ich es manchmal hatte, nachhause zu kommen...
Was den “Zufall” betrifft – naja, es war eher eine Kombination von Ereignissen bzw. Erkenntnissen: Wegen meines ebenfalls alkoholabhängigen Vaters, dem es im vergangenen Jahr psychisch, aber auch körperlich ziemlich schlecht ging, hatte ich ja schon eine ganze Menge Bücher über das Thema Alkoholismus gelesen. Selbstverständlich habe ich die dort gewonnenen Erkenntnisse nie auf mich bezogen – bis die Parallelen so erdrückend wurden, daß ich gar nicht mehr anders konnte. Aber dieser Erkenntnisprozess hat einige Monate gedauert. Der letzte Schubs in Richtung Abstinenz-Entscheidung war dann ein ganz kurzer Abschnitt in einem eher unscheinbaren Buch über Alkoholismus (ich mach hier lieber mal keine Werbung); dort stand, daß es typisch für viele Alkoholiker sei, eben keine Hilfe zu suchen und sich stattdessen lieber alleine und deswegen auch erfolglos mit dem Problem herumzuschlagen. Das war für mich der Auslöser – bisher hatte ich gedacht, das sei eben meine etwas verquere Art, mit Problemen umzugehen. Daß diese Verhaltensweise Teil der Krankheit ist, war mir neu. Und zusammen mit der Erkenntnis, daß ich für den Weg raus aus der Sucht die Hilfe anderer in Anspruch nehmen muß, gab mir diese Information endlich die Energie und den Mut, die Trinkerei zu beenden.
JoeDoe : Ist schon erstaunlich, wie vergesslich wir sein können, oder? Wobei mir einige Dinge oft in der Selbsthilfegruppe wieder einfallen, nämlich immer dann, wenn ich denke, ein anderer erzählt gerade was aus meinem Leben... dabei hat der sich einfach genau so bescheuert aufgeführt wie ich ...
Übrigens: Gratulation zum tapferen und nüchternen Überstehen der postoperativen Schmerzattacken. Du weißt ja, für viele Indianer wurde Alkohol auch zum Verhängnis. Muß man lassen 
@ Plejaden: ich sehe es auch so, diese Erinnerungen sind oberflächlich betrachtet unangenehm, aber sie helfen echt weiter. Da greint das Suchtmonster angesichts der schmerzhaften Erinnerung an all die durchlittenen Katertage. Und in diesen Momenten hat es dem nix, aber auch gar nix entgegenzusetzen, ist dir das auch schon aufgefallen?
Die Was-wäre-wenn-Versuchung meldet sich bei mir zum Glück eher selten, warum, weiß ich auch nicht. Irgendwie hat sich offenbar die Erkenntnis, daß ich unwiderruflich abhängig bin, fest in meinem Hirn verankert (und ich hoffe, es bleibt dabei). Aber wenn dich solche bösen kleinen Hirngespinste plagen, dann gib sie doch einfach Elvis mit auf die Reise, den können sie wohl nicht mehr weiter stören. 
Oweh, was für ein langer Text - ich muß jetzt dringend aufs Sofa, Faulenzen.
Liebe Grüße,
Zeppeline